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Griechenland-Krise:Washington erhöht den Druck auf Europa

US-Finanzminister Jacob Lew warnt in Washington vor den extremen Risiken eines Grexits.

(Foto: AFP)
  • US-Finanzminister Lew: Europa geht in der Griechenland-Krise ein zu hohes Risiko ein.
  • Athen und Brüssel würden nur über ein paar Milliarden Euro streiten. Es stünden aber Hunderte Milliarden Euro auf dem Spiel, wenn die Verhandlungen scheitern würden.

Von Bastian Brinkmann

Mit ein paar Tausend Kilometer Abstand sieht man die Dinge natürlich anders. Der amerikanische Finanzminister Jack Lew wundert sich über die Europäer. Die Positionen von Griechenland und Brüssel seien doch gar nicht so weit auseinander, sagte er auf einer Veranstaltung der Denkfabrik Brookings. Zwischen den Parteien ginge es doch nur noch um ein paar Milliarden Euro. Jetzt habe sich die Situation so zugespitzt, dass sehr viel mehr auf dem Spiel stehe. "Das Risiko beträgt Hunderte Milliarden", sagt Lew.

Dass Brüssel dieses Missverhältnis eingeht, findet Lew unverantwortlich, auch wenn er es diplomatischer ausdrückt: "Das würde man eigentlich nicht machen." Washington will die Europäer zu einem Kompromiss drängen. Die USA fürchten, dass ein Grexit - der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone - doch wieder weltweite Verwerfungen an den Finanzmärkten verursachen könnte. Darunter würde die Wall Street leiden, das Herz des globalen Finanzkapitalismus.

Die Europäer kennen natürlich den Ernst der Lage. Sie bewerten aber das griechische Risiko deutlich geringer. Sie fürchten nicht mehr, dass Athen sie mit in den Abgrund reißen könnte, wenn es doch keinen Deal gibt, die Banken pleitegehen und die Regierung sich vielleicht gezwungen sieht, den Euro zu verlassen und eine eigene Währung einzuführen. Die Folgen für Griechenland wären unabsehbar, die Folgen für die restliche Euro-Zone wären aus Brüsseler Sicht beherrschbar.

Athen kann nicht mehr mit einem Grexit drohen, um einen Kompromiss zu erzwingen - diese Botschaft verbreiten mehrere EU-Krisenmanager. Benoît Cœuré, einer der Direktoren der Europäischen Zentralbank, hatte öffentlich gesagt, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro möglich ist. Ein Grexit "kann leider nicht mehr ausgeschlossen werden", sagte er zuletzt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte Dienstagabend, Brüssel sei auf alle Szenarien vorbereitet. Ein Grexit-Szenario sei im Detail ausgearbeitet.

US-Finanzminister Lew sieht zwar auch, dass ein Niedergang Griechenlands nicht mehr wie vor wenigen Jahren noch automatisch die anderen schwächeren Euro-Länder gefährden und somit das ganze europäische Bankensystem kollabieren lassen könnte. Doch ein Restrisiko bleibt aus seiner Perspektive - und deswegen fordert er Athens Gläubiger auf, sich zu bewegen. Das beinhaltet für ihn ausdrücklich auch eine Umstrukturierung der Schulden. Die Euro-Staaten sollen Athen also entweder einen Teil der Kredite erlassen, oder die Fälligkeit so weit in die Zukunft verschieben, dass die Schuldenlast dadurch kleiner wird.

Lew lobt ausdrücklich die Arbeit des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der hatte sich immer wieder dafür eingesetzt, Athen einen Teil der Schulden zu erlassen. Einen Schuldenschnitt haben allerdings Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble ausdrücklich ausgeschlossen.

© SZ/hgn/dd
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