Griechenland-Krise:Letzte Atempause für Athen

350 Millarden Euro Schulden, sieben Mal so viel wie die Staatseinahmen 2011: Im Grunde ist Griechenland längst pleite, solch horrende Summen wird keine Regierung zurückbezahlen können. Wenn das Land die Chance, die das neue Hilfspaket bietet, nicht nutzt, droht der innere Zerfall.

Christiane Schlötzer

Ramsch ist ein böses Wort, Ramsch heißt: nichts wert. Pleite ist auch so ein grausames Wort, wer pleite ist, hat nichts mehr zu melden. Eigentlich ist Griechenland längst pleite - oder wie soll man die Zahlungsfähigkeit eines Staates bewerten, der die Gehälter seiner Lehrer nur mit mehrmonatiger Verzögerung begleicht? Und der Privatunternehmer nicht mit Geld, sondern mit Staatsanleihen bezahlt? Mit Papieren also, die vielleicht bald nur noch Spielgeld sind?

Protesters demonstrate in Athens

Die Proteste gegen den Sparkurs der Athener Regierung werden immer stärker. Für viele Griechen kommt mittlerweile sogar ein Austritt des Landes aus der Euro-Zone in Betracht.

(Foto: dpa)

350 Milliarden Schulden hat Griechenland mittlerweile angehäuft. Das ist sieben Mal so viel, wie der griechische Staatsetat 2011 an Einnahmen veranschlagt hat. Schon dies zeigt, dass Hellas die horrende Summe kaum je begleichen können wird. Mit keinem Sparprogramm ist das zu machen - zumal Konsum und Konjunktur von zu vielen Einsparungen abgewürgt werden, womit jetzt die Ratingagentur Moody's begründet, warum sie Griechenlands Kreditwürdigkeit im Orkus sieht. Und wenn erst einmal klar ist, dass nichts mehr zu holen ist, dann lassen sich private Kapitalgeber nur noch mit Wucherzinsen locken.

Wer Griechenland helfen will, muss der Wahrheit ins Gesicht sehen. EU, Europäische Zentralbank und IWF haben auf den Griechen Giorgos Papandreou und seine Regierung gesetzt. Sie müssen nun feststellen, dass der Premier schwächer ist als erhofft. Er nahm zu viel Rücksichten auf alte Erbhöfe, Verantwortliche für das Defizit wurden nicht belangt, die Privatisierung von Staatseigentum wurde zu spät angepackt.

Depression und Wut - eine gefährliche Mischung

Nun will kaum noch einer im Land investieren. 50 Milliarden Euro Privatisierungserlöse für Wasserwerke und Wettanbieter dürften daher ein Traum bleiben. Und Papandreou laufen schon die eigenen Leute davon. Die Opposition gibt kein besseres Bild ab, sie betreibt Obstruktion und verweigert sich jedem Konsens, als stünde das Land nicht vor dem Abgrund.

Wo Politiker nur an die nächste Wahl denken, ist sich auch sonst jeder selbst der Nächste. Wer kann, hat sein Geld längst ins Ausland geschafft. Andere, die auch in Athen immer brav Steuern bezahlt haben, können das Desaster nicht fassen. Depression und Wut machen sich breit - eine gefährliche Mischung.

Immer mehr Griechen wünschen sich daher lieber ein rasches Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende. Sie reden einen Austritt aus der Euro-Zone und die Rückkehr zur Drachme geradezu herbei. Doch dann ginge der griechische Schlussverkauf erst wirklich los. Das Land stünde vor einer Art modernem Bürgerkrieg: Reeder gegen Rentner, Suppenküchenkunde gegen Spekulanten.

Wenn es nun ein neues Hilfspaket von EU, EZB und IWF für Hellas gibt, dann hat dies allerdings weniger mit einer berechtigten Angst um die griechische Demokratie zu tun. Berlin und Paris treibt vielmehr die Sorge um die Stabilität in der Euro-Zone um. Das verschafft Griechenland noch einmal eine Atempause. Es könnte die letzte sein - wenn Athen die Chance nicht nutzt.

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