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Griechenland:Mosaik

Nach der Elternbeiratssitzung schauen Voula Tousi und ihr Mann Argyris noch in einem Nachbarschaftszentrum vorbei, das sie zusammen mit Freunden eröffnet haben, schließlich ist Ausgehen mittlerweile viel zu teuer. "Ano Potamon", gegen den Strom, ist einer von vielen tausend Selbsthilfevereinen, die allerorten aus dem Boden schießen, man isst und vergnügt sich gemeinsam. An diesem Abend basteln sie unter Anleitung eines pensionierten Zahnarztes Mosaike. Panos Tsafolopoulos, der gerade gebrauchte Kacheln zu kleinen Steinchen zerhackt und einen Witz nach dem anderen reißt, sagt auf die Frage, was er beruflich mache: "Seit heute nichts mehr." Tsafolopoulos hatte einen Zulieferbetrieb für Elektronikhandel. Erst musste er nach und nach seine 50 Mitarbeiter entlassen, an diesem Tag hat er zugemacht: "Ich hatte früher 500 Kunden, aber die sind alle selbst am Ende. Seit September hat keiner mehr seine Rechnung gezahlt. Noch Raki?" Auf die Frage, warum er so heiter sei, sagt er: "Die Runde hier hilft. Außerdem bin ich nur einer von 5000, die es heute erwischt hat."

BESTPIX  Anti-Government Grafitti Adorns Athens

"Als tauche Gott ab": Dürers Betende Hände an einer Athener Hauswand.

(Foto: Milos Bicanski/Getty Images)

Statistisch gesehen könnte das stimmen, allein im November, dem letzten Monat, für den gesicherte Zahlen vorliegen, haben 126 000 Menschen ihre Arbeit verloren. Griechenland hat elf Millionen Einwohner. Die Arbeitslosenrate stieg so in vier Wochen von 18,2 auf 20,9 Prozent.

Dimitris, ein stiller Mann, der mit seinem streng gescheitelten Haar und seiner nüchternen Art in der sonst sehr legeren Runde auffällt, konstatiert trocken, das sei "nur das Vorspiel". Er ist im Back Office der Eurobank angestellt, die seit der Fusion mit der Großbank Alpha das größte Finanzinstitut Griechenlands ist. "Jetzt erwischt es dann die Großen, die mit mehr als 500 Angestellten. Ich seh's täglich an den Zahlen, kaum ein Unternehmen kann noch seine Leute bezahlen, wir schätzen, dass von zehn Firmen höchstens vier überleben werden." Geschichten über Freunde machen die Runde, vom Projektleiter im Ministerium, der nur mehr Cornflakes und Milch isst, seit seine Gehaltsüberweisungen ausbleiben. Von dem Sportpädagogen, dem die Gemeinde schon seit 13 Monaten keinen Lohn mehr ausgezahlt hat, der aber weiter Steuern und Versicherungen bezahlen muss.

Benzin

Durchschnittspreise in Athen:

Ein U-Bahn-Ticket: 1,40 Euro

Ein Liter Normalbenzin 1,78 Euro

Eine Minute Ortsgespräch mit Prepaid-Handy, Vodafone: 0,30 Euro

Ein Liter Milch bei Lidl: 0,85 Euro

250 g Butter bei Lidl: 1,19 Euro

Essen

Die Sophokleous. Die Athener sagten das früher so wie die New Yorker "Wall Street'' sagen: Hier saß die Börse bis 2007, in der Sophokleousstraße. Die Börse ist lange schon weg, heute gibt es hier die größte Armenspeisung des Landes. Zweimal am Tag durch die Gemeinde, jetzt, am Nachmittag, durch die Kirche. 1500 Mahlzeiten werden jeden Tag um 15 Uhr verteilt. Im August vorigen Jahres stieg die Zahl der Essenssuchenden sprunghaft an. "Mit einem Mal mussten wir 40 Prozent mehr Essen ausgeben", sagt Maria Pini, eine lebhafte, stämmige Mittfünfzigerin, die die Essensvergabe leitet.

Im Hof stehen alte Menschen mit Plastiktüten neben kleinen Mädchen in Flipflops. Schmutzstarrende Penner neben frisch frisierten Rentnerinnen. Pakistaner neben Griechen. Immer mehr Griechen. "Die Vergangenheit hatten wir unter Kontrolle", sagt Maria Pini, "Die Gegenwart lähmt mich. Und die Zukunft macht mir einfach nur Angst."

Es ist kalt heute, das ist gut, so kann man den Schal hoch und die Mütze tief ins Gesicht ziehen. Sie schämen sich. Die Mütter, die das Essen holen, solange die Kinder in der Schule sind, um es zu Hause schnell in den Topf zu kippen, so als hätten sie es selbst gekocht. Der 47-jährige Niko, der vor drei Jahren noch als Verkäufer gearbeitet hat und jetzt in einem Kellerraum lebt. Ein Nachbar schenkt ihm Zigaretten, ein anderer Kleider, die Frage nach staatlicher Unterstützung irritiert ihn: "Was meinen Sie?" Es gibt kein Hartz IV in Griechenland. Es gibt Arbeitslosenhilfe, etwas mehr als 400 Euro. Genau ein Jahr lang. Danach nichts mehr.

"Früher kamen vor allem die Immigranten und ein paar arme Griechen", sagt Maria Pini. "Die Leute, die jetzt zu uns kommen, die könnten meine Nachbarn sein, meine Freunde. Die Mittelschicht ist kollabiert." Und jeden Tag stehen mehr Menschen hier im Hof. Pini sagt, das Land sitze auf einer Zeitbombe. Wie lebt man in solchen Zeiten? "Zähne zusammenbeißen", sagt sie. "Wir brauchen Leute, die Stärke zeigen, auch wenn sie sich schwach fühlen."

Bienen

Es gibt sie, sogar überraschend oft, die hellen Geschichten, die Lichtblicke, die Leute, die sagen, jetzt erst recht. Und es gibt sogar einige, die in aller Unschuld von der Krise profitieren. Michael zum Beispiel, der in einer Nebenstraße im Zentrum von Thessaloniki einen Laden für Kletterbedarf betreibt. Seinem Geschäft geht es gut wie nie. "Jeder versucht doch, vor der Krise zu fliehen, also gehen die Leute in die Berge. Auch weil man draußen in der Natur kein Geld ausgibt." Er selbst macht mittlerweile nebenher eine Ausbildung an der American Farm School, Käserei, man kann ja nie wissen.

Diese Landwirtschaftsschule, 1904 von einem amerikanischen Missionar gegründet, um Kindern aus armen Bauernfamilien zu helfen, hat Zulauf wie nie zuvor. Immer wieder hört man von Leuten, die jetzt Bienen, Schafe, Schnecken oder Seeigel züchten, Urban Gardening und Kooperativen sind groß im Kommen, viele ziehen ins Dorf ihrer Eltern oder auf die Insel zurück, auf der sie von den Großeltern zwei Hektar Brachland geerbt haben. Viele sagen, sie würden damit auch zu ihren Wurzeln zurückkehren, Griechenland sei immer ein Land der Bauern gewesen.

Ein Nebenaspekt dieses kollektiven Trends zum Selbstversorgertum: Es riecht in den Städten immer wieder nach Feuer, Ruß, verbranntem Holz: Viele Menschen haben kleine Öfen gekauft, weil sie sich Öl- oder Stromheizung nicht mehr leisten können. Die Forstvereinigung schlägt Alarm, dem Land drohe der Kahlschlag.

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