bedeckt München 11°

Greensill-Skandal:Dummes deutsches Geld

Greensill Bank is pictured in downtown Bremen

In einem unscheinbaren Zweckbau nahe dem Bremer Rathaus hat die Greensill Bank, ein vermeintlich harmloses Geldhaus, ihren Sitz.

(Foto: Reuters)

Wirecard ist noch nicht aufgearbeitet - und schon leistet sich der Finanzplatz Deutschland mit Greensill den nächsten Skandal. Es ist kein Zufall, dass das Land immer wieder Problemfälle an sich zieht.

Kommentar von Meike Schreiber

Der nächste deutsche Finanzskandal kommt ausgerechnet aus dem kleinsten deutschen Bundesland: Bremen. In einem unscheinbaren Zweckbau nahe dem Rathaus hat die Greensill-Bank dort ihren Sitz, ein vermeintlich harmloses Geldhaus, das auf seiner Internetseite mit freundlichen Menschen und dem üblichen Marketing-Blabla wirbt ("Stärke ist Ihre Sicherheit", "seit Generationen zuverlässiger Partner", und natürlich gibt es dort ein "Wir-Gefühl"). Am Mittwoch aber wurde es dann plötzlich sehr unfreundlich, denn da sperrte die deutsche Finanzaufsicht Bafin das Institut kurzerhand zu.

Die Bank sei nicht in der Lage, "bilanzielle Forderungen" nachzuweisen, teilte die Behörde mit. Das Geldhaus hat also offenbar Kredite ohne Wert vergeben, an ein britisch-indisches Stahlimperium, an ihre strauchelnde australisch-britische Mutter Greensill Capital - und wer weiß an wen sonst noch. Viel mehr ist noch nicht bekannt, aber das ist wohl so ziemlich das Schlimmste, was ein Aufseher über ein Kreditinstitut sagen kann.

Über allem schwebt jetzt die Frage, worauf man sich am Finanzplatz Deutschland überhaupt noch verlassen kann. Die Pleite des Aschheimer Zahlungsdienstleisters Wirecard ist noch längst nicht aufgearbeitet, und schon leistet sich das Land das nächste peinliche Großereignis. Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen Wirecard und Greensill. So ist Greensill nicht an der Börse notiert, hat mithin keine Aktionäre in die Irre geführt. Aber dennoch finden sich erstaunlich viele Gemeinsamkeiten: Schon wieder erweisen sich Bilanzwerte als "nicht nachweisbar", schon wieder saugt eine vermeintlich harmlose Bank hierzulande Privatkundeneinlagen ein, um dubiose Geschäfte eines Mutterkonzerns zu finanzieren.

Die Folgen spüren nun die Kunden der Bank, die von ein paar Promille Rendite für Tages- und Festgeld angelockt wurden und vorerst nicht an ihr Geld kommen. Zwar wird die Sicherungseinrichtung der Privatbanken die Kunden vereinbarungsgemäß entschädigen, aber die Sache wird dennoch teuer: bis zu drei Milliarden Euro müssen die Privatbanken den Kunden wohl auszahlen. Ziemlich sicher werden die Banken den Schaden über höhere Gebühren auf ihre Kunden umlegen. Zu den Verlierern gehören zudem rund fünfzig deutsche Kommunen, die ihr Geld ebenfalls zu Greensill getragen haben, obwohl die Kämmerer wussten, dass sie seit 2017 nicht mehr der Einlagensicherung unterliegen. Der Stadt Monheim am Rhein etwa droht nun der Ausfall von 38 Millionen Euro. Das merken die Bürger vor Ort sofort.

In Fachkreisen gab es schon länger Warnungen, nur viele Kunden wussten nichts von alledem

Das eigentlich Schockierende ist, dass sich Greensill den Standort Deutschland ganz bewusst ausgesucht haben wird. Die Finanzaufsicht hierzulande gilt eben tatsächlich als so lax, dass sie solche Geschäftsmodelle geradezu anzieht. Zwar hat die Bafin diesmal früher reagiert als bei Wirecard, und zwar hat sie die Bank im Sommer offenbar in Mann-Deckung genommen und schlimme Zustände vorgefunden. Warum aber haben die Aufseher die Bank dann nicht früher geschlossen, warum war das Management überhaupt noch im Amt, warum durfte die Bank 2020 weiter Einlagen einsammeln? In Fachkreisen gab es schon länger Warnungen. Die ahnungslosen Kunden der Greensill-Bank aber wurden bis diese Woche im Unklaren darüber gelassen, dass die Marketingbotschaften auf der Internetseite der Bank rein gar nichts mit der Realität zu tun haben.

Natürlich wusste Greensill auch, dass sich viele Kunden in Deutschland lieber um ein paar mehr Promille auf dem Festgeldkonto Gedanken machen, anstatt in Aktien anzulegen. Obwohl einige schlechte Erfahrung gemacht haben: In der Finanzkrise mussten Tausende deutsche Sparer um ihr Geld bangen, als die isländische Kaupthing-Bank strauchelte und Island zunächst gar nicht daran dachte, die fremden Sparer zu entschädigen. Heute erleichtern zudem Zinsplattformen die Suche nach Banken mit brauchbaren Konditionen, die bei der Wahl der Partnerbanken wiederum auch nicht so genau hinschauen. Weil die Sparergelder in der Regel komplett abgesichert sind, spielt es für viele Kunden offenbar auch kaum eine Rolle, ob eine Bank überhaupt seriös ist. Der Fall Greensill sollte daher allen eine Lehre sein.

Immerhin aber hat sich hier nicht nur der Finanzplatz Deutschland blamiert. Auch die Schweizer Großbank Credit Suisse und das Japanische Finanz-Tech-Konglomerat Softbank sind auf Greensill reingefallen, um nur zwei prominente Namen zu nennen. Credit Suisse etwa hat Greensill-Kredite als sichere Anlage in großem Umfang an Profi-Investoren verkauft, die sich nun sicherlich auch einige Fragen stellen. So ist Bremen diese Woche verbunden mit der großen weiten Welt.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Markus Braun Testifies In Wirecard Commission

SZ PlusWirecard
:Szenen einer Ehe

In den Vernehmungen beschreibt der Ex-Wirecard-Vorstand Markus Braun das Verhältnis zu Jan Marsalek. Es klingt wie die Geschichte eines Paares, das sich mal sehr mochte, bis einer grußlos die Koffer packt.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Ralf Wiegand

Lesen Sie mehr zum Thema