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Wandbilder:Graffiti auf Bestellung

Graffiti auf Bestellung

Apfel an der Wand: Die Künstler von "Lackaffen" verschönern einen Gemüseladen.

(Foto: Steve Przybilla)

Die meisten Hausbesitzer wollen mit Sprayern nichts zu tun haben. Doch es gibt gute Gründe dafür, eine Fassade von Profis aufpeppen zu lassen.

Von Steve Przybilla

Simon Horn erhielt seinen bisher ungewöhnlichsten Auftrag aus dem Bordell. "Ich sollte ein Pin-up-Girl malen, das mit einer Wildkatze die Treppe runtergeht", erinnert sich der 37-Jährige, der im Laufe seiner Karriere schon so manches Motiv umgesetzt hat. Die Dame mit Leopard - riesengroß platziert an einer Bonner Hauswand - ist noch heute ein echter Hingucker. "Wenn man mit dem Zug nach Köln fährt, kann man sie gut sehen", sagt Horn. "Ich freue mich jedes Mal."

Horn sprüht schon lange Graffiti. Wie die meisten Sprayer hat er sich sein Handwerk selbst beigebracht - im Schutz der Dunkelheit und auf der Hut vor der Polizei. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Vor zwölf Jahren, noch während des Politikstudiums, gründete er zusammen mit einem Kollegen die Firma "Highlightz". Heute verdient er als legaler Fassadenkünstler sein Geld, zahlt Steuern und gibt sechs Angestellten Arbeit. Mit seinen Werken macht er nicht nur Bordellbesitzer glücklich, sondern einen breit gefächerten Kundenkreis.

"Das Geschäft läuft wirklich gut"

"Viele Aufträge kommen von Stadtwerken, die ihre Energieversorgungsstationen verschönern wollen", sagt Horn. Aber auch Supermärkte, Restaurants oder Eigentümerinnen von Einfamilienhäusern gehörten zu seinen Kunden. "Das Geschäft läuft wirklich gut", sagt der Sprayer, der inzwischen deutschlandweit für Aufträge gebucht wird. Angenehmer Nebeneffekt: "Wenn eine Wand professionell besprüht wurde, wird sie von anderen in Ruhe gelassen", sagt Horn. Ein Ehrenkodex, an den sich seinen Angaben zufolge die meisten Sprayer halten.

Der Bonner Fassadenkünstler ist nicht der Einzige, der sein Geld mit offiziellen Aufträgen verdient. In nahezu jeder Großstadt gibt es entsprechende Anbieter, die Außen- und Innenwände nach Belieben gestalten. Mal sind es riesige Dinosaurier im Kinderzimmer, mal ist es eine Blumenwiese auf einem kommunalen Trafohäuschen. Selbst Wohnungsbaugenossenschaften lassen ganze Häuserblocks in bunten Farben erstrahlen, was teilweise paradoxe Züge annimmt: Manchmal geben dieselben Leute, die illegale Graffiti bekämpfen, legale Fassadenmalereien in Auftrag. Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters.

Brigitte Dielenhein ist eine von denen, die sich bewusst für ein Graffiti entschieden haben. Schon ihr heimisches Garagentor hat sie mit einem surrealen Bild besprühen lassen. Jetzt steht die 53-Jährige vor ihrem Gemüseladen in der Gladbecker Fußgängerzone und beobachtet, was im Inneren vor sich geht. Hineingehen will sie lieber nicht, denn in der Enge herrscht Hochbetrieb: Es riecht nach Farbe, auf dem Boden stehen Spraydosen, und drei Männer mit Atemschutzmasken wuseln unter Leitern umher. Nach und nach zaubern die Sprayer ein überdimensionales Obst- und Gemüse-Sortiment auf die Wände: Auf der einen Seite Äpfel, Birnen und Peperoni, auf der anderen Tomaten, Zwiebeln und Weintrauben.

Das Motiv ist in Zusammenarbeit mit den "Lackaffen" entstanden - so heißen die Fassadengestalter aus Münster, an die sich Dielenhein mit ihrem Anliegen gewandt hat. "Eigentlich wollte ich ein Füllhorn", erzählt die Geschäftsfrau. Das aber wäre zu kleinteilig gewesen, erklärten ihr die Experten. Mit dem nun gewählten Kompromiss ist sie zufrieden: "Viel besser als die altbackenen, gerahmten Bilder, die hier früher hingen", findet Dielenhein, die den Gemüseladen im Januar 2021 übernommen hat. "Die Kunden werden darauf stehen", ist sie sich sicher. Was so ein Bild kostet? "Geld", antwortet die Geschäftsfrau. Zu den genauen Kosten möchte sie partout nichts sagen. Außer: "Das war es mir wert."

Der Zoo möchte einen Gorilla, die Stadtverwaltung das Porträt eines berühmten Einwohners

Auskunftsfreudiger gibt sich Philipp Scharbert, der Gründer und Inhaber der Lackaffen. Auch er sprühte früher illegal. "Als ich 14 war, habe ich meinen Vater verloren", sagt Scharbert. "Danach bin ich ein bisschen auf die schiefe Bahn geraten." Vor allem Züge und Brückenbauwerke seien von seiner "Kunst" nicht verschont geblieben. "Irgendwann habe ich zum Glück die Kurve gekriegt", erzählt der 41-Jährige. Während seines Studiums nahm er erste Aufträge an; mit 24 Jahren machte er sich schließlich selbständig. Was früher die schnelle Kritzelei am Zugwaggon war, sind heute aufwendige Bildkompositionen, die er mit seinen Kundinnen und Kunden bespricht.

"Die Motive sind sehr unterschiedlich", sagt Scharbert. Oft gebe es regionale Bezüge: Ein Zoo möchte einen Gorilla, eine Stadtverwaltung das Porträt eines berühmten Einwohners. Und bei Privatleuten? "Da kommt es sehr auf die eigenen Vorlieben an", erklärt Scharbert. "Manche stehen auf Oldtimer, andere auf Pferde oder Wasserfälle." Obwohl sein Geschäft boomt und er nach eigenen Angaben bis zu hundert Bilder pro Jahr umsetzt, gehören bunte Hauswände trotzdem noch nicht zum Mainstream. "In kleinen Vororten sieht man sie eher selten", sagt der Profi-Sprayer. "Hauseigentümer, die sich so was trauen, kommen vor allem aus der Großstadt."

Graffiti auf Bestellung

Auch Bordelle lassen ihre Fassaden hin und wieder gestalten. So etwa das Eros Center in Bonn.

(Foto: Highlightz)

Je nach Aufwand gehen die Fassadenarbeiter entweder direkt ans Werk oder sie malen ein Raster vor, an dem sie sich später orientieren. Ebenfalls möglich: eine Projektion des Motivs per Beamer. "In diesem Fall arbeiten wir nachts, was das Ganze natürlich aufwendiger macht", sagt Scharbert. Was die Kosten angeht, verweist er auf höchst unterschiedliche Anforderungen. Es komme sowohl auf die Größe des Bildes als auch auf den Untergrund und den Aufwand an. Als groben Wert nennt er 35 bis 200 Euro pro Quadratmeter. In Bonn ruft "Highlightz"-Chef Simon Horn ähnliche Preise auf; dort liegen sie bei 50 bis 300 Euro pro Quadratmeter.

Wer einmal sein Haus verschönert hat, müsse sich die nächsten 15 Jahre keine Sorgen machen, versichern die Anbieter. So lange seien die professionellen Farben vor dem Verblassen geschützt - in Innenräumen sogar noch länger.

Doch nicht alle in der Branche setzen auf Sprühdosen. So bezweifelt die Cottbuser Fassadengestaltungsfirma Strauss & Hillegaart die Langlebigkeit derartiger Projekte. Auch falle bei Graffiti viel Chemie und Abfall an, schreiben die Fassadenkünstler auf ihrer Homepage. Als Beispiel nennen sie eine 600 Quadratmeter große Wand in Köln, für deren Umsetzung man mindestens 300 Spraydosen benötigt habe. "Umwelttechnisch für uns ein Albtraum", schlussfolgern die Auftragsmaler, die bei ihren Projekten stattdessen auf klassische Sprühpistolen setzen. Das solle aber kein negatives Urteil gegenüber anderen Sprayern darstellen, betonen die Cottbuser: "Wir staunen immer noch wie am ersten Tag über Oldschool-Graffiti-Artists und neue Talente. Doch war dieser Weg für uns nie eine Option."

Nicht alle Motive sind erlaubt

Egal ob Privathaus, Garage oder Bürogebäude: Wer eine Mauer aufpeppen möchte, muss sich im Vorfeld zweifellos einige Gedanken machen: Wie soll das Motiv aussehen? Spraydose oder Sprühpistole? Profiarbeit oder "Low Budget"? Und dann wären da natürlich noch die Nachbarn. "Bei mir hat sich niemand getraut was zu sagen", erzählt Brigitte Dielenhein, die Gemüseladen-Besitzerin aus Gladbeck, die ihre heimische Garage besprühen ließ. Sie lacht. "Ich hätte mir auch nichts daraus gemacht, was andere denken. Muss ja mir gefallen."

Ein Garagenkomplex in Kiel, die Garagentore von einem Streetart-Künstler mit Oldtimermodellen bemalt Kiel Schreventeich

Triste Garagentore? Sie lassen sich mit der Sprühdose verwandeln.

(Foto: Petra Nowack/Imago)

Aber Achtung: Nicht alle Motive sind erlaubt! Während sich pornografische, rassistische oder anderswie strafrechtlich relevante Motive an Außenwänden ohnehin verbieten, gibt es auch bei vermeintlich harmlosen Dingen regelmäßig Ärger. So regeln neben dem Baugesetzbuch in vielen Gemeinden spezielle Gestaltungssatzungen, was "schön" ist und was nicht. Der Eigentümerverband "Haus und Grund" weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich Gebäude normalerweise in die nähere Umgebung einfügen müssen. Was das im Einzelfall bedeutet, darüber sind schon viele Nachbarschaftsstreitigkeiten und Gerichtsprozesse geführt worden - bis hin zum Zwangsüberstreichen.

Natürlich gibt es auch viele Menschen, die sich über ihre bunten Nachbarhäuser freuen. Im Bonner Industriegebiet hat sich offenkundig niemand über die leicht bekleidete Dame mit dem Leoparden beklagt. Eine solche Beschwerde wäre wohl auch schwer haltbar gewesen. Das Bordell war schließlich vorher schon da.

© SZ
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