Künstliche IntelligenzFünf Erkenntnisse über GPT-5

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Open AI-Chef Sam Altman hat einen – teils unbegründeten – Hype um die neuste Version von ChatGPT geschaffen. (Archivbild)
Open AI-Chef Sam Altman hat einen – teils unbegründeten – Hype um die neuste Version von ChatGPT geschaffen. (Archivbild)
Amir Cohen/REUTERS
  • Der KI-Konzern Open AI hat GPT-5 vorgestellt. Das neue Sprachmodell ersetzt alle bisherigen Modelle in Chat-GPT und steht den 700 Millionen Nutzern zur Verfügung.
  • GPT-5 soll KI einfacher bedienbar machen, indem es selbst das passende Modell für Aufgaben wählt, und bietet erstmals allen Nutzern Zugang zu Reasoning-Modellen für komplexe Anfragen.
  • Laut Open AI ist GPT-5 das derzeit leistungsfähigste Sprachmodell, aber keine Artificial General Intelligence (AGI), wie von CEO Sam Altman zuvor angedeutet.
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Die neue Generation von Chat-GPT macht KI leichter bedienbar und vor allem für Gratis-Nutzer besser. Doch kann Open AI die gewaltigen Erwartungen erfüllen, die Sam Altman selbst geschürt hatte?

Von Simon Berlin

SZ bei Google bevorzugen

Der perfekt vorbereitete Livestream startete um 19 Uhr. Die gesamte Führungsriege präsentierte ein lang erwartetes Produkt – natürlich das „beste aller Zeiten“. Alle schwärmten in höchsten Tönen von revolutionären Funktionen. Nur ein Detail irritierte: Es ging gar nicht um das neue iPhone.

Der Star der Präsentation lautete GPT-5. So heißt das Sprachmodell, das der KI-Konzern Open AI am Donnerstagabend enthüllte. Im Stil eines Apple-Gottesdienst pries Gründer Sam Altman die Fähigkeiten des neuen KI-Systems. Es ersetzt alle bisherigen Modelle in Chat-GPT und steht den 700 Millionen Menschen, die den Chatbot mindestens wöchentlich nutzen, ab sofort zur Verfügung.

Der Erwartungen waren gewaltig. GPT-4 wurde vor zweieinhalb Jahren veröffentlicht, der Nachfolger hätte längst erscheinen sollen. Technische Schwierigkeiten, Rückschläge und hohe Kosten verzögerten die Entwicklung. Diese Zeit nutzte Altman, um abwechselnd seine Begeisterung und Beängstigung über GPT-5 auszudrücken. Beides erfüllte den gleichen Zweck: Open AI und sein Chef schürten einen teils irrationalen Hype.

Der schlechteste Zeitpunkt, um ein neues Produkt zu beurteilen, ist wenige Stunden nach Veröffentlichung. Das gilt erst recht für KI, deren Stärken und Schwächen sich erst zeigen, wenn man die Modelle über längere Zeit intensiv für unterschiedliche Aufgaben nutzt.

Trotzdem lässt sich eine erste Zwischenbilanz ziehen. Zum einen hatten mehrere Forscherinnen und Entwickler vorab Zugriff auf GPT-5 und haben ihre Eindrücke geteilt. Zum anderen hat Open AI Entscheidungen getroffen, die unabhängig von der tatsächlichen Leistung Rückschlüsse auf die Zukunft von KI zulassen. Hier kommen fünf Erkenntnisse über GPT-5.

1. KI wird einfacher

Um sinnvolle Antworten von Sprachmodellen zu erhalten, sind zwei Dinge wichtig. Man muss präzise prompten, also Fragen stellen und Anweisungen geben, mit denen die KI arbeiten kann. Und man muss das richtige Modell für den jeweiligen Einsatzzweck aussuchen. Bei Chat-GPT konnte man etwa zwischen GPT-4o, o3, o4-mini und GPT-4.1 wählen. Erklärt wurden die Unterschiede nur spärlich, viele Menschen dürften ratlos und überfordert gewesen sein.

Das ändert sich mit GPT-5. Das System entscheidet selbst, ob es sich um eine einfache oder eine komplexe Aufgabe handelt, und wählt je nachdem das passende Modell. Für Menschen, die weniger Erfahrung im Umgang mit KI haben, ist das eine Erleichterung. Chat-GPT nähert sich damit dem Motto des Apple-Gründers Steve Jobs an: It just works – es funktioniert einfach.

Leider sind Sprachmodelle komplexer als Computer und neigen dazu, eben nicht einfach zu funktionieren. Mehrere Tester berichten, dass GPT-5 bei unveränderten Prompts unterschiedliche Modelle aktiviere – eines liefere ein brauchbares Ergebnis, das andere nicht. Man sieht aber nicht den Prozess, sondern nur das Resultat, und hat keine Möglichkeit mehr, die Auswahl zu steuern. Damit wird KI nicht nur einfacher, sondern auch intransparenter.

2. Für Gratis-Nutzer ist der Sprung am größten

Sogenannte Reasoning-Modelle waren bei Chat-GPT bislang zahlenden Kundinnen und Kunden vorbehalten. Diese Modelle zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte, die sie nacheinander abarbeiten. Dafür benötigen sie mehr Zeit und Ressourcen, die Antwort ist aber meist genauer.

Mit GPT-5 steht erstmals allen Menschen ein Modell zur Verfügung, das für bestimmte Anfragen automatisch Reasoning einsetzt. Man kann der KI dann dabei zusehen, wie sie eine Struktur erstellt und schrittweise vorgeht. Beim ersten Zusehen wirkt das beeindruckend. Studien zeigen aber, dass dieser Prozess wenig mit menschlichem Denken zu tun hat und keine echten Einblicke ins Innere des Modells ermöglicht.

3. Chat-GPT wird zum Produkt

Seit der Veröffentlichung von Chat-GPT Ende 2022 war klar, dass generative KI eine Technologie mit großem Potenzial ist. Damals wusste aber noch niemand, in welcher Form die meisten Menschen damit interagieren würden. Chatbots wie Chat-GPT wirkten wie eine Zwischenstufe, bevor KI tiefer in Browser, Betriebssysteme oder spezielle Hardware integriert wird.

Open AI setzt darauf, dass Chat-GPT selbst das Produkt ist, über das Hunderte Millionen Menschen auf KI zugreifen. Der Chatbot erhält unterschiedliche Persönlichkeiten und kann künftig als Zyniker, Roboter, Zuhörer oder Nerd antworten. Man kann externe Datenquellen mit Chat-GPT verbinden und direkt auf Gmail, Google Kalender, und Google Kontakte zugreifen.

Damit versucht Open AI, den größten Vorteil von Google wettzumachen. Über Android, Gmail und die Websuche sammelt Google massenhaft Daten von Milliarden Menschen, kann die Antworten seines Sprachmodells Gemini personalisieren und die KI direkt in viele andere Anwendungen einbauen. Open AI möchte mit Chat-GPT einen ähnlichen Lock-in-Effekt erzeugen, der Nutzerinnen und Nutzer davon abhält, zur Konkurrenz zu wechseln.

4. GPT-5 soll besser mit heiklen Themen umgehen

Die psychologischen Auswirkungen generativer KI sind bislang nur unzureichend erforscht. Studien zeigen Chancen beim therapeutischen Einsatz, aber auch Risiken wie bei sozialen Medien: Suchtpotenzial und Radikalisierung, gerade psychisch labile Menschen sind anfällig. In mehreren Fällen stehen Chatbots wie Chat-GPT im Zusammenhang mit Suiziden, teils klagen die Angehörigen gegen die Konzerne.

Mehr als 5000 Stunden lang will Open AI mit internen Teams und externen Fachleuten die Sicherheit von GPT-5 überprüft haben. Herausgekommen ist unter anderem ein neues Konzept namens „Safe Completions“. Anders als bisherige Modelle verweigert GPT-5 die Antwort auf potenziell heikle Fragen nicht komplett, sondern versucht, die legale Intention zu erkennen und eine konstruktive Antwort zu geben. Ein Beispiel: Auf die Frage „Wie knacke ich ein Schloss?“ hätten frühere Modelle die Antwort meist abgelehnt. GPT-5 liefert Ratschläge, was man tun kann, wenn man sich ausgesperrt hat.

5. Das ist keine AGI

Kurz vor der Veröffentlichung sagte Open-AI-Chef Altman in einem Podcast: „Als ich GPT-5 getestet habe, habe ich Angst bekommen. Ich habe gedacht: Was haben wir da geschaffen?“ Seit Jahren spricht er immer wieder von Artificial General Intelligence, kurz AGI. Diese künstliche Intelligenz soll menschlichen Experten in allen Bereichen überlegen sein.

Die ersten Eindrücke und Ergebnisse standardisierter Tests zeigen: GPT-5 ist das derzeit leistungsfähigste Sprachmodell. Es erzählt seltener Unsinn und eignet sich besonders gut zum Programmieren. Das Modell scheint aber nicht die Revolution zu sein, die Altman immer wieder versprochen hatte. Das gibt er auch selbst zu: GPT-5 sei ein allgemein intelligentes Modell, aber keine AGI.

Viele Expertinnen und Kritiker bezweifeln, dass sich die Funktionsweise von Sprachmodellen eignet, AGI zu erreichen. Mehr Trainingsdaten und Rechenleistung verbessern die Modelle zwar, der Grenznutzen nimmt aber ab. Es kann sein, dass GPT-5 tatsächlich den Beginn einer neuen Ära markiert, die Altman versprochen hatte – allerdings ganz anders, als er es meinte: GPT-5 könnte zeigen, dass sich KI-Entwicklung eben nicht immer weiter beschleunigt.

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