Lieferdienste:Foodpanda zieht sich aus Deutschland zurück

Lesezeit: 3 min

Lieferdienste: Der eine kommt, der andere geht. Das geht schnell bei den Lieferdiensten.

Der eine kommt, der andere geht. Das geht schnell bei den Lieferdiensten.

(Foto: Christian Mang/Reuters)

Dem Essenslieferdienst von Delivery Hero war der deutsche Markt zu hart. Ist das der Anfang vom Ende der Sofort-Lieferdienste?

Von Michael Kläsgen

Vor sechs Wochen erst hatte Delivery Hero angekündigt, seinen Essenslieferdienst Foodpanda in weiteren deutschen Städten anzubieten. Am Mittwoch brach Vorstandschef und Mitgründer Niklas Östberg dann die Expansion plötzlich ab. Der im Leitindex Dax notierte Konzern stellt Foodpanda Deutschland wieder komplett ein - nur wenige Monate nachdem die pinken Bären hier gestartet waren. Nur die Entwicklungsabteilung in Berlin soll von dem Dienst übrig bleiben.

Ist das der Anfang vom Ende der Schnelllieferdienste in Deutschland? Erweist sich die Skepsis von Kritikern wie Frank Appel jetzt als begründet? "Braucht man Lebensmittel wirklich innerhalb einer halben Stunde?", fragte der Post-Chef neulich öffentlich. Aus seiner Sicht: nein.

Millionen Deutsche, die Kunden von Gorillas, Flink oder Doordash sind, sehen das anders - Investoren ebenfalls. Nach wie vor fließen Milliarden in die Start-ups. Deswegen sollte man das Geschäftsmodell nicht voreilig abschreiben. Die Kehrtwende von Delivery Hero zeugt zunächst einmal von fehlender strategischer Weitsicht. Zudem zieht sich Foodpanda nicht aus allen Märkten zurück, sondern nur aus seinem Heimatmarkt.

"Der deutsche Markt ist im Vergleich zu anderen für Lieferdienste unattraktiv", sagt Marc Funk, Experte auf dem Gebiet der Lieferdienste und Gründer der E-Food-Plattform Front Now. "Die Deutschen sind sehr preissensibel, und die Arbeitsrechte sind, was ich gut finde, weitreichender als anderswo." Kurzum: Die Margen sind gering, die Kosten hoch.

Lieferdienste: Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg.

Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Als börsennotierter Konzern hat Delivery Hero aber klare Ziele. Östberg steckte sie vor Kurzem besonders hoch. Die operative Gewinnmarge solle langfristig gemessen am Gesamtumsatz bei fünf bis acht Prozent liegen, kündigte der Schwede an. Noch fährt der Konzern jedoch hohe Verluste ein, und bei Foodpanda dürften sie wie bei allen anderen schnell wachsenden Lieferdiensten besonders hoch sein. Foodpandas Expansion in Deutschland hätte das Erreichen der Ziele somit erheblich erschwert. Kein Wunder insofern, dass der Aktienkurs von Delivery Hero in die Höhe schnellte, nachdem Östberg das Ende des Dienstes in Deutschland verkündet hatte.

Hinzu kommt ein weiteres Problem, mit dem alle Anbieter von Gorillas über Flink bis Wolt zu kämpfen haben. Es gibt in der Summe nicht genügend Fahrer für alle Dienste, die den Job machen wollen. Das erkennt man unter anderem daran, dass die Rider nicht mehr wartend vor den Warenlagern stehen und die versprochene Lieferzeit von zehn Minuten in vielen Fällen teils weit überschritten wird. Östberg hatte in einem Tweet schon vor Wochen auf den Fahrermangel hingewiesen.

Flink hat jetzt die besten Karten - und Rewe als starken Partner an seiner Seite

Scheitert das Geschäftsmodell am Ende daran? "Das ist nicht das Ende des Quick Commerce in Deutschland", sagt Funk, "sondern nur das Ende des unkontrollierten Aufpoppens von immer mehr Schnelllieferdiensten. Und es ist der Anfang der Konsolidierung des Marktes." Konsolidierung heißt: Ein Unternehmen kauft das andere, bis von den vielen nur noch wenige übrig bleiben.

Es kann sein, dass Delivery Hero sich nur vorübergehend aus dem Markt in Deutschland zurückzieht, um zu gegebener Zeit einen Anbieter aufzukaufen. Mit etwa acht Prozent ist der Konzern seit Oktober bereits an dem Berliner Start-up Gorillas beteiligt. Im Moment sieht es allerdings so aus, als habe Östberg damit nicht auf den richtigen Anbieter gesetzt.

Gorillas steht seit Monaten öffentlich in der Kritik. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, seine Fahrer mies zu behandeln. Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland registrieren so etwas durchaus. Studien belegen, dass es kaum Händlertreue hierzulande gibt, wohl aber eine Produkttreue. Das spricht gegen Gorillas. Die Konsumenten kaufen ihr Nutella sozusagen lieber beim Saubermann als beim Bösewicht, wenn sie es auch dort bekommen. Schlecht für Gorillas.

Als der größte Saubermann gilt im Moment Flink - zumindest trägt der Lieferdienst bisher keinen öffentlichen Clinch mit seinen Mitarbeitern aus. Flink sammelte kürzlich in einer Finanzierungsrunde nach eigenen Angaben 750 Millionen Dollar ein und holte den US-Konkurrenten Doordash an Bord. Der Lebensmittelkonzern Rewe ist schon an Flink beteiligt und zeigt sich darüber sehr zufrieden.

"Unsere Entscheidung zur Partnerschaft mit Flink im April dieses Jahres hat sich als richtig und erfolgreich erwiesen", sagte Rewe-Chef Lionel Souque vor wenigen Tagen. "Flink ist in Deutschland jetzt die Nummer eins im Quick Commerce und hat optimale Voraussetzungen, diese Marktführerschaft weiter auszubauen." Von einem Ende des Geschäftsmodells Schnelllieferdienste kann insofern keine Rede sein, höchstens davon, dass gerade die Karten neu gemischt werden.

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