Lieferdienste:Neues Geld für die Gorillas

Lieferfahrer/Rider im Auslieferungslager des Lieferdienstes Gorillas in Dortmund. Der Lieferdienst verspricht, Lebensmi

Jetzt aber schnell: Ein Fahrer in einem Auslieferungslager von Gorillas in Dortmund. Der Lieferdienst verspricht, Lebensmittel in unter zehn Minuten mit dem Fahrrad zu liefern.

(Foto: Friedrich Stark/Imago)

Der Dax-Konzern Delivery Hero investiert ausgerechnet in den umstrittenen Schnelllieferdienst - und kauft sich so mit einem Schlag in die größte Fahrerflotte des Landes ein.

Von Michael Kläsgen

Auf den ersten Blick scheint das alles andere als verständlich zu sein: Warum steigt der Dax-Konzern Delivery Hero, der mit seinen Lieferdiensten weltweit erfolgreich ist, ausgerechnet bei Gorillas ein? Delivery Hero gab am Dienstag bekannt, für etwa 200 Millionen Euro acht Prozent an dem umstrittenen Quick-Commerce-Anbieter erworben zu haben. Diese Lieferdienste wollen Onlinebestellungen in Stunden oder Minuten zum Kunden bringen. Gorillas, Anfang 2020 von dem Berliner Unternehmer Kağan Sümer gegründet, sieht sich seit Monaten mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Fahrer schlecht zu behandeln.

Erst Ende vergangener Woche warf das Gorillas Worker Collective, ein loser Zusammenschluss von Mitarbeitern, dem Unternehmen vor, Fahrer von der Sozialversicherung abgemeldet, aber weiter beschäftigt haben. Das Unternehmen widersprach dem, so wie es fast im Wochentakt Negativschlagzeilen ausräumen muss. Ein paar Tage zuvor musste es sich etwa dafür rechtfertigen, Mitarbeitern fristlos gekündigt zu haben. Grund dafür war, dass diese sich an wilden Streiks und Blockaden beteiligt haben sollen, die nach Ansicht des Unternehmens, andere Mitarbeiter gefährdet hätten.

Streit, Ärger. Vorwurf, Reaktion - so geht das seit Monaten. Das Resultat: ein ziemlich ramponiertes Image.

"Wer keinen starken Partner hat, wird langfristig nicht überleben"

Unter Gründern und Investoren gilt Gorillas dagegen als mit das Spannendste, was die deutsche Start-up-Szene im Einzelhandel seit Zalando hervorgebracht hat. Und jetzt auch noch der Einstieg eines Dax-Konzerns. Das ist für Gorillas so etwas wie eine Überlebensgarantie und Doping für das Rennen um den ersten Platz im Quick-Commerce. "Wer keinen starken Partner hat, wird langfristig nicht überleben", sagt Marc Funk, Gründer der E-Food-Plattform Front-Now.

Gorillas strauchelte zuletzt, war zeitweise erfolglos auf Investorensuche, die Finanznot groß. Tag für Tag verbrannte das Start-up Geld. An Liquidität wird es mit einem Dax-Konzern im Gesellschafterkreis aller Voraussicht nach so schnell nicht mehr mangeln.

Lieferdienste: In zehn Minuten bei Kunden: Fahrradkurier mit Gorillas-Rucksack in Berlin.

In zehn Minuten bei Kunden: Fahrradkurier mit Gorillas-Rucksack in Berlin.

(Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP)

Und Delivery Hero? Was hat die Dax-Firma, die mit Foodpanda ein ähnliches Angebot aufbaut, von dem Start-up mit dem angekratzten Image? "Foodpanda und Gorillas werden sich die Fahrer teilen", sagt Funk, der mit Getnow selber einen Lieferdienst gründete. Es geht also im Wesentlichen bei dem Deal auch um die Fahrer, die von vielen Diensten nachgefragt werden und schwierig zu bekommen sind. Delivery Hero kauft sich so mit einem Schlag in die größte Fahrerflotte eines Lieferdienstes in Deutschland ein, aber auch weltweit. Denn das ist der Anspruch der Konzerns.

Niklas Östberg, Chef und Mitbegründer von Delivery Hero, sagt, der Konzern habe es sich zur Aufgabe gemacht, den schnellen Handel "weltweit" voranzutreiben. Insofern passt es, dass Gorillas bereits in neun Ländern unterwegs ist, darunter in den USA, dort in New York, und insgesamt 11 000 Mitarbeiter beschäftigt. Rainer Münch, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman geht aber noch weiter: "Delivery Hero hat die Beteiligung an einer ganzen Infrastruktur mit Fahrern und Lagern gekauft", sagt er, "eine Marke, eine Stammkundenklientel, digitale Kundenzugänge und die Kompetenz, ins Ausland zu expandieren."

Auch Investoren aus China glauben an Gorillas

Wer noch bezweifelt haben sollte, dass sich Zehn-Minuten-Lieferdienste mit Namen wie Flink, Wolt oder Getir halten können, ist nun eines Besseren belehrt. Das Geschäftsmodell ist aus Großstädten kaum mehr wegzudenken. Gorillas hat es geschafft, in nur einem Jahr einen Umsatz von über 300 Millionen Dollar zu erzielen, bei einem kontinuierlichen zweistelligen monatlichen Umsatzwachstum.

Zudem ist Delivery Hero nicht der einzige Geldgeber. Das Start-up sammelte in der Finanzierungsrunde insgesamt eine Milliarde Euro, darunter auch vom chinesischen Technologiekonzern Tencent. Rechnerisch ergibt sich laut Reuters ein Wert für Gorillas von 2,5 Milliarden Euro.

Mit dem Einstieg von Delivery Hero wird Beobachtern zufolge nun die erste Phase der sogenannten Konsolidierung in der Branche eingeläutet. Gemeint ist das große Fressen und Gefressen werden der Anbieter, bis nur noch wenige übrigbleiben. Ähnlich lief das bereits bei den Restaurant-Lieferdiensten, einen Markt, den nun im Wesentlichen Lieferando in Deutschland dominiert und in dem Delivery Hero weltweit ein ganz Großer ist.

Der Einstieg bedeutet auch eine Kehrwende

Der Einstieg zeigt aber noch etwas anderes: "Man sieht zum Beispiel an der Entscheidung Gorillas, nicht weiter in den USA zu expandieren, dass das Umsatzwachstum nicht mehr die absolute Top-Priorität hat", sagt Münch. "Jetzt geht es darum, wie man sich mit Partnern verbünden kann, um Synergien zu schöpfen und irgendwann profitabel zu werden." Für die Annahme, dass jetzt zusammenrückt, was noch getrennt liefert, spricht auch, dass der US-Lieferdienst Doordash an einem Einstieg bei Flink interessiert sein soll.

Wer das Wettrennen gewinnt, wird am Ende über mehrere Faktoren entschieden. Über die Höhe der Gebühren und der Preise für die Lebensmittel, die nach Ansicht aller Fachleute auf Dauer steigen werden. Aber auch darüber, wie effizient die Fahrer eingesetzt werden. "Es wird darauf hinauslaufen, dass die Fahrer auch andere Dinge als Essen ausliefern, damit sie ausgelastet sind", prophezeit Funk. Erst vor Kurzem beklagte Östberg bei Twitter noch einen "Mangel an Fahrern" in Deutschland und zu wenig "flexible Arbeitsbedingungen". Es sieht so aus, als habe er das Problem auf seine Weise gelöst.

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