Lieferdienste:Dreist, dreister, Gorillas

Fahrradkurier des Lieferdienstes Gorillas. Der Lieferservice Gorillas will Angeboten wie Amazons Prime Now Konkurrenz ma

Fahrradkurier des Lieferdienstes Gorillas: Den Mitarbeitern steht ein Betriebsrat zu.

(Foto: Arnulf Hettrich/imago images)

Nach außen spricht sich das Start-up für die Mitbestimmung seiner Mitarbeiter aus, nach innen versuchte das Unternehmen die Gründung eines Betriebsrats zu verhindern.

Kommentar von Simon Groß

Es gibt also doch noch so etwas wie Gerechtigkeit in der Welt der Lieferdienste. Nach einem wochenlangen Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Geschäftsführung von Gorillas und seinen Mitarbeitern steht nun endlich fest: Das Recht, als Angestellter in seinem Betrieb mitbestimmen zu dürfen, gilt auch für die Fahrradkuriere mit den schwarzen Jacken und jene, die in den Lagerhäusern arbeiten. Am Dienstag hat das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg in zweiter Instanz entschieden, dass die Mitarbeiter des 10-Minuten-Lieferdienstes ihre Betriebsratswahl fortsetzen dürfen. Noch bis Ende der Woche wird gewählt, schon kommende Woche könnte die erste Sitzung stattfinden.

Das ist ein wichtiger Erfolg für all diejenigen, die sich seit vielen Monaten für bessere Arbeitsbedingungen in dem Berliner Start-up einsetzen. Es ist aber weit mehr als das. Es ist ein Signal an alle, die - ganz egal, ob plump oder trickreich - versuchen, die über Jahrzehnte erstrittenen Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen: Nein, so leicht geht's nicht.

Mitbestimmung in Betrieben dieser Größe sollte selbstverständlich sein

Eigentlich sollte die Gründung eines Betriebsrats eine Selbstverständlichkeit sein, gehört die demokratische Mitbestimmung in den Betrieben doch zur deutschen Unternehmenskultur wie die Currywurst mit Pommes in der Kantine (egal ob aus Fleisch oder vegan). Doch die neuen Unternehmen der sogenannten Gig-Economy, zu denen auch die Lieferdienste zählen, stellen alte Gewissheiten in Frage: Besseres Equipment? Zu teuer. Entfristete Verträge? Zu unflexibel. Betriebsrat? Stört doch nur. Und allen voran Gorillas.

Mit dem Fingerspitzengefühl eines Vorschlaghammer schwingenden Bauarbeiters klopft das Unternehmen das System der deutschen Arbeitnehmerrechte auf Schwachstellen ab. Und siehe da, die Mitbestimmung in Betrieben, sie hält. Allerdings sollte man daraus keine allzu weitreichenden Schlüsse ziehen, denn das Start-up hat sich beim Versuch, das Mauerwerk einzureißen, nicht gerade besonders geschickt angestellt.

Zu offensichtlich war der Versuch, durch Veränderungen des Unternehmens die Betriebsratswahl zum Abbruch zu zwingen. Binnen nicht einmal anderthalb Monaten hat die Geschäftsführung erst die Fahrer und Mitarbeiter in den Lagerhäusern in eine neue Gesellschaft überführt, um dann wenige Wochen später bekanntzugeben, die Berliner Standorte in selbständige Franchise-Betriebe zu verwandeln. Zufälligerweise erfolgte die erste Umstellung wenige Tage, bevor der Wahlvorstand die Wahl einleitete. Die zweite Umstellung gab es just am Tag bevor das Arbeitsgericht zum ersten Mal über die einstweilige Verfügung von Gorillas zum Abbruch der Wahl befand. Dass das Start-up den Antrag dann wesentlich damit begründete, dass nun gar nicht mehr klar sei, für welchen Betrieb jetzt eigentlich nochmal genau ein Betriebsrat gewählt werden soll - geschenkt.

Der Firmengründer verbreitet gern Legenden, die im Widerspruch zu seinem Handeln stehen

Offiziell hatten die Veränderungen natürlich ganz andere Gründe: Das schnelle Wachstum hätte das Unternehmen quasi dazu gezwungen, man schaffe so klare Verantwortlichkeiten und Kompetenzen, stärke die regionale Präsenz. Das kann nur glauben, wer Gorillas-Gründer Kağan Sümer abnimmt, sich auf einer Fahrradreise von Istanbul nach China in den Bergen Kirgisistans ein Pferd bei einer Partie Schach erspielt zu haben, auf dem er dann gen Osten weiter ritt (ja, das hat er erzählt). Wer solch abenteuerliche Geschichten auf Lager hat, der kann auch behaupten, dass er sich weiterhin uneingeschränkt für die Mitbestimmung seiner Mitarbeiter einsetzt - während er gleichzeitig gegen eben jene mit allen Mitteln vorgeht.

Damit setzt Gorillas neue Maßstäbe in Sachen Dreistigkeit. Während das Start-up auf seiner Website die Gemeinschaft seiner Mitarbeiter beschwört, "die sich immer gegenseitig hilft und stärkt", versucht das Unternehmen genau das zu verhindern. Mal abgesehen davon, dass darüber hinaus der Umgang des Start-ups mit seinen Mitarbeitern höchst bedenklich ist. Nicht umsonst gehen gerade etliche Fahrer vor Gericht gegen befristete Verträge und fristlose Kündigungen vor. Von den vielen blumigen Worten, "der Liebe zum Fahrrad", der "Vision" des Start-ups, sollte sich niemand blenden lassen. Am Ende ist Gorillas auch nur ein Unternehmen mit rund 10 000 Mitarbeitern. Und in so eins gehört nun mal ein Betriebsrat.

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