Google Warum die Gesellschaft Roboter braucht

Der Chefökonom des Internetkonzerns Hal Varian will die Sorgen der Menschen zerstreuen. Ganz schafft er das nicht.

Von Victor Gojdka, Freiburg

Es war nur ein Anruf, aber er jagte vielen Menschen Anfang Mai Angst ein. Dabei war es kein Anruf von Wichtigkeit, kein hochrangiger Gesprächspartner involviert, keine Staatsgeheimnisse betroffen. Es ging lediglich um eine Restaurantreservierung. "Für wann?", fragte die Bedienung. "Nächsten Donnerstag um sechs Uhr abends", antwortete eine männliche Stimme. Und das war der Knackpunkt: Mit der Bedienung sprach kein Mensch, sondern eine Google-Maschinenstimme. Ab und an schob die künstliche Intelligenz sogar Ähs und Ähms in ihre Sätze, enttarnt wurde sie nicht.

Inzwischen sind längst Zweifel aufgetaucht, ob sich der Anruf tatsächlich so zugetragen hat, wie Google ihn auf seiner Präsentation abspielte. Doch Menschen überall auf der Welt fragten sich, wie lang es noch hin ist, bis irgendwann Roboter die besseren Menschen sind und massenhaft Jobs übernehmen. Nicht nur die Stimme von Google, auch viele Stimmen in der Gesellschaft verbreiten gerade jene düstere Stimmung: Ökonomen, Soziologen, Politiker, Philosophen. "Wir werden in einer Zukunft leben, in der es viele Millionen Menschen ohne Jobs geben wird", sagte vor Kurzem der Philosoph Richard-David Precht. Mit einem Vortrag in Freiburg auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS), der größten deutschsprachigen Ökonomenvereinigung, hält Professorenlegende und Google-Chefökonom Hal Varian nun dagegen: Heerscharen von Nutzlosen seien kaum zu erwarten.

Montage mit Roboterhand: Dass die Digitalisierung ganze Berufsbilder vollständig ersetzen wird, bezweifeln jedoch viele Experten.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die tief sitzende Angst der Menschen vor Robotern ist nicht neu, zeigt Varian mit einigen Schlagzeilen. "Clevere Roboter können Ihnen bald den Job klauen" (2016). "Ein Roboter ist hinter ihrem Job her" (1985). "Denkende Maschinen ersetzen die Denker" (ja, tatsächlich, 1935).

Erst vor wenigen Jahren hat die Universität Oxford die Diskussion mit einer Studie wieder angeschoben - und mit einer atemberaubenden Zahl aufgewartet. 47 Prozent aller Jobs in den USA seien in den nächsten zwei Jahrzehnten in Gefahr. In Teilen stimmt dieses Bild: Ja, die Digitalisierung vernichtet manche Arbeitsplätze. So ist die Zahl der Buchhalter deutlich gesunken, seit jeder am Rechner Tabellensoftware nutzen kann. "Allerdings sind im gleichen Zeitraum die Zahl der Datenanalysten und Wirtschaftsprüfer deutlich gestiegen", sagt Varian. Dass die Digitalisierung ganze Berufsbilder vollständig ersetzt, hält der Google-Chefökonom für unwahrscheinlich. Viele Berufsbilder wirkten bloß auf den ersten Blick einfach. Dass ein Gärtner jedoch 35 Aufgaben zu erfüllen habe, wisse kaum jemand. Ja klar, Blumen schneiden, Rasen mähen, darauf kommt man noch. Aber Bäume umdrahten, Brunnen in Schuss halten, Spielplätze anlegen? Daran denkt kaum jemand im ersten Moment. Sicher können Roboter inzwischen automatisch einen Rasen mähen. Dass sie jedoch in naher Zukunft alle 35 Aufgabenfelder übernehmen dürften? Unwahrscheinlich, meint Varian.

Das schlagende Argument des US-Ökonomen ist jedoch die Demografie. Während der Anteil der Älteren in der Gesellschaft immer größer wird, kommen nicht genug junge Menschen nach. Die Zahl der Arbeitnehmer wachse nur noch halb so schnell wie die Gesamtbevölkerung, meint der Ökonom. "Aber die vielen Alten wollen ja auch etwas konsumieren", sagt Varian. Auch ohne die zurzeit gute Wirtschaftslage drohe in den nächsten Jahrzehnten daher ein Mangel an Arbeitskräften, den viele Firmen auch in Deutschland bereits heute spürten. "Wir können froh sein, wenn wir die Auswirkungen der Demografie durch künstliche Intelligenz kompensieren können", sekundiert der Wirtschaftsweise Lars Feld.

So gelassen wie die beiden Ökonomen gaben sich jedoch längst nicht alle Zuhörer der Veranstaltung. Ob Varian denn auch bedacht habe, dass viele Entwicklungs- und Schwellenländer beileibe kein Alterungsproblem hätten, sondern ganz im Gegenteil Heerscharen junger Leute? Ja, sagt Varian, aber darauf habe er noch keine Antwort. Sie würde wohl kaum in sein Konzept passen.