Im Jahr 2000 beschloss die EU, jungen Unternehmen im Netz einen Schutzraum zu geben. Von der Richtlinie für den E-Commerce profitierten viele Internetfirmen. Die hafteten durch das EU-Gesetz erst dann für illegal auf ihren Seiten hochgeladene Inhalte, wenn sie direkt auf einen Rechtsverstoß hingewiesen wurden. Ein ähnliches Gesetz gab es mit Section 230 in den USA bereits seit 1996. Damals war das eine gute Idee. Das Internet war ein zartes Pflänzchen, und Google ein kleines Unternehmen aus Kalifornien mit ein paar hervorragenden Ideen, wie man das Internet besser durchsuchbar machen konnte.
26 Jahre später schicken sich Google und ein paar andere Konzerne an, das restliche Web überflüssig zu machen. Die Privilegien, die die Plattformen so mächtig machten, schützen sie dabei weitgehend bis heute. Eigentlich müssten sich Politiker auf der ganzen Welt zusammenschließen, um Big Tech zu zerschlagen, bevor es zu spät ist. Aber vielleicht ist es schon zu spät.
Die beste Chance auf eine Trendumkehr gab es interessanterweise nach der ersten Trump-Regierung, als Joe Biden die Big-Tech-Kritikerin Lina Khan zur Chefin der Handelsbehörde machte. Die legte sich direkt mit Meta und Amazon an. Zugleich verklagte das US-Justizministerium Google. Schon Trump hatte in seiner ersten Amtszeit damit geliebäugelt, Big Tech Grenzen zu setzen. Nicht weil ihm die Konzerne zu mächtig waren, sondern weil sie nicht seiner Meinung waren. Khan dagegen wollte Amazon zerschlagen und Facebook und Google hart regulieren. Aber nach dem Wechsel im Weißen Haus kam es anders. Denn Trump 2 hat überhaupt nichts gegen Oligopole, solange er von ihnen persönlich und politisch profitiert. Die Konzerne, bis dato zumindest in ihrer Selbstdarstellung eine Bastion liberalen Denkens, tun ihm diesen Gefallen.
Auch in der EU gab es bis vor wenigen Jahren noch Hoffnung. Die Mitgliedstaaten schafften es nach jahrelanger Diskussion 2022, mit dem Digital Markets Act (DMA) die Macht der Plattformen zu begrenzen. Aber seit Trump sich im Zollstreit mit der EU als Beschützer seiner US-Tech-Konzerne sieht, dauern Verfahren gegen US-Unternehmen wie X verdächtig lange. Der EU ist Zollpolitik wohl wichtiger als das Ringen mit Big Tech.
Die USA wollen nicht mehr, die EU traut sich nicht mehr. Ob es für die Regulierung der Plattformen aber noch etwas gebracht hätte, ist ohnehin fraglich. Denn die neueste Idee der Konzerne verändert das Web grundlegend. Google etwa hat soeben einige Neuerungen für seine Suche angekündigt. Sie laufen darauf hinaus, dass bald im eigentlichen Netz keine Menschen mehr unterwegs sind, sondern nur noch KI-Agenten. Diese suchen Informationen, machen Analysen oder gehen für ihre Besitzer shoppen. Präsentiert wird das Ergebnis dieser Recherchen immer nur auf einer Seite: der von Google. Die Inhalte werden zwar eigentlich noch gebraucht, nur ihre eigentlichen Urheber werden immer weniger dafür bezahlt: Nach Einführung der KI-Zusammenfassungen bei Google, die nun ausgebaut werden sollen, landeten etwa in den USA 30 Prozent weniger Nutzer auf den Webseiten von Verlagen, deren Autoren die Inhalte erzeugen.
Google ist nicht die einzige Firma, die an dieser Zukunft arbeitet, auch die KI-Unternehmen Anthropic und Open AI steuern in eine ähnliche Richtung. Andere abgeriegelte Online-Welten wie Meta, Tiktok, Amazon oder Netflix könnten in dieser Zukunft zwar noch eine Rolle spielen. Doch das offene Web, auf dessen Rücken Google zum Weltkonzern geworden ist, könnte nach dieser Wendung zum Web der KI bald einer Geisterstadt ähneln.
Zuerst war Google nur ein Wegweiser durchs Netz, dann baute es Autobahnen und verlangte immer höhere Mautgebühren. Heute behauptet Google einfach, man sei dank KI schon da, wo man hinwollte – nämlich bei Google selbst. Bewegung in die Weiten des Netzes: überflüssig. Bezahlt wird trotzdem noch, aber eben nur noch einer. Das ist eine schlechte Nachricht für Webshops, kleinere Webseiten und Medien. Die werden in diesem Szenario immer stärker an den Rand gedrängt. Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass damit dann auch KI-Zusammenfassungen auf Google immer schlechter werden. Nur dürfte das zu diesem Zeitpunkt niemandem mehr auffallen.



