Süddeutsche Zeitung

Google:"Jeder und jede hat etwas zu verbergen"

Lesezeit: 4 min

Wer googelt, denkt nicht an Privatsphäre - dabei geben wir mit vielen Suchanfragen sensible Daten preis. IT-Beraterin Leena Simon über die Macht von Google und die Gefahren, die von ihm ausgehen. 

Von Berit Kruse

Eine SZ-Datenrecherche zeigt, wie gut Google seine Nutzerinnen und Nutzer kennt: Mit ihren Suchanfragen verraten sie dem Konzern sexuelle Vorlieben, die eigene psychische Gesundheit oder die politische Orientierung. Leena Simon ist IT-Beraterin und Netzpolitologin bei dem Verein "Digitalcourage". Sie selbst nutzt keine Google-Produkte: um Widerstand zu leisten gegen die Überwachungsgesellschaft und um sich vor Manipulation und anderen Folgen des großen Datensammelns zu schützen. Im Gespräch mit der SZ erzählt sie, warum wir mit Google-Angeboten vorsichtiger umgehen sollten.

SZ: Frau Simon, was ist denn so gefährlich an den Daten, die Google sammelt?

Leena Simon: Mit unserer Suchmaschine sind wir immer sehr ehrlich. Es gibt diese Formulierung: "Man googelt nicht um den heißen Brei herum". Das wäre nicht sehr erfolgreich, man will ja effizient finden, was man sucht. Egal, ob das eine Information über Endometriose oder Pilzkrankheiten oder erotische Fantasien ist: Wir werden nicht vermeiden, die entsprechenden Begriffe zu verwenden - wir werden nicht "hinter vorgehaltener Hand googlen". Allein der Suchverlauf enthält deshalb extrem viele Informationen über Menschen.

Was macht Google dann mit diesen Informationen?

Google verkauft Werbung. Am meisten Geld verdient man aktuell nicht mit kontextbasierter, sondern mit individuell ausgerichteter Werbung. Werbung soll also vor allem denen angezeigt werden, die sich für bestimmte Produkte auch wirklich interessieren.

Manche der Daten sind aber gar nicht heikel. Demografische Angaben wie Alter oder Geschlecht geben wir Google ja sogar freiwillig, wenn wir einen Account anlegen.

Allein aus dem Alter lassen sich viele Rückschlüsse auf das Leben von Personen ziehen. Ist die Person älter und in ihren Einstellungen eher im letzten Jahrhundert angesiedelt? Hat sie den 11. September erlebt? Diese Daten dienen alle dazu, uns in bestimmte Schubladen zu stecken. Zum Alter kommen Hautfarbe, Beruf, vielleicht noch der Wohnort. Damit habe ich die wichtigsten Marker, um zu sagen: "Ah, ein alter weißer Mann aus Zehlendorf, der hat sicher viel Geld - Schublade zu." Egal ob das zutrifft oder nicht: Das ist ein Problem. Es ist auch schlimm, in einer falschen Schublade zu stecken.

Weil dann falsche Werbung angezeigt wird? Klingt nicht besonders gefährlich.

Eine "Fridays for Future"-Werbung zeige ich keinem alten weißen Mann aus Zehlendorf, aber vielleicht interessiert er sich dafür. Vielleicht hat er gerade seinen SUV gegen ein Elektrofahrzeug eingetauscht. Aber er bekommt diese Werbung gar nicht erst angezeigt.

In Suchanfragen stecken oft viel heiklere Informationen als die, die wir Google bewusst geben - zum Beispiel der Impfstatus oder die Suche nach Fachärztinnen.

Medizinische Daten sind immer sensibel, deswegen gibt es auch Beschäftigtendatenschutz: Arbeitgeber erfahren auf der Krankschreibung zum Beispiel nicht, welche Krankheit ich habe. Das ist aus gutem Grund so. Jemand, der psychisch krank ist, kann sein Leben sehr gut im Griff haben. Aber gerade psychologische Krankheiten sind gesellschaftlich tabuisiert und ein zukünftiger Arbeitgeber könnte jemanden deswegen stigmatisieren. Man würde das ja auch nicht in eine Bewerbung schreiben. Bei diesen Informationen müssen Menschen selbst entscheiden, wem sie die anvertrauen.

Google sagt, dass es zumindest besonders sensible Daten wie Angaben zu Gesundheit, sexueller Orientierung oder ethnischer Herkunft nicht zu Werbezwecken verwendet. Finden Sie es trotzdem problematisch, wenn Google diese Daten sammelt?

Ich kann mir vorstellen, dass Google das nicht macht. Das Unternehmen versucht schon manchmal, sinnvoll in die Gesellschaft hineinzuwirken - natürlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Menschen finden es gruselig, wenn Google zu viel weiß. Aber wenn sich die Mentalität der Menschen geändert hat und diese spezifischen Informationen nicht mehr als zu problematisch empfunden werden, dann kann man die Daten vielleicht doch einsetzen. Auch die aus der Vergangenheit, die jetzt auf Vorrat gesammelt werden.

Sie meinen also: Wir wissen nicht, was in der Zukunft mit unseren Daten passiert?

Google kann mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, was wir tun werden. Das hat der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt auch mal gesagt: Die Leute wollen nicht, dass Google ihnen sagt, was sie suchen. Die Leute wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes tun sollen. Google soll Antworten liefern, bevor sich die Fragen überhaupt stellen. Wir Individuen können nicht in die Zukunft schauen, diese Firma, die unsere Daten hat, schon. Dadurch entsteht ein enormes Machtungleichgewicht.

Ist das auch ein Problem für Menschen, die über sich sagen: "Ich habe nichts zu verbergen"?

Alle Menschen machen in öffentlichen Gebäuden die Klotür hinter sich zu. Jeder und jede hat was zu verbergen. Das zu sagen ist Quatsch, es ist falsch, es ist gefährlich - und es ist vor allem auch unsolidarisch.

Inwiefern?

Es gibt Menschen, die sehr wohl etwas Wichtiges zu verbergen haben. In dem Moment, in dem ich den Satz ausspreche, begehe ich einen logischen Fehlschluss: Ich gehe davon aus, dass alle, die was zu verbergen haben, auch etwas verbrochen haben. Das ist aber nicht so. Ich unterstelle damit allen Menschen, die etwas zu verbergen haben, dass sie kriminell sind oder andere schlimme Dinge tun. Menschen mit körperlichen oder psychischen Krankheiten haben zum Beispiel oft etwas zu verbergen. Wenn alle sagen, dass sie nichts zu verbergen haben, wird es diesen Menschen sehr, sehr schwer gemacht. Es ist auch demokratiefeindlich, weil es in einer Demokratie wichtig ist, dass ich mir unabhängig eine Meinung bilden kann und dabei nicht ständig beobachtet werde.

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