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Gold:Krisenmetall in der Krise

Goldbarren im Tresorraum des Goldhändlers Pro Aurum in München, 2020

Der Goldpreis ist tagelang gesunken - trotz Corona-Krise.

(Foto: Catherina Hess)

Eigentlich gilt Gold als sichere Anlage, deswegen ist sie in unruhigen Zeiten gefragt. Doch nun sinken selbst hier die Preise.

Der Weg in das Reich des Goldes ist an diesem Vormittag rund 20 Meter lang. Vor der Frankfurter Niederlassung des Goldhändlers Degussa, im Schatten der verspiegelten Banktürme, stehen rund achtzig Menschen auf dem Gehsteig. "Natürlich will ich Gold kaufen", sagt eine Kundin. "Bald könnte ja schon nichts mehr da sein", meint eine andere. "Ich habe einfach Angst, was kommt", sagt ein Mann, was viele mit einem stillen Nicken quittieren. Vor dem Eingang des Goldhauses beobachtet ein Offizieller die Kunden und streicht sich zufrieden über die Krawatte.

Zufrieden können die Goldhändler dieser Tage sein: Bei Pro Aurum arbeiten sie aktuell rund 6000 Orders am Tag ab - deutlich mehr als zu Hochzeiten der Eurokrise. "Das ist absoluter Wahnsinn", sagt Mitarbeiter Benjamin Summa. Gerade deutsche Privatanleger flüchten in Corona-Zeiten ins Gold, denn vielen gilt es als krisensicheres Edelmetall.

Doch in den vergangenen Tagen zeigte die Kurve des Goldpreises auf den Computern der Finanzprofis etwas Erstaunliches: Die Preise des Metalls stiegen nicht, sondern fielen - und zwar kräftig. Allein in den vergangenen anderthalb Wochen ist der Preis um etwa elf Prozent abgesackt. Eine Feinunze kostet derzeit gerade noch etwa 1500 Dollar. Steckt das Krisenmetall nun selbst in einer Krise?

Wer verstehen will, warum der Goldpreis ausgerechnet während eines Börsenbebens nachgibt, muss sich an die Fersen der großen Investmentprofis heften. Um Verluste aus anderen Börsengeschäften aufzufangen, müssen sie bei ihren Banken aktuell Geld nachschießen. "Dazu ist ihnen jedes Mittel recht", sagt Goldexperte Carsten Menke von der Privatbank Julius Bär. Alles, was sich schnell zu Geld machen lässt, schlagen die Anlageprofis aktuell also aus den Depots - auch Gold. Dazu kommen Fondsprofis, die in ihrem Portfolio eine feste Goldquote von zum Beispiel fünf Prozent eingesetzt haben. Fällt bei einem Börsencrash der Wert der Aktien, kann auch ihr Gewicht im Fonds prozentual sinken. In vielen Profi-Depots drohte das Edelmetall in den vergangenen Tagen also eine übermächtige Stellung zu bekommen. Übersteigt die Goldquote im Fonds zehn Prozent, müssen viele Profis verkaufen. Ob sie wollen oder nicht. Auch die notorischen Schmuckkäufer aus Asien fallen dieser Tage als Stütze für den Goldpreis aus. Denn auch dort haben viele Menschen gerade anderes zu tun, als sich über Goldketten Gedanken zu machen.

Im Vergleich zu Aktien hat sich das Edelmetall in den vergangenen Tagen jedoch immer noch gut gehalten. Während Gold in den vergangenen anderthalb Wochen um elf Prozent gesunken ist, hat der Dax im gleichen Zeitraum 22 Prozent nachgegeben. Wollen Anleger Gold derzeit als Barren oder Münzen kaufen, kann das jedoch teuer werden. Aufgrund der großen Nachfrage verlangen Händler höhere Aufschläge.

Das allerdings ist vielen Kunden vor dem Edelmetall-Laden an diesem Vormittag egal. Sie wollen Gold um jeden Preis, die Coronakrise macht ihnen Sorge. Abstand halten sie in der Warteschlange übrigens nicht.

© SZ vom 18.03.2020

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