Glyphosat:Wie Monsanto ein Verbot von Glyphosat verhindert

  • Eine Untersuchung zeigt, wie der US-Agrarkonzern gezielt Einfluss auf die Wissenschaft nimmt.
  • Deutlich wird, welche Mittel und Strategien Monsanto einsetzt, um ein mögliches Verbot des Pestizids in Europa zu verhindern.

Von Silvia Liebrich

Die Rolle vieler Wissenschaftler bei der Risikoanalyse des Unkrautvernichters Glyphosat ist umstritten. Das zeigt nun auch eine Analyse namens "Buying Science"*, die von der europäischen Bürgerinitiative "Stop Glyphosat" initiiert wurde.

Darin soll aufgezeigt werden, welche Mittel und Strategien Monsanto einsetzt, um ein mögliches Verbot des Pestizids in Europa zu verhindern. Dabei setzt der US-Agrarkonzern stark auf die Expertise von Fachleuten, die unabhängig und auf wissenschaftlicher Basis prüfen, ob Glyphosat etwa Krebs auslösen oder das Erbgut schädigen kann.

Das Problem dabei: Viele Studien, die Glyphosat zuletzt als unbedenklich einstuften, stammen zum großen Teil von Forschern, die laut dem Bericht Interessenkonflikte haben und teilweise in enger Verbindung zu Monsanto stehen, also möglicherweise nicht unabhängig in ihrem Urteil sind.

Der Vorwurf ist brisant, denn die Studien spielen bei der Neuzulassung von Glyphosat in Europa eine wichtige Rolle. Sie wurden von den EU-Behörden Efsa und Echa unter anderem für neue Risikobewertungen herangezogen. Beide Behörden geben Entwarnung und schließen sich damit dem Urteil der Industrie an.

Auffällige Unterschiede zwischen unabhängigen Studien und jenen der Industrie

Dem steht jedoch das Urteil der Krebsforscher (IARC) der Weltgesundheitsorganisation entgegen, die vor gut zwei Jahren zum gegenteiligen Ergebnis kamen. Dieses Urteil versucht Monsanto seitdem zu entkräften. 2016 erschien dazu gleich mehrere Artikel in einem Wissenschaftsjournal. Deren Autoren waren Mitglieder eines Experten-Panels, das Monsanto von einer Beratungsfirma zusammenstellen ließ.

Angeblich mit dem Ziel, das Urteil des IARC-Gremiums zu widerlegen. 12 von 16 Mitgliedern in dieser Gruppe hätten zuvor als Berater für Monsanto gearbeitet oder waren zeitweise beim Konzern beschäftigt, heißt es in dem Bericht. Bei Monsanto heißt es dazu, die Panel-Mitglieder seien allesamt profilierte Experten auf ihrem Fachgebiet. Darüber hinaus kritisiert der Bericht Interessenkonflikte auch bei Autoren von anderen industriefinanzierten Studien.

Dass die Hersteller Studien machen, um zu beweisen, dass von ihren Produkten keine Gefahr ausgeht, verlangt das Gesetz. Für eine Zulassung von Chemikalien ist das eine wichtige Voraussetzung. Auffällig ist bei Glyphosat jedoch die Diskrepanz zwischen unabhängigen Studien und jenen der Industrie. Während letztere zum Ergebnis kommen, das meistverkaufte Pestizid der Welt sei relativ unbedenklich, sieht eine zunehmende Zahl unabhängiger Forscher das ganz anders.

Relevante Daten werden gezielt weggelassen

"Würden diese europäischen Behörden unabhängigen Studien mehr vertrauen als den Studien der Hersteller, dann wäre eine Verlängerung der europäischen Zulassung ernsthaft in Gefahr", glaubt der Toxikologe Peter Clausing, Mitautor der Analyse. Er sieht schwere Mängel in den Publikationen der Industrie. Dazu gehöre etwa das gezielte Weglassen relevanter Daten bei gleichzeitiger Präsentation irrelevanter Daten. "So werden Sachverhalte verzerrt, Leser in die Irre geführt und wissenschaftliche Beweise verneint."

Für Professor Christian Kreiß von der Hochschule Aachen ist das nicht überraschend. Der Autor des Buchs "Gekaufte Forschung" hat den Einfluss der Industrie über verschiedene Branchen hinweg untersucht. "Erwünschte Ergebnisse herbeizuführen ist vergleichsweise einfach", sagt er. Hinzu komme, dass Studien mit unerwünschten Ergebnissen nicht veröffentlicht werden müssten. Monsanto hält dagegen und wirft unabhängigen Forschern ihrerseits Fehler vor.

Auch in den USA gerät Monsanto zunehmend unter Druck: Dort wurden im Rahmen eines Gerichtsverfahrens erstmals interne Dokumente veröffentlicht. Aus ihnen geht hervor, dass Monsanto-Mitarbeiter offenbar im Verborgenen Studien verfasst haben, die externe Forscher nur noch redigieren und unterzeichnen sollten. Der Konzern weist den Vorwurf des Ghostwriting zurück. Hintergrund ist eine Klage von Krebspatienten, die Glyphosat für ihre Erkrankung verantwortlich machen. Für den US-Konzern, der von Bayer übernommen werden soll, steht viel auf dem Spiel. Zwar sind die Patente für Glyphosat ausgelaufen, doch viele gentechnisch veränderte Pflanzen, die der Konzern weltweit verkauft, sind auf das Mittel abgestimmt. Die europäische Bürgerinitiative gegen Glyphosat will mit einer Unterschiftenaktion ein Verbot des Pestizids erwirken. Sie wird von verschiedenen Organisationen unterstützt. Darunter Campact, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie das Pesticide Action Network Germany.

*Anmerkung der Redaktion: Der Titel der Untersuchung wurde im Nachhinein vom Herausgeber noch einmal geändert und heißt jetzt "Buying Science" und nicht "Bad Sciene".

© SZ vom 22.03.2017/hgn
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB