Übernahme von Monsanto Glyphosat-Urteil lässt Bayer-Aktie abstürzen

Der Unkrautvernichter Glyphosat steht unter Verdacht, krebserregend zu sein. Eine US-Berufungsrichterin hat ein entsprechendes Urteil jetzt bestätigt.

(Foto: dpa)
  • Eine Richterin bestätigte ein Geschworenenurteil, reduzierte aber die Schadenersatzsumme für den Kläger erheblich.
  • Kläger Dewayne Johnson, ein ehemaliger Schulgärtner, bekommt somit 79 Millionen Dollar zugesprochen. Er war an Lymphdrüsenkrebs erkrankt.
  • Das Urteil zeigt, welche Risiken Bayer mit der Übernahme des US-Konkurrenten Monsanto eingegangen ist.
Von Claus Hulverscheidt, New York

Der Chemiekonzern Bayer hat im Rechtsstreit um mutmaßlich krebserregende Substanzen in seinem Pflanzenschutzmittel Glyphosat eine ebenso herbe wie unerwartete Schlappe erlitten. Eine Richterin in San Francisco stellte sich in der Nacht zu Dienstag grundsätzlich hinter das Urteil einer Geschworenenjury, die dem Schulgärtner Dewayne Johnson Schadenersatz in Höhe von 289 Millionen Dollar zugestanden hatte. Die Aktie des Konzerns verlor zum Handelsstart am Dienstag zeitweise rund 8,3 Prozent an Wert.

Zwar reduzierte Richterin Suzanne Ramos Bolanos die Schadenersatzsumme aus formalen Gründen auf knapp 79 Millionen Dollar. Sie wies jedoch zugleich die Anträge von Bayer und Monsanto ab, das Urteil der Jury außer Kraft zu setzen und das Verfahren völlig neu aufzurollen. Johnson hatte den Monsanto-Unkrautvernichter "Roundup" jahrelang benutzt und war schließlich an Lymphdrüsenkrebs erkrankt.

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Bayer kündigte an, Berufung gegen das revidierte Urteil einzulegen. Der deutsche Konzern und Monsanto hatten stets bestritten, dass es einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Glyphosat und Johnsons Erkrankung gebe. Auch Richterin Bolanos deutete in der Anhörung zunächst an, dass eine Neuauflage des Verfahrens oder aber eine noch weiter gehende Verringerung der Schadenersatzsumme denkbar sei, woraufhin Bayer in der vorvergangenen Woche bereits Jubel-Meldungen verschickte. Nach eingehender Prüfung des Falls entschied sich die Richterin jedoch nun anders.

Zwar räumt Bolanos in ihrem Beschluss ein, dass nicht zweifelsfrei erwiesen sei, ob Johnson wegen der Nutzung von Glyphosat erkrankte. Da alle anderen Risikofaktoren aber ausschieden, sei es das Recht der Jury gewesen, einen Zusammenhang zu vermuten, so die Richterin. Die Verringerung der Schadenersatzsumme begründete sie mit verfassungsrechtlichen Bedenken: Da Johnson schon mehr als 39 Millionen Dollar an Schadenersatz zugestanden worden sei, sei eine weitere Strafzahlung von 250 Millionen Dollar unangemessen, urteilte sei. Stattdessen müsse die Strafe auf Höhe der eigentlichen Schadenersatzsumme gedeckelt werden. Zusammengenommen erhält Johnson damit knapp 79 Millionen Euro.

Auch wenn der Beschluss die Urteile anderer Gerichte nicht vorwegnimmt, dürfte die Entscheidung viele weitere krebskranke Menschen dazu bewegen oder darin bestärken, gegen Bayer und Monsanto vorzugehen. Schon jetzt gibt es mehr als 8000 Klagen. Für das Leverkusener Unternehmen, das den US-Rivalen gerade erst für rund 63 Milliarden Dollar übernommen hatte, brechen damit unsichere Zeiten an: Schon das erste Urteil im Fall Johnson hatte zu einem massiven Kurseinbruch der Bayer-Aktie geführt und zeitweise mehr als 17 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet.

Viele Kritiker des Zukaufs sahen sich damals bestätigt: Für sie ist das US-Unternehmen Monsanto mit seinem gentechnisch veränderten Saatgut und den umstrittenen Pflanzenschutzmitteln der Inbegriff all dessen, was in der modernen Landwirtschaft schiefläuft. Zudem soll Monsanto wiederholt ruppig mit Kunden umgesprungen sein. Einige Experten schätzen, dass Bayer die Übernahme des Rivalen zusätzlich zum Kaufpreis weitere fünf Milliarden Dollar an Straf- und Schadenersatzzahlungen kosten könnte.

Die WHO stuft Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein

Allein in den USA wurden über vier Jahrzehnte mehr als 1,5 Milliarden Liter Glyphosat versprüht, entsprechend lang ist die Liste der Kläger, die ihre Krebserkrankung auf den wiederholten Umgang mit dem Unkrautvernichter zurückführen. Monsanto hatte "Roundup" in den siebziger Jahren entwickelt und zugleich ein Saatgut auf den Markt gebracht, das gegen das Mittel resistent ist. Die Kombination machte die Kunden von den Produkten des Unternehmens abhängig und erwies sich als Gold wert für das Unternehmen.

Die Frage, ob glyphosathaltige Mittel zu Krebs führen können, ist auch in der Wissenschaft umstritten. Bayer verweist auf "mehr als 800 wissenschaftliche Studien", die angeblich belegen, dass Glyphosat sicher ist. Auch hätten die Behörden in 160 Staaten den Wirkstoff in den Produkten von Monsanto eingehend überprüft und genehmigt, darunter das US-Umweltamt EPA. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Glyphosat dagegen 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein.

Dabei ist "Roundup" nicht einmal der einzige Problemfall, den sich Bayer mit der Monsanto-Übernahme ins Haus geholt hat. Auch gegen das Nachfolgemittel Dicamba, das zunächst unter dem Markennamen "Roundup Ready Xtend" vermarktet wurde, liegen bereits mehr als 180 Klagen in acht US-Bundesstaaten vor. Die meisten kommen von Soja-, Baumwoll-, Obst- und Gemüsebauern, die Schadenersatz wollen, weil Dicamba von Nachbargrundstücken auf ihre Felder herübergeweht sei und die eigenen, nicht genveränderten Pflanzen zerstört haben soll. Im vergangenen Jahr endete der Streit zweier Nachbarn gar tödlich: Der eine Farmer erschoss den anderen.

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