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Glyphosat-Klage:Fragiles Milliardenspiel von Bayer

DeWayne Johnson

Dem früheren Hausmeister Dewayne Johnson waren in der Erstinstanz 289 Millionen Dollar zugesprochen worden, weil er durch Monsanto-Produkte an Krebs erkrankt sei. Das Berufungsgericht hat daran aber Zweifel.

(Foto: AP)

In Hunderten von Gerichtsverfahren wollen Anwender Entschädigungen von Bayer einklagen - jetzt soll ein wichtiges Urteil fallen.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Es war ein gewagtes Spiel, als der Bayer-Konzern im Frühjahr 2016 die Übernahme des US-Rivalen Monsanto ankündigte, denn wohl keine Chemiefirma der westlichen Welt hat einen so zweifelhaften Ruf wie der Hersteller von Pflanzenschutzmitteln aus St. Louis.

Für Kritiker ist das Unternehmen mit seinem gentechnisch veränderten Saatgut Inbegriff all dessen, was in der modernen Landwirtschaft falsch läuft, zudem soll Monsanto wiederholt ruppig mit Kunden umgesprungen sein. Größtes Risiko jedoch sind die vielen Klagen, die gegen die Firma anhängig sind und die sich vor allem gegen den angeblich krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat richten: Einige Experten schätzen, dass Bayer die Übernahme von Monsanto zum Kaufpreis von rund 63 Milliarden Dollar weitere fünf Milliarden an Straf- und Schadenersatzzahlungen kosten könnte.

Umso erleichterter war man in Leverkusen, als ein Berufungsgericht in San Francisco vor zwei Wochen deutliche Zweifel daran äußerte, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Glyphosat und der Krebserkrankung von Kunden gibt. Die Vorinstanz hatte Monsanto zur Zahlung von 289 Millionen Dollar an den Hausmeister Dewayne Johnson verurteilt, der jahrelang mit Mitteln wie "Roundup" und "Ranger Pro" hantiert hatte. Dagegen erklärte Berufungsrichterin Suzanne Ramos Bolanos, Johnson habe nicht eindeutig belegen können, dass es der Kontakt mit Monsanto-Produkten war, der seinen Krebs verursacht habe. Deshalb werde sie die Schadenersatzsumme womöglich deutlich absenken oder gar das Verfahren komplett neu aufrollen lassen. Das endgültige Urteil sollte am Montagabend verkündet werden, es lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe allerdings noch nicht vor.

Die juristische Schlacht ist für Bayer noch lange nicht geschlagen

Doch selbst wenn Bayer und Monsanto in diesem Fall Recht behalten sollten: Die juristische Schlacht wäre für den Konzern damit längst noch nicht geschlagen. Über vier Jahrzehnte wurden allein in den USA mehr als 1,5 Milliarden Liter Glyphosat versprüht, entsprechend lang ist die Liste der Kläger, die ihre Krebserkrankung auf den wiederholten Umgang mit dem Unkrautvernichter zurückführen. Monsanto hatte "Roundup" in den siebziger Jahren entwickelt und zugleich ein Saatgut auf den Markt gebracht, das gegen das Mittel resistent ist. Die Kombination machte die Kunden von den Produkten des Unternehmens abhängig und erwies sich als Gold wert.

Wie fragil das Milliardengeschäft aber für den neuen Eigentümer Bayer ist, zeigte sich im Sommer, als eine Jury dem erkrankten Hausmeister und Platzwart Johnson jene Rekordentschädigung zusprach: Der Kurs der Bayer-Aktie brach ein, der Börsenwert des Konzerns verringerte sich zeitweise um mehr als 17 Milliarden Dollar. Allein bei Gerichten in St. Louis, wo Monsanto vor der Übernahme durch Bayer seinen Unternehmenssitz hatte, sind mehrere Tausend Klagen anhängig. In San Francisco gab der Bundesrichter Vince Chhabria im Juli dem Antrag von mehr als 400 Landwirten, Gärtnern und anderen Glyphosat-Kunden statt, einige exemplarische Fälle vor eine Jury zu bringen. Wie Bolanos ließ allerdings auch Chhabria zugleich durchblicken, dass es schwierig werden dürfte, einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Verwendung des Pflanzenschutzmittels und der Krebserkrankung des einzelnen Nutzers herzustellen.

WHO 2015: Unkrautvernichter "wahrscheinlich krebserregend"

Die Frage, ob "Roundup" zu Krebs führen kann, ist auch in der Wissenschaft umstritten. Monsanto und Bayer verweisen auf "mehr als 800 wissenschaftliche Studien", die angeblich belegen, dass Glyphosat sicher ist. Auch hätten die Behörden in 160 Staaten den Wirkstoff Glyphosat in den Produkten von Monsanto eingehend überprüft und genehmigt, darunter das US-Umweltamt EPA. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte den Unkrautvernichter dagegen 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein.

Die Anwälte vieler Kläger gehen sogar noch weiter und werfen Monsanto vor, wie zuvor die Zigarettenindustrie die Gefahren ihrer Produkte zwar gekannt, aber bewusst und arglistig verschwiegen zu haben. Brent Wisner, der Rechtsbeistand des Hausmeisters Johnson, hatte sich in der ersten Instanz direkt an die Jury gewandt und ihr erklärt, sie habe die Wahl, ob sie "Geschichte schreiben" oder dafür sorgen wolle, dass bei Bayer und Monsanto "die Sektkorken knallen". Wisner war dafür von den gegnerischen Anwälten, aber auch von Richterin Bolanos gerügt worden.

Glyphosat ist jedoch nicht einmal der einzige Problemfall, den sich Bayer mit der Monsanto-Übernahme ins Haus geholt hat. Auch gegen das Nachfolgemittel Dicamba, das zunächst unter dem Markennamen "Roundup Ready Xtend" vermarktet wurde, liegen bereits mehr als 180 Klagen in acht US-Bundesstaaten vor. Die meisten kommen Bauern, die Schadenersatz wollen, weil Dicamba von Nachbargrundstücken auf ihre Felder herübergeweht sein und die eigenen, nicht genveränderten Pflanzen zerstört haben soll. Im letzten Jahr endete ein Streit zwischen einem Farmer aus Arkansas und seinem Nachbarn gar tödlich: Der eine erschoss den anderen.

© SZ vom 23.10.2018/hgn
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