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Glyphosat:Die Kritiker werden weiter demonstrieren

Bayer Werk in Leverkusen

Nach der Monsanto-Übernahme ist die Klageflut gegen Bayer wegen Gesundheitsschäden durch Glyphosat zuletzt nochmals gestiegen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Bayer hat einen Milliarden-Dollar-Vergleich geschlossen, viele US-Klagen sind damit aus der Welt. Aber in der Diskussion mit Kritikern braucht es Empathie, und die kann man nicht kaufen.

Seit Mai 2016 ist Werner Baumann Chef des Pharma- und Agrochemiekonzerns Bayer. Er hat einen beispiellosen Fehlstart hingelegt. Die Übernahme von Monsanto für rund 63 Milliarden Dollar entwickelte sich zum Desaster. Für ihn persönlich und für den Konzern. Mit Unkrautvernichtern wie Glyphosat, Dicamba und gentechnisch verändertem Saatgut steht Monsanto wie kein anderer für eine industrielle Landwirtschaft. Mit dem Kauf der US-Firma ramponierte Baumann nicht nur das Image von Bayer. An der Börse verlor der Dax-Konzern auch noch Milliarden an Wert. Der Vorstandschef hat viel gutzumachen.

In dem Vergleich, dessen Einzelheiten der Konzern in der Nacht zum Donnerstag bekannt gab, zeigt sich wieder einmal Baumanns Perfektionismus. Es ist ein ganzes Konvolut von Vereinbarungen, die auch den Ärger um das Pestizid Dicamba und die Chemikalie PCB aus der Welt räumen sollen. In der Summe ist Baumann für gut zwölf Milliarden Dollar den juristischen Ärger in den USA los, den er sich mit dem Kauf von Monsanto selbst eingebrockt hat. Bis zu 9,6 Milliarden Dollar gehen allein für die rund 125 000 eingereichten und noch nicht eingereichten Glyphosat-Klagen drauf. Dividieren bringt in diesem Fall nicht viel, denn aus diesem Betrag werden auch die üppigen Honorare der US-Klägeranwälte beglichen, und nicht jeder Kläger bekommt die identische Summe.

Zwölf Milliarden Dollar, das ist eine riesige Summe. Aber Bayer kann das stemmen, aus dem Verkauf von Sparten wie der Tiermedizin, aus laufenden Einnahmen. Und Bayer spart, der Konzern streicht Tausende Stellen, die Last der Übernahme tragen auch die Mitarbeiter. Und wenn dann noch Geld fehlen sollte, holt es sich der Konzern am Kapitalmarkt, etwa durch die Ausgabe von Anleihen.

Der Milliardenvergleich löst juristische Probleme, das Image wird aber an Bayer haften

Baumann, der lange Finanzchef des Konzerns war, hat gerechnet und nun das kleinere Übel gewählt. Das ist gut und klug. Wissenschaftlich wähnt sich der Manager bei Glyphosat - mit einer schon bockigen Art - auf der sicheren Seite. Der Vergleich ist kein Eingeständnis einer Schuld oder eines Fehlverhaltens. Für Baumann gibt es keinen Grund, glyphosathaltige Pestizide vom Markt zu nehmen. Aber er will Bayer nicht noch Jahre belasten, so lange könnten sich die juristischen Scharmützel hinziehen mit ungewissem Ausgang. Der Manager hat Unsicherheiten aus dem Weg geschafft und will damit die Investoren besänftigen. Sie mögen Unsicherheiten nicht. Das hat die Entwicklung des Aktienkurses in den vergangenen Jahren gezeigt. Auf jede juristische Entscheidung in den USA, mochte sie auch nur in der ersten Instanz gefallen sein, reagierte der Aktienkurs heftig.

Baumann hat mit dem Vergleich aber nicht nur Bayer befreit, sondern vor allem sich selbst. Gut vier Jahre ist es her, da begannen die Übernahmegespräche, knapp zwei Jahre liegt der Vollzug der Übernahme zurück. Verlorene Zeit. Baumann will jetzt endlich richtig loslegen, er will zeigen, was er wirklich draufhat.

Mit dem Vergleich ist er allerdings nur den juristischen Ärger weitgehend los. Der Imageschaden bleibt. Baumanns Äußerungen in der nächtlichen Investorenkonferenz erwecken nicht den Eindruck, dass er sich sonderlich schert um die Kritik von Umweltschützern, Imkern oder Biobauern an der Strategie des Konzerns. Für den Manager sind Konzerne wie Bayer nicht das Problem, sondern die Lösung für viele Probleme der Menschheit: Hunger, Armut, Erderwärmung.

Glyphosat will Baumann nicht aufgeben, auch nicht die Entwicklung von Saaten, die gentechnisch so verändert sind, dass ihnen die Produkte aus dem eigenen Haus nichts anhaben können. Die Diskussion in der Gesellschaft darüber, wie die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann, wie Äcker, Wiesen und Weiden bewirtschaftet werden sollen, wie eine klimaschonende Landwirtschaft aussehen soll, sind mit dem Vergleich nicht beseitigt. Sie werden weitergehen und an Schärfe gewinnen, weil auch die Probleme wachsen. Kritiker werden weiter gegen den Konzern demonstrieren und nicht nur gegen Bayer, sondern auch gegen andere Agrochemiekonzerne. Die großen Investoren werden nicht nachlassen. Sie werden auf den Hauptversammlungen und anderswo fragen, wie nachhaltig das Geschäftsmodell von Bayer ist.

Von seinen Antworten hängt ab, ob es Baumann gelingt, das Image des Konzerns zu reparieren. Das dauert länger als die juristische Aufarbeitung der Übernahme. Der gesellschaftliche Diskurs erfordert Empathie. Die kann man für kein Geld der Welt kaufen. Da muss Baumann noch üben.

© SZ vom 26.06.2020

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