Pestizide:Glyphosat im Honig: Imker bekommt Schadenersatz

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Pestizide: Imker Sebastian Seusing schüttet vor dem Landwirtschaftsministerium Glyphosat-belasteten Honig auf die Treppe.

Imker Sebastian Seusing schüttet vor dem Landwirtschaftsministerium Glyphosat-belasteten Honig auf die Treppe.

(Foto: Fabian Melber/dpa)

Das Landgericht in Frankfurt/Oder spricht einem Imker rund 14 500 Euro Schadenersatz zu. Er musste mehr als eine halbe Tonne Honig vernichten, weil dieser zu stark mit Glyphosat belastet war.

Von Elisabeth Dostert

Noch ist die Freude verhalten. "Ich freue mich über den Etappenerfolg. Es ist schön zu hören, dass wir recht haben", sagt Sebastian Seusing, 48, am Telefon. Er weiß ja nicht, ob der Beklagte in die nächste Instanz geht. Seusing ist vorsichtig geworden, zu lange zieht sich das Verfahren schon hin. Das Landgericht Frankfurt (Oder) entsprach am Montag der Klage des Berufsimkers gegen den Agrarbetrieb Stadtgüter Berlin Nord KG und verurteilte diesen zu 14 544 Euro Schadenersatz nebst Zinsen. Durch Arbeiten auf einem seiner Felder war Seusings Honig so stark mit Glyphosat belastet worden, dass er gut eine halbe Tonne vernichten musste. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Im Frühjahr 2018 hatte Seusing 29 Bienenvölker am Rande eines mit Luzerne bepflanzten Feldes in Brandenburg, wo er damals lebte, aufgestellt, das von der Stadtgüter Berlin Nord KG bewirtschaftet wird. Deren Mitarbeiter sprühten im April 2019 ein glyphosathaltiges Pflanzenschutzmittel. Das Herbizid, das unter anderem vom Dax-Konzern Bayer hergestellt wird, vernichtet alle Pflanzen, es sei denn, sie sind genetisch so verändert, dass ihnen das Gift nichts anhaben kann. "Die Bienenkästen standen gut sichtbar im Wald am Rande des Ackers", erzählt Seusing: "Mir ging es gar nicht um den Löwenzahn im Luzerne-Feld, sondern um die Robinien im Wald." Für Bienen sind Blüten von Löwenzahn und Robinien ein Festmahl.

Die Insekten trugen belasteten Nektar und belastete Pollen in den Bienenstock. Mehrere Laboranalysen des Honigs ergaben laut Seusing, dass die zulässigen Rückstandshöchstmengen für Glyphosat bis zu 152-fach überschritten wurden. Der Grenzwert liege bei 0,05 Milligramm je Kilogramm. In Wirklichkeit sei der Schaden noch viel größer gewesen als die 510 Kilo Honig, erzählt Seusing. Auch den Ertrag von 60 weiteren Völkern musste er wegen der Glyphosat-Belastung vernichten lassen, insgesamt 4000 Kilogramm, ein Drittel der gesamten Ernte. Nur standen diese 60 Völker knapp drei Kilometer entfernt vom Acker und waren nicht Gegenstand des Verfahrens. Den gesamten Schaden bezifferte Seusing auf 70 000 Euro, den musste er zunächst selbst tragen.

Das Gericht habe der Klage des Imkers "vollumfänglich stattgegeben", so ein Sprecher des Gerichts. Zur Begründung habe das Gericht im Kern ausgeführt, dass "in der Kontamination der Erzeugnisse in den Bienenstöcken mit Glyphosat eine rechtswidrige Eigentumsverletzung lag". Das Gericht habe "dabei eine fahrlässige Pflichtverletzung des Landwirtschaftsbetriebs festgestellt, weil die Bienenkästen für die Beklagte erkennbar aufgestellt waren". Für Seusings Anwalt Georg Buchholz ist das Urteil ein Sieg auf "ganzer Linie" und ein Urteil von grundsätzlicher Bedeutung, weil es Klarheit über die Ansprüche von Imkern schaffe.

Pestizide: Ein Bild aus früheren Tagen. Das Ehepaar Sebastian und Camille Seusing bei der Entnahme von Honig.

Ein Bild aus früheren Tagen. Das Ehepaar Sebastian und Camille Seusing bei der Entnahme von Honig.

(Foto: Florian Zimmer-Amrhein/PR)

"Viele Imker klagen erst gar nicht, weil ihnen das Verfahren zu teuer ist", sagt Thomas Radetzki, Vorstandschef und Initiator der Stiftung Aurelia, die sich für Naturschutz und insbesondere Bienen einsetzt. Sie hat Seusings Kosten für das Verfahren übernommen. "Die Wild- und Bestäuber müssen besser geschützt werden, sagt Radetzki, selbst Imker. Er fordert ein komplettes Verbot von Pestiziden während der Blüte von Pflanzen, Bienen seien überall.

Die Stadtgüter Berlin Nord KG wollte sich am Montag nicht zum Urteil äußern, sondern erst die Urteilsbegründung abwarten und dann entscheiden, ob sie gegen das Urteil Berufung einlegt. Das private Unternehmen hat die Fläche seit 2007 von der Berliner Stadtgüter GmbH gepachtet, einer Immobiliengesellschaft des Landes Berlin, die in Brandenburg insgesamt 16 000 Hektar bewirtschaftet. Die Flächen sollen, so eine Sprecherin, "nach guter landwirtschaftlicher Praxis" bewirtschaftet werden. Zum Urteil wollten sich die Berliner Stadtgüter am Montag nicht äußern.

Glyphosat steht seit vielen Jahren in der Kritik. In den USA verklagten Tausende den Konzern Bayer, der sich den Ärger mit der Übernahme von Monsanto im Jahr 2018 eingehandelt hatte. Vergleiche kosteten den Konzern Milliarden. Noch sind nicht alle Rechtsstreitigkeiten beigelegt.

Die Familie Seusing lebt seit Anfang 2021 nicht mehr in Brandenburg. Beim Urteil war Seusing am Montag nicht in Frankfurt. Das Geschäft mit Honig sei ihm zu riskant geworden. Den Betrieb, die Einrichtung, die Völker hat Seusing verkauft. Er arbeitet jetzt als Angestellter auf einem Bio-Mutterkuhbetrieb in Schleswig-Holstein. Es sei ein schöner Hof, sagt Seusing: "Aber meiner Imkerei trauere ich immer noch nach. Unsere Familie hat gut davon gelebt, zwölf Jahre lang. Der Verlust war schon ein Schlag."

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