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Globalisierungsgegner:Der Herr der Nanosekunde

Jeremy Rifkin verkündet ein neues Zeitalter nach dem anderen - es schadet ihm nicht, dass ihn die Realität oft einholt.

Marc Hujer

(SZ vom 20.10.2001) Jeremy Rifkin hat sehr viele Bücher geschrieben, und das mit großem Erfolg.

Jeremy Rifkin.

Eigentlich sehen sie wie billige Management-Ratgeber aus, aber wenn sie sich in Rifkins Vorzimmer so nebeneinander drängen, wie Bataillone, um jeden Zentimeter der Regalwand feilschend, machen sie doch Eindruck.

Vielleicht sind es hundert, vielleicht zweihundert grüngelbe Buchrücken von Age of Access, dem jüngsten Werk Rifkins, daneben The End of Work und The Biotech Century in ähnlichen Mengen.

Eine Vorzimmerdame wendet sich gleich dem Regal zu, und wie eine Parfümverkäuferin greift sie großzügig nach Proben, die es gratis gibt. "Die drei jüngsten Bücher von Herrn Rifkin", sagt sie, "bitte schön." Und gleich darauf springt Herr Rifkin aus seinem Büro, voll Elan, sehr freundlich und fragt: "Haben Sie meine drei jüngsten Bücher bekommen?"

Jeremy Rifkin ist ein gepflegter, eher kleinwüchsiger Mann, er hat wenig Haare auf dem Kopf und trägt einen Schnurrbart. Er ist höflich und redet flüssig wie ein Staubsaugervertreter. Rifkin soll kein ganz leichter Mensch sein, wenn man näher mit ihm zu tun hat, aber das Spiel mit den Medien beherrscht er sehr gut.

Er gibt sich verständnisvoll und ermutigt zum Denken - manchmal wirkt er fast wie einer dieser dynamischen Unternehmenstherapeuten, die frustrierte Manager barfuß über heiße Kohlen laufen lassen oder zum Bungee-Jumping überreden. Rifkin hat immer und für alles Beispiele parat. Das von der Firma Nike, die keinen einzigen Schuh mehr selbst produziert, hat er besonders gern, weil es seiner Meinung nach das Zukunftsmodell eines Unternehmens darstellt, das nur noch Stories verkauft.

Man hat dieses Beispiel und viele andere schon etliche Male gelesen oder gehört - in Rifkins Büchern, in seinen Reden, in Portraits über Rifkin und Rifkin-Rezessionen. Die meisten kann man auswendig aufsagen, ohne jemals das Gesamtwerk gelesen zu haben. Aber immer wieder trägt sie Rifkin so vor, als hätte er sie gerade beim Lunch mit einem Boss einer mächtigen Fortune 200-Firmen aufgeschnappt. Mit denen umgibt er sich gerne.

Kultur, nicht Kommerz

Rifkin, der in der Friedensbewegung während des Vietnamkriegs groß geworden ist, ist immer ein Linker geblieben, die Frankfurter Allgemeine Zeitung nennt ihn den "letzten Achtundsechziger".

Zu seinen treuen Wegbegleitern gehören der ehemalige französische Ministerpräsident Michel Rocard und Ralph Nader, der Spitzenmann der amerikanischen Grünen. Der neuen Linken um Tony Blair oder Gerhard Schröder kann Rifkin nicht viel abgewinnen.

Die Befürworter des so genannten Dritten Weges seien dem Irrglauben aufgesessen, ein gesundes Wirtschaftssystem schaffe eine gesunde Gesellschaft. Es funktioniere genau anders herum: "Kultur kommt vor Kommerz." Der Streit um die Globalisierung, sagt Rifkin, sei "der Kampf zwischen Kultur und Kommerz", und er könne nur beigelegt werden, wenn die Zivilgesellschaft eine gleichberechtigte Mitsprache bekomme - etwa in einer Weltkulturorganisation als dem Gegenstück zur Welthandelsorganisation (WTO).

Rifkin kam 1945 in Denver zur Welt. Sein Vater war Hersteller von Plastiktüten, seine Mutter übertrug Bücher in die Blindenschrift. Die Jugend verbrachte er in Chicago, später studierte er Wirtschaftswissenschaft an der berühmten Wharton School der University of Pennsylvania, an der er heute nebenbei lehrt. Schon früh war er politisch aktiv, 1967 bereitete Rifkin einen Protestmarsch gegen den Vietnamkrieg vor.

Als Mitglied der Citizen Commission ging er von 1969 an Kriegsverbrechen nach, später machte er sich unter anderem als Gegner der Biowaffen-Forschung einen Namen. 1977 wurde er durch seinen Protest gegen den ersten Klonversuch an Tieren bekannt. Später kämpfte er als Verbraucherschützer gegen gentechnisch manipulierte Lebensmittel, und als im April 2000 die Genfirma Celera das menschliche Erbgut entschlüsselte, forderte Rifkin, das menschliche Genom zum Gemeingut zu machen.

1978 gründete er in Washington die Foundation on Economic Trends, eine Nonprofit-Organisation, die jährlich eine halbe Million US-Dollar Spenden eintreibt, Kongresse organisiert und ihn unterstützt, wenn er Bücher schreibt.

Jeremy Rifkin hat bisher 15 Bücher veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Der Amerikaner liebt es, mit großen Schritten durch die Geschichte zu schreiten.

Kein Buch wird geschrieben, keine Idee entwickelt, ohne dass nicht mindestens ein altes Zeitalter vergeht und ein neues beginnt. Allein innerhalb der letzten sechs Jahre hat Rifkin das Ende des Eigentums und das Ende der Arbeit prophezeit, er hat seinen "Marktkapitalismus" beerdigt und die "Netzwerkökonomie" aus der Taufe gehoben, er hat das Biotechnologische Zeitalter beginnen lassen und das Zeitalter der Nanosekunde erklärt.

Rifkin erinnert gerne an das römische Reich, an die Zeiten der Sonnenuhr, in der es nur "Sonnenaufgang, Mittagszeit und Sonnenuntergang" gab, um den Wirtschaftsprozess zu koordinieren.

Heute gebe es die Nanosekunde und die Picosekunde. "Jede Person und jede Institution lassen sich heute in Lichtgeschwindigkeit miteinander verbinden. So effizient, so koordinierbar ist Wirtschaften noch nie gewesen." Mit der neuen Nanosekundenkultur lasse sich die Dichte der Interaktionen im Wirtschaftssystem maximieren. Rifkin: "Ein neues System ist geboren."

"Postmodernes Geschwätz"

Rifkins Kritiker werfen ihm vor, sich alleine um schöne Worte zu bemühen. Er sei "antiintellektuell", heißt es, und "antiwissenschaftlich".

Das Magazin Time kürte Rifkin einmal zum meist gehassten Mann in der seriösen Wissenschaft und das Wall Street Journal beschimpfte sein Werk als "postmodernes Geschwätz".

In ernste Rechtfertigungsnöte kam Rifkin, als der amerikanische Wirtschaftsboom immer neue Arbeitsplätze schuf, obwohl er doch in The End of Work das Gegenteil behauptet hatte. Auch sein jüngstes Werk Access - das Verschwinden des Eigentums muss Rifkin gegen den widrigen Gang der Geschichte verteidigen, nachdem die New Economy ihren Glanz verloren hat.

Mit dieser sei es nur deshalb bergab gegangen, meint Rifkin, weil sie auf veraltete Wirtschaftsstrukturen getroffen sei, die nicht flexibel genug waren für eine Technologie der Nanosekunden. Er ist sich aber sicher, dass die große Zeit der New Economy erst noch kommt. "Von der Erfindung der Elektrizität", sagt Rifkin, "haben wir auch erst zwanzig Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert. Das nächste Zeitalter kommt bestimmt."

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