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Globalisierung:Es braucht kleine, aber beharrliche Schritte

Trump to order Chinese firm to divest TikTok: reports

Microsoft-Chef Satya Nadella spricht beim Technologie Gipfel 'Future Decoded' im indischen Bangalore.

(Foto: AFP)

Die globale Verflechtung der Wirtschaft lässt sich nicht einfach zurückdrehen. Angesichts drängender Probleme wie Corona und Klimwandel wäre das auch unvernünftig.

Kommentar von Helmut Martin-Jung

Alles hängt mit allem zusammen - so ist es in der Natur mit ihren Ökosystemen. So ist es aber auch in der globalisierten Wirtschaft. Alles greift ineinander, und davon lebt sie im Großen und Ganzen recht gut. Den deutschen Autoherstellern etwa ginge es ziemlich schlecht, würden sie nicht so viele Autos in China verkaufen und müssten sie und ihre Zulieferer die Bauteile allesamt im Hochlohnland Deutschland herstellen und zusammenmontieren. Der Apple-Konzern könnte nicht so viel Gewinn machen, wenn er seine Geräte nicht erheblich günstiger als zu Hause in China fertigen lassen könnte. Die chinesischen Konkurrenten von Apple wiederum brauchen Chips und Software aus den USA. Alles ist eben mit allem vernetzt.

Große Firmen haben zwar irgendwo ihren Hauptsitz, aber viele Standorte in aller Welt, an denen nicht nur Vertriebsleute und ein paar Manager sitzen, sondern an denen auch geforscht und entwickelt wird. Im Münchner Google-Büro etwa werden unter anderem Datenschutzfunktionen entwickelt, die weltweit eingesetzt werden. Der Samsung-Konzern aus Südkorea forscht auch in den USA - zwei Beispiele von vielen.

Es ist also eigentlich recht augenfällig, dass die Welt mit dieser Art der Vernetzung besser dran ist als ohne sie. Die Weltgemeinschaft - oder was davon im Zeitalter aufkeimender Nationalismen noch übrig ist - sollte daher alles in ihrer Macht stehende tun, dass der Wirtschaft so wenig protektionistische Zwänge wie möglich auferlegt werden. Denn nicht nur die Pandemie fordert die gesamte Welt heraus. Der Klimawandel, der Verbrauch globaler Ressourcen und die Naturzerstörung sind noch weit größere Probleme, die sich mit einer gesunden Wirtschaft besser lösen lassen als ohne sie. Und: Die Globalisierung sollte auch kein Freibrief für weltweit verzweigte Unternehmen sein, sich um die Bezahlung von Steuern und Abgaben zu drücken.

Die globale Verflechtung der Wirtschaft konnte funktionieren, weil die Vorteile überwogen und weil die meisten das verstanden. Niemand wird bestreiten, dass es dabei auch ungerecht zuging, vor allem weniger entwickelte Länder werden benachteiligt - teilweise wirken die alten Kolonialstrukturen noch immer indirekt fort. Doch wird das mühsam etablierte Gleichgewicht gestört - wie am Beispiel des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits zu beobachten -, wird alles nur schlimmer.

Dass die US-Regierung den chinesischen Technologiekonzern Huawei massiv unter Druck setzt, mag aus US-Sicht ein wirksamer Schachzug sein. Er bleibt aber nicht ohne Folgen. Zum einen leiden amerikanische Firmen wie etwa der Chiphersteller Qualcomm darunter, dass sie nicht mehr an Huawei liefern dürfen. Zum anderen stachelt er den Nationalismus an. Was unter anderem zur Folge hatte, dass Huawei im ersten Quartal dieses Jahres zum Marktführer bei Smartphones aufstieg, vor allem weil viele Chinesen bewusst ein einheimisches Smartphone kauften. Und was, wenn China nun auf die Idee käme, den Verkauf von Apple-Produkten in China zu verbieten, oder deren Produktion in den Foxconn-Fabriken? Am Ende würden alle verlieren, weil in der verflochtenen Wirtschaftswelt einer vom anderen abhängig ist.

Je schlechter es der Wirtschaft geht, umso weniger Mittel stehen zur Lösung drängender Probleme, wie dem Klimawandel, bereit.

Angesichts der drängenden Probleme wäre es wichtig, ja unerlässlich, dass ökonomische Vernunft und Voraussicht über Egoismus und Großmannssucht siegte. Je schlechter es der Wirtschaft geht, umso weniger Mittel stehen für die großen Menschheitsprobleme wie etwa den Klimawandel bereit. Dessen Auswirkungen werden nach allen seriösen Prognosen die derzeit grassierende Pandemie bei Weitem übertreffen.

Vielleicht wäre ohne nationale Egoismen auch Gelegenheit, die Möglichkeiten von Konzernen zumindest stark zu beschneiden, dass sie nicht wie jeder Bäcker und Buchhändler Steuern dort bezahlen, wo sie ihr Geld verdienen. Sondern dort, wo die Steuern lächerlich niedrig sind. Die Tricks, die dabei angewendet und von hochbezahlten Spezialisten entwickelt werden, sie mögen zwar im technischen Sinne legal sein. Moralisch sind sie es nicht.

Wie schön wäre es, gäbe es eine einfache Lösung, wie all dies zu bewerkstelligen wäre. Einfache Lösungen aber haben nur die Populisten. Sind die dann an der Macht, wird schnell offenbar, dass die Dinge so einfach nicht sind. Es müssen also weiter dicke Bretter gebohrt werden, es braucht Geduld und Beharrlichkeit, jeder kleine Schritt nach vorne ist besser als nichts oder gar ein Rückschritt.

© SZ vom 13.08.2020

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