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Globalisierung:Weltweit gefragt

China bleibt für deutsche Veranstalter einer der bedeutendsten Messeplätze. In diesem Ausstellungs-und Kongresszentrum in Shanghai bieten 2018 Berlin und Nürnberg ihre Themen an.

(Foto: Katharina Wetzel)

Messeunternehmen lassen sich von Handelsbarrieren und politischen Spannungen nicht so leicht abschrecken. Im Gegenteil. Viele bauen ihre Geschäfte derzeit sogar weiter aus. Denn das Ausland wird für sie immer wichtiger.

Die Ausrichtung von Messen scheint eine Disziplin zu sein, die die deutsche Wirtschaft mit Ehrgeiz betreibt und mit Erfolg beherrscht. Das hat viel mit der geografischen Lage mitten in Europa, der guten Konjunktur und dem Bestreben zu tun, möglichst viele Märkte im Ausland zu erobern. Nur wenige Länder verfügen über so viele Messeplätze mit eigenem Gelände wie Deutschland. Natürlich machen sich die Standorte immer wieder gegenseitig Konkurrenz. Aber sie haben längst ein Ventil gefunden. Sie weichen ins Ausland aus und verkaufen ihre Expertise im Messewesen gleich mit.

Das passt zur Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft. Denn für Aussteller sind Messen ziemlich wichtig für ihre Auslandsgeschäfte. Auf Messen in Deutschland kommt jeder dritte Besucher aus dem Ausland. So bieten Messen für mittelständische Firmen einen günstigen Einstieg in internationale Geschäftsbeziehungen.

Am weitesten hat sich die Frankfurter Messe ins Ausland vorgewagt. Über 40 Prozent des Konzernumsatzes von 661 Millionen Euro im Jahr 2017 stammen aus anderen Ländern. Beim Gewinn macht der Anteil sogar 60 Prozent aus, weil man im Ausland kein Gelände vorhalten und in Schuss halten muss. Der Geschäftsführer der Messe Frankfurt, Detlef Braun, sagt selbstbewusst: "Die Expertise der Messe Frankfurt ist gefragt, weltweit." Handelskriege, Embargos oder politische Verwicklungen wie der Brexit schrecken den Messe-Profi nicht. Im Gegenteil. "Wir sind überall, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht günstig sind." Als Beispiel nennt er Russland. Dort habe man trotz des schwierigen Umfelds an der Strategie der Zukäufe und Übernahmen festgehalten und diese sogar verstärkt. Deshalb sei 2017 dort der Umsatz um die Hälfte gewachsen, und Frankfurt zähle zu den wesentlichen Veranstaltern in Russland.

Das zweite Beispiel ist Argentinien, wo man sich trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht zurückzog. Die Indexport Messe Frankfurt in Buenos Aires zählt zu den führenden Veranstaltern in Südamerika. Die Umsätze verdreifachten sich im vergangenen Jahr. Nach dem WTO-Kongress mit 5000 Teilnehmern wird Frankfurt auch den G-20-Gipfel 2018 in Argentinien veranstalten. Das ist auch eine Frage des Prestiges, weil man Regierungen und Notenbanken der 20 größten Volkswirtschaften der Welt erwartet.

Die Kosmetikmesse Beautyworld erhält einen Ableger in Dschidda

In Dubai beteiligt sich die Messe mehrheitlich an der "Middle East Cleaning Technology Week", die drei Fachmessen für die Wäscherei-, und Textilreinigungswirtschaft, die Gebäudereinigungsbranche und die Autopflege vereint. "Vor allem durch das Wachstum in der Hotelbranche und die Vorbereitungen für die Expo 2020 ist Dubai ein wichtiger Markt für alle Anbieter in den unterschiedlichen Teilbereichen der Reinigungsbranche", sagt der Frankfurter Messechef Wolfgang Marzin. Zudem erweitert die Messe ihre Marke Light and Building im Bereich Licht- und Gebäudetechnik durch Übernahmen in Thailand. Und die Kosmetikmesse Beautyworld erhält einen Ableger in Dschidda, Saudi-Arabien. Die Messe Nürnberg setzt ebenfalls zunehmend auf das Ausland. Im thailändischen Bangkok will Nürnberg mit dem Namen Biofach Südostasien gesunde Ernährung und Lebensweise ausstellen. Und die Messe IT-Sa, bei der es um die IT-Sicherheit und den Schutz in der digitalen Welt geht, wollen die Nürnberger in diesem Jahr nach Indien exportieren. Allein die indische Tochtergesellschaft habe ihr Portfolio seit Gründung vor fünf Jahren von drei auf zwölf Messen vervielfacht, sagt Peter Ottmann, einer der beiden Co-Chefs der Messe Nürnberg, und meint: "Wir können uns vor dem Hintergrund der bisherigen positiven Entwicklung eine Ausweitung des Engagements in Indien vorstellen." Mit künftig drei Büros in Delhi, Mumbai und Bangalore sei man für das künftige Wachstum gut aufgestellt.

Nicht immer aber klappt die Expansionsstrategie ins Ausland. So hatten die Nürnberger ihre Fühler in die Türkei ausgestreckt. Aber eine geplante Firmenübernahme platzte. Messe-Co-Chef Roland Fleck zeigt sich im Nachhinein froh über den misslungenen Versuch. "Unser Rückzug war aus heutiger Sicht eine kluge Entscheidung." Auf den letzten Metern hätten sich unerwartete Risiken gezeigt. Aber man habe die Türkei nach wie vor auf dem Radar, allerdings nicht zeitnah.

Nürnberg ist ein Paradebeispiel dafür, dass der Drang ins Ausland auch einen ernsten Hintergrund im Inland hat. Viele Messen finden nicht jedes Jahr statt. Deshalb schwanken die Umsätze, es gibt fette und magere Jahre. In Nürnberg pausierten 2017 die Brau Beviale und die Fachpack und drückten so den Umsatz von 288 Millionen Euro in 2016 auf 200 Millionen Euro in 2017. Kaum anders erging es der Messe Düsseldorf, bei der 2017 die Messe Drupa, die zentrale Veranstaltung der Druckindustrie, pausierte. Prompt schrumpfte der Umsatz von 443 auf 360 Millionen Euro. Bisher rekrutiert Düsseldorf erst 18 Prozent der Geschäfte im Ausland. Messechef Werner Dornscheidt will diesen Anteil auf 25 Prozent erhöhen. In der Vergangenheit lag der Auslandsanteil in Düsseldorf höher. Das änderte sich, als man sich von der Beteiligung an der Messe in Brünn trennte.

"Freier Handel ist entscheidende Voraussetzung für prosperierende Messen"

Auch wenn die Frankfurter Messe Russland und Argentinien als Leuchttürme einer beharrlichen Auslandsstrategie erwähnt, bleiben neben Südamerika doch Asien und insbesondere China die wichtigsten Plätze für den Drang nach draußen. Die Messe Köln beispielsweise hat 28 Veranstaltungen im internationalen Portfolio und nimmt neben China, Südostasien und Indien auch Südamerika in den Fokus - vor allem mit Ernährungsthemen.

Die Strategien der Messen bei ihren Expansionsplänen ähneln sich. Rund um eine deutsche Leitmesse werden Messefamilien gebildet mit Ablegern, die den jeweiligen Ländern angepasst werden. Die größte Messefamilie ist die Werkstättenschau Automechanika, die von der Messe Frankfurt 17 Mal rund um den Globus gezeigt wird, in diesem Jahr auch in der saudischen Hauptstadt Riad. In einem Fall haben die Frankfurter diese Strategie sogar so weit getrieben, dass die Leitmesse Interstoff in Frankfurt verschwand und die Textilfamilie nur noch im Ausland alljährlich auflebt. Die Nürnberger Biofach, die nun auch in Bangkok zu sehen ist, die Düsseldorfer Weinleitmesse Pro Wein, die es auch in Singapur gibt - alles Beispiele globaler Trends mit Schrittmachern aus Deutschland. 315 Veranstaltungen planen die deutschen Messen in diesem Jahr insgesamt im Ausland, vor zehn Jahren waren es erst 246. Bei diesem Tempo wundert es nicht, wenn die Manager der Messen das politische und wirtschaftliche Geschehen im Ausland immer im Blick haben. "Freier Handel ist entscheidende Voraussetzung für prosperierende Messen. Sobald es Anzeichen einer Negativentwicklung gibt, spüren wir dies in unseren Messehallen als Erstes - wie beispielsweise bei der globalen Finanzkrise 2008/2009", sagt der Nürnberger Messechef Roland Fleck.

Wie sich etwa der Brexit auswirke, hänge vor allem von der Ausgestaltung des Vertragswerkes zwischen der EU und Großbritannien ab. "Insbesondere die künftigen wechselseitigen Marktzugänge werden eine Rolle spielen." Fleck ist überzeugt, dass der EU-Binnenmarkt ein zentraler Absatzmarkt für britische Firmen bleibt. Zuletzt lag Großbritannien im Messezentrum Nürnberg mit jährlich 770 Ausstellern auf Rang vier der Aussteller aus dem Ausland, mit mehr als 9000 Besuchern auf Platz acht der ausländischen Besucher. Mittelfristig dürfte laut Fleck von Bedeutung sein, wie stark neben Handelshemmnissen auch Wechselkursschwankungen einen Messeauftritt beeinflussen.

"Je unsicherer sich die Wirtschaftslage im eigenen Markt darstellt, umso stärker nutzen ausländische Aussteller und Besucher Messen in Deutschland", richtet Gerald Böse, Chef der Messe Köln, den Blick zurück ins eigene Land und gewinnt so schwierigen Umständen die positive Seite ab. Nach Köln kamen zuletzt mehr Menschen aus England und der Türkei. In Nürnberg zeigten sich mehr Besucher aus Polen, Italien und auch aus der Türkei.