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Globalisierung:Eine Rheinbrücke aus chinesischem Stahl? Das sorgt für Protest

Rheinbrücke Leverkusen muss saniert werden. A1

Die Autobahnbrücke der A 1, die den Rhein bei Leverkusen überspannt, muss dringend saniert werden.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)
  • Ein Bau in Leverkusen soll mit Importware aus Fernost bestückt werden.
  • Gewerkschaften und Lobbyisten im stolzen Stahlland Nordrhein-Westfalen sind sauer.
  • Einige fordern sogar, den Sanierungsauftrag erneut zu vergeben.

Von Christian Wernicke, Düsseldorf

Es ist kein wirklicher Aufschrei, der durchs Land hallt. Aber für das nicht eben kraftstrotzende Selbstbewusstsein von Nordrhein-Westfalen, diesem einst auf Kohle und Stahl errichteten Bundesland, bedeutet die Nachricht vom Rheinufer einen erneuten Tiefschlag: Die riesige Rheinbrücke, die bis 2020 für freie Autofahrt zwischen Köln und Leverkusen über Deutschlands größten Strom sorgen soll, wird nicht mit heimischen Stahl gebaut - sondern mit Importware aus China.

Das schmerzt - und das provoziert prompt Proteste. "Zu NRW-Brücken gehört NRW-Stahl", wettert Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall. Ins gleiche Horn stößt der Düsseldorfer Verein "Bauforumstahl", die Lobby des deutschen Stahlbaus: Die Ausschreibung des Großprojekts durch das Düsseldorfer Verkehrsministerium sei "nicht präzise genug" gewesen, weshalb die Billigkonkurrenz aus Fernost von einem Preisvorteil profitiere. Das zumindest glaubt Bernhard Hauke, Geschäftsführer der Interessenvertretung. Der Ingenieur möchte nicht gleich Szenarien von einstürzenden Neubauten an die Wand malen. Aber einen Qualitätsunterschied vermutet er schon: Mit Stahl "made in Germany" wäre "die Wahrscheinlichkeit, dass die Brücke länger hält, erheblich größer."

Ausgerechnet die Rheinbrücke bei Leverkusen: Das mehr als 50 Jahre alte Bauwerk gilt längst als ein Symbol für die marode Infrastruktur in Deutschlands Westen. Seit Jahren ist dieses Nadelöhr für Lkws über 3,5 Tonnen gesperrt, seit 2016 verhindert eine automatische Schranke, dass Brummis über den Rhein donnern.

Voriges Jahr nun schien dem "Stauland NRW" endlich ein Aufbruch zu gelingen: Das Bundesverwaltungsgericht genehmigte trotz Bürgerprotesten die Planung, der österreichische Konzern Porr gewann die 740 Millionen teure Ausschreibung, Mitte Dezember zelebrierte Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) den ersten Spatenstich. Dass mindestens zwei Drittel jener 32 000 Tonnen Stahl, die den Brückenschlag tragen sollen, aus China stammen, ist laut der EU-weiten Regeln für die Vergabe öffentlicher Aufträge zwar völlig legal. Nur, Branchenkenner machen gleichwohl ein Manko aus, per Kürzel: "Q1"

Wird der Bau erneut ausgeschrieben?

Mit dem Status "Q1" zertifiziert die Deutsche Bahn zuverlässige Lieferanten - und deren Gütesiegel verwendet auch der Landesbetrieb Straßenbau, kurz "Straßen NRW". Eigentlich. Denn bei der Ausschreibung der A-1-Brücke, so weiß Bernhard Hauke vom Bauforumstahl, habe man diesen Standard "nicht eingefordert". Zwar versichert Minister Wüst, dass seine Prüfer "von der Produktion in China bis zum Einbau" sehr wohl ein Auge darauf hätten, dass nur Stahl gleichwertiger Qualität hoch über den Rhein gelegt werde. Aber das mag Hauke nicht glauben: "Dann nämlich wäre der chinesische Stahl ungefähr 15 Prozent teurer als bisher kalkuliert."

Lobbyist Hauke verlangt deshalb, den Auftrag für die Zulieferung von 22 000 Tonnen Brückenstahl neu auszuschreiben. Das sei "kurzfristig teuer, aber langfristig wirtschaftlicher" und könne, Pi mal Daumen, ein ganzes Jahr lang 88 deutsche Malocher ernähren. Der Stahl-Mann weiß einen Grund, warum es der seit Juni regierenden neuen Regierung ein Leichtes sein sollte, deutschen Stahlkochern eine zweite Chance zu gewähren: Die alte Ausschreibung veröffentlichte Straßen NRW genau einen Tag, bevor CDU-Verkehrsminister Wüst sein Amt antrat.

Der Druck im Kessel steigt. Nun wird bekannt, dass noch eine zweite Rheinbrücke bei Duisburg mit Billigstahl aus Asien saniert werden soll. "Einen Witz" nennt der IG-Metaller Giesler die Idee, ausgerechnet nach Duisburg, "dem europäischen Zentrums des Stahls", über 10 000 Kilometer Werkstoff aus China zu schaffen: "Das versteht kein Mensch - und das fördert Politikverdrossenheit!"

© SZ vom 09.01.2018/been

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