bedeckt München 18°
vgwortpixel

Global Summit of Women:Wasserträgerinnen

Meissners Strategen: Ich sehe Ihre Entwicklung positiv: Früher haben Sie nur gelacht, wenn es der Chef auch tat. SZ-Zeichnung: Dirk Meissner

Was haben Frauenkarrieren mit Not und Hunger zu tun? Bei der Tagung in São Paulo konnte man eine ganze Menge lernen.

Nein, das ist nicht Davos, zunächst einmal, weil es natürlich Brasilien ist. Oder wäre das auch beim Weltwirtschaftsforum in den Alpen vorstellbar? Eine gerade preisgekrönte UN-Generaldirektorin (Phumzile Mlambo-Ngcuka), die ihre südafrikanische Delegation zu Samba-Klängen durch den Saal führt, begleitet von tanzenden oder zumindest rhythmisch wippenden Ministerinnen, Staatssekretärinnen, Vorstandschefinnen, Managerinnen und Unternehmerinnen.

Aber es gibt noch andere Gründe, warum die gern genutzte Bezeichnung "Davos für Frauen" nicht ganz richtig ist für den Global Summit of Women, der gerade zum 25. Mal stattfand und 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 63 Ländern zusammengebracht hat. Hier konferieren weniger die großen Namen, wenngleich die Vizepräsidentin Vietnams spricht, Länderchefinnen und -chefs von Weltkonzernen auftreten, aus Deutschland unter anderem Staatssekretärin Elke Ferner und Siemens-Personalvorstand Janina Kugel. Hier treffen sich ziemlich viele Frauen aus den ein, zwei Führungsebenen unter dem Konzern- oder Regierungschef, dazu Gründerinnen, Unternehmerinnen und andere, die etwas verändern möchten.

Regie führt beim Summit die strenge Irene Natividad. Die Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln hat es sich mit ihrer Organisation Globewomen zur Aufgabe gemacht, Frauen aus aller Welt ein Forum zum Vernetzen und Lernen zu bieten. Lösungen finden, darum geht es ihr. Und bei diesem Gipfel wird noch mehr als anderswo deutlich, dass Frauenförderung, Quoten und die Unterstützung von Kleinunternehmerinnen nicht nur eine Sache von Geschlechtergerechtigkeit, Fachkräftemangel oder Profitstreben ist, weil gemischte Teams mehr leisten. Es geht um das weltweite Wachstum. Und mancherorts um Leben und Tod.

Paula Santilli, Mexiko-Chefin von Pepsico, stellt zum Beispiel ein Projekt vor, das sauberes Trinkwasser in Dörfer bringt. In Entwicklungsländern lastet die Wasserbeschaffung zu 76 Prozent auf dem Rücken der Frauen, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Frauen marschieren kilometerweit zu Wasserstellen und können sich in der Zeit nicht um ihre Kinder kümmern, was Auswirkungen auf deren Bildungs- und Lebenschancen habe. "Programme, die auf Frauen zugeschnitten sind, sind fünf- bis sechsmal so effektiv wie jene, die sich an Männer richten", sagt Santilli. Die Bank Goldman Sachs hat mit dem Projekt "10 000 Women", das Frauen Zugang zu Krediten erleichtert und beim Entwickeln von Geschäftsplänen schult, eine ähnliche Erfahrung gemacht: Jede Frau, die sich daran beteiligt, wird Mentorin für acht weitere Frauen in ihrer Gemeinde. Konzerne übernehmen, meist in Kooperation mit gemeinnützigen Organisationen, weltweit zunehmend Aufgaben, die eigentlich Sache von Regierungen wären: Sie unterstützen Bildungseinrichtungen, bringen Solarenergie und Infrastruktur in Dörfer. Managerinnen und Gründerinnen ist es ein besonders großes Anliegen, mit Projekten und Produkten die Welt zu verbessern. Selbstverständlich sei Corporate Social Responsibility auch gut fürs Geschäft gut, sagt Laura Gonzalez-Molero, Lateinamerika-Chefin von Bayer Healthcare. Es spricht also viel für die These: Je mehr Frauen es in den großen Institution von Wirtschaft und Politik bis ganz nach oben schaffen, desto mehr bewegt sich ganz unten zum Besseren. "Wir können Hunger und Armut nicht tolerieren", sagte Alcione Albanesi, die mit ihrer Firma FLC Lampa günstige Energiesparlampen nach Brasilien gebracht hat und ein großes soziales Projekt betreibt.

Die Interamerican Development Bank hat kalkuliert, dass die Weltwirtschaft um zehn Prozent wachsen würde, brächte man die Beschäftigungsquote von Frauen weltweit gleichauf mit der von Männern. Julie Katzman aus der Chefetage der Bank ermahnt die Unternehmen, Frauen auch als Kundinnen in den Blick zu nehmen. Weibliche Konsumentinnen verfügten über 18 Billionen Dollar Kaufkraft, deutlich mehr als die aller Chinesen. "Jedes Unternehmen hat eine China-Strategie, aber wer hat eine Frauen-Strategie?", fragt Katzman. Frauen kauften zum Beispiel 70 Prozent aller Autos, aber erst spät hätten die Konzerne begriffen, auch die Autos entsprechend auszurüsten. All diese Fehler, davon sind in São Paulo viele überzeugt, würden nicht gemacht, ließe man mehr Frauen an die Schaltstellen der Macht. An Ehrgeiz und Lernbereitschaft mangelt es ihnen nicht. So ist das Seminar dazu, wie man an eine Aufsichtsratsposition kommt, eines der bestbesuchten der Konferenz.

Überhaupt sind Frauen immer schnell dabei, wenn es um noch eine Ausbildung, noch eine Qualifikation geht. "Überqualifiziert und unterbeschäftigt" seien sie, hatte Natividad vor Beginn der Konferenz gesagt. Die Mehrheit der Universitätsabsolventen sei mittlerweile weiblich, nur würden sie nicht ihrer Qualifikation gemäß eingesetzt. Vorurteile und Stereotype bremsen jedoch den Weg vieler Absolventinnen. "Wie komme ich als schwarze junge Ingenieurin hier in Brasilien an einen Job?", fragt eine zierliche Frau aus dem Publikum, ein Zittern in der Stimme. Dass die Lateinamerika-Chefin von Schneider Electric ihr noch von der Bühne weg zur Bewerbung bei ihr riet, spricht für systematische Frauenförderung. Denn Frauen, die führen, holen häufig Frauen nach.

So, wie Irene Natividad jedes Jahr Frauen zusammenbringt. Manchmal verliere sie die Geduld beim Warten auf echte Fortschritte, sagt sie, mittlerweile 66. Und manchmal sind sie tatsächlich ermüdend, die Diskussionen über Quoten, Selbstvermarktung, Benachteiligung, die immer diejenigen vor denjenigen führen, die es ohnehin schon wissen. Während in Davos also die Mächtigen versuchen, die Welt zu bewegen, geht es beim Frauengipfel in vielen Foren darum, die weniger Mächtigen überhaupt erst mächtig zu machen. Würde der Global Summit aber tatsächlich eine Art Davos, weil man dies nicht mehr bräuchte, hätte er keine Existenzberechtigung mehr. Könnte sein, dass Natividad das gern noch erleben würde.

© SZ vom 18.05.2015
Zur SZ-Startseite