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Gleichberechtigung:Meine Zeit, deine Zeit, Elternzeit

Father carrying cute baby girl in living room at home model released Symbolfoto EBBF00211

Der Vater bleibt zu Hause und kümmert sich um das Baby: Spanien erhöhte die Elternzeit für Väter binnen fünf Jahren schrittweise von zwei auf jetzt 16 Wochen.

(Foto: Eva Blanco/imago images)

In Spanien steht Vätern seit Januar genauso viel Elternzeit zu wie Müttern - mit der Besonderheit, dass die Zeit nicht auf die Mütter übertragbar ist. Damit sollen die Väter animiert werden, sich zu kümmern. Ob das klappen kann?

Von Karin Janker und Hannah Wilhelm, Madrid/München

Es war jener Moment, dem Jorge Hernández mit mulmigem Gefühl entgegengeblickt hatte: Vergangene Woche kam sein Chef auf ihn zu und fragte, wie er sich das mit seiner Elternzeit vorstelle. "Ich habe gleich hinterhergeschoben, dass wir den Zeitraum noch verschieben können", sagt der 39-jährige Spanier. Aber sein Chef habe abgewehrt, das sei doch seine Sache. "Da war ich baff." Jorge Hernández und seine Frau Ainara leben im spanischen Valladolid, im März erwarten sie ihr erstes Kind. So erleichtert er über die Reaktion des Chefs war, glaubt Hernández doch, dass sie die Ausnahme ist. Denn auch wenn Spanien gerade die Elternzeit für Väter neu geregelt hat, dächten viele hier noch recht traditionell und sähen Kindererziehung als Aufgabe der Frauen.

Die linke Regierung in Madrid versucht, das zu ändern. Seit 1. Januar haben Väter in Spanien Anspruch auf eine ebenso lange Elternzeit wie Mütter, nämlich 16 Wochen. Und nicht nur das: Die ersten sechs Wochen Elternzeit unmittelbar nach der Geburt sind für die Väter sogar obligatorisch. Zudem erhalten beide Eltern vollen Lohnausgleich. Das Gesetz der spanischen Gleichstellungsministerin Irene Montero, das bereits unter ihrer Vorgängerin beschlossen wurde, ist ehrgeizig.

Für Jorge Hernández bedeutet es, dass er und seine Frau die erste Zeit mit ihrem Sohn gemeinsam verbringen können. Die restlichen zehn Wochen will Hernández nehmen, sobald seine Frau wieder arbeiten geht. Spanien stellt es den Vätern frei, ob sie die weitere Erziehungszeit am Stück oder als einzelne Wochen bis zum ersten Geburtstag des Kindes in Anspruch nehmen, auch eine Teilzeitregelung ist möglich.

Gleichstellungsministerin Montero bezeichnet das Gesetz als "historischen Schritt", der unerlässlich sei, um die Benachteiligung von Frauen im Beruf zu beenden. Doch viele Spanierinnen kritisieren die neue Regelung. "Natürlich haben Väter das Recht und die Pflicht, sich um ihre Kinder zu kümmern", sagt Esther Vivas, "aber die 16 Wochen, die Müttern zustehen, sind viel zu kurz." Vivas ist Autorin von feministischen Erziehungsratgebern und kritisiert, dass die Elternzeit für Mütter seit 32 Jahren gleich lang sei, während sie für Väter seit 2015 um 700 Prozent angehoben wurde. "Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt endet nicht vier Monate nach der Geburt", sagt Vivas. Sie seien weiterhin diejenigen, die zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist, und die beruflich zurückstecken. "Die Verlängerung der Väterzeit ist ein wichtiger Schritt, doch man muss auch die Erziehungszeit für die Mütter verlängern", fordert Vivas. Eine Petition dazu läuft bereits.

In Deutschland ist es noch üblich, dass Frauen deutlich mehr Elternzeit nehmen als Männer

Und dennoch: Spaniens neue Elternzeitregelung ist ambitioniert. Bis 2016 standen Männern nur zwei Wochen Elternzeit zu, und gerade einmal zwei Prozent der Väter nahmen diese damals in Anspruch. Während der Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez wurde der Vaterschaftsurlaub dann sukzessive verlängert. Von vier Wochen im Jahr 2018 auf acht, dann zwölf und nun 16 Wochen. Väter können ihre Wochen nicht auf die Mütter übertragen. So versucht man zu verhindern, was in Deutschland noch üblich ist: dass Mütter deutlich mehr Elternzeit nehmen als Väter.

In Deutschland gibt es je Kind einen Anspruch, drei Jahre im Job zu pausieren. Geld gibt es zwölf Monate lang. Zwei weitere Monate werden gezahlt, wenn sich beide Partner die 14 Monate aufteilen und aussetzen. Diese beiden Partnermonate verfallen, wenn nur ein Elternteil aussetzt. Das ist seit 2007 so, Familienministerin war damals Ursula von der Leyen, und es war in der deutschen Familienpolitik ein Paradigmenwechsel. Es sollte Eltern ermöglichen, kurz aus dem Beruf auszusteigen, ohne große finanzielle Einbußen hinnehmen zu müssen. Die beiden Partnermonate sollten Anreiz sein, dass auch Väter aussetzen.

Hat das geholfen, die Erziehung egalitärer aufzuteilen? "Jein", sagt Benjamin Neumann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dortmund im Forschungsbereich Soziologie. "Vorher lag der Anteil der Väter in Deutschland, die im Beruf pausiert haben, bei gut drei Prozent. Er ist seit 2007 auf gut 40 Prozent gestiegen. Das ist natürlich eine deutliche Verbesserung." Andererseits seien es eben nur 40 Prozent und nicht mehr. Und: Ein großer Teil davon nimmt nur die zwei Partnermonate, die mittlerweile oft schon Vätermonate genannt werden. "Eine paritätische Aufteilung der 14 Monate gibt es selten", so Neumann. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns."

Astrid Kunze ist Professorin an der Norwegian School of Economics in Bergen - und hat damit den direkten Vergleich zu Norwegen, das als Vorbild für die spanische Regelung gedient haben dürfte. Dort wurde 1993 erstmals die sogenannte Väterquote eingeführt. Sie bedeutet: Wenn der Mann die für ihn vorgesehenen Wochen nicht nimmt, verfallen diese. Die Mutter kann sie nicht stattdessen nehmen. Die Idee dahinter: Die Männer sollen einen Anreiz haben, sich zu kümmern. "Seitdem ist diese Väterquote zeitlich immer weiter ausgebaut worden, während die Wochen, die für die Mütter vorgesehen sind, gleich geblieben sind. Derzeit kann die Mutter 15 Wochen bezahlt freinehmen, der Vater 15, und nochmal 16 Wochen können frei aufgeteilt werden", erklärt Kunze. Mit sehr konkreten Auswirkungen: "Nach jeder Anhebung der Väter-Wochen nehmen Väter auch die längere Väterquote in Anspruch. Ein Teil nimmt auch mehr. Seit 1998 machen hier so ziemlich alle Männer Elternzeit, die Anspruch darauf haben." Vor der Einführung 1993 setzte fast kein norwegischer Mann aus - so wie in Deutschland oder Spanien vor wenigen Jahren. "Anreize funktionieren also", schlussfolgert Wissenschaftlerin Kunze.

"In anderen Ländern wird das Gehalt voll oder zumindest zu 80 Prozent ersetzt."

Es gibt einen weiteren Faktor, der einen positiven Einfluss haben könnte: den finanziellen Ausgleich. "In Deutschland bekommt man in der Elternzeit 67 Prozent des Gehaltes, und es gibt eine relativ niedrige Obergrenze", erklärt Astrid Kunze. "In anderen Ländern wird das Gehalt voll oder zumindest zu 80 Prozent ersetzt, das nimmt dem Argument der oft besser verdienenden Väter, dass man sich das nicht leisten könne, den Wind aus den Segeln", so Neumann.

In Norwegen wird wie nun in Spanien der Lohn in der Elternzeit zu 100 Prozent ersetzt, es gibt zwar auch eine Obergrenze, aber die liegt sehr viel höher und: "Öffentliche Arbeitgeber stocken das bis zum vollen Gehalt auf, auch viele private Unternehmen tun das mittlerweile", erklärt Kunze. Die finanziellen Einbußen sind also viel niedriger als in Deutschland. "Es gibt keine Musterlösung, um eine egalitäre Erziehung zu begünstigen, aber durchaus Punkte, über die man in Deutschland nachdenken sollte."

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