Girokonten:Der Vergleich hinkt

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Banken und Sparkassen erheben neue Gebühren für die verschiedenen Dienstleistungen beim Girokonto. Besonders ärgert Kunden kostenpflichtiges Geldabheben am Automaten der eigenen Bank. (Foto: Fabian Sommer/dpa)

Nur wenige Monate nach ihrem Start ist die zertifizierte Vergleichswebsite für Girokonten von Check24 schon wieder offline.

Von Felicitas Wilke, München

Eigentlich klang das, was die Europäische Union damals, anno 2014, von ihren Mitgliedstaaten verlangt hatte, recht simpel: Für mindestens eine öffentlich zugängliche Vergleichswebsite sollten sie sorgen, mit deren Unterstützung Verbraucherinnen und Verbraucher die Preismodelle und Konditionen von Girokonten überblicken können. In der Ergebnisliste müssten alle Banken "gleich behandelt werden", hieß es damals, zudem müssten die Länder sicherstellen, dass die Seite "einen wesentlichen Teil des Marktes abdeckt".

Das war offenbar leichter gesagt als getan. Knapp sieben Jahre später hat sich die Umsetzung von Artikel 7 des Zahlungskontengesetzes in Deutschland zu einem Drama in mehreren Akten entwickelt. Der Ausgang: ungewiss. Zwar war im August 2020 die zertifizierte Vergleichswebsite online gegangen, knapp zwei Jahre später als von der EU gefordert, betrieben vom privatwirtschaftlichen Anbieter Check24. Doch seit drei Wochen ist die Seite schon wieder offline - und die Fronten sind verhärtet.

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Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) hatte Check24 verklagt, weil der Kontovergleich nur 556 Banken und damit weniger als die Hälfte der Geldhäuser umfasse, die Zahlungskonten anbieten. Von einer wesentlichen Marktabdeckung, die das Gesetz verlange, könne nicht die Rede sein - zumal die Übersicht in den meisten Fällen nur ein Kontomodell der jeweiligen Bank aufzeige. "Uns fehlt die Fantasie, wie man das als umfassende Marktabdeckung sehen kann", sagt Dorothea Mohn, Leiterin des Teams Finanzmarkt beim VZBV.

Check24 hingegen argumentiert, sehr wohl eine breite Palette an Konten aufgezeigt zu haben. Alle großen Privatbanken, die allermeisten Direktbanken und - gemessen an der Bilanzsumme - auch 80 Prozent der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken seien vertreten gewesen. Eine größere Marktabdeckung sei vor allem daran gescheitert, dass auf Seite der Banken eine automatisierte Schnittstelle fehle, um auf alle Daten zuzugreifen. "Sie händisch zu erfassen, bindet extrem viel Personal und ist demzufolge enorm aufwendig und teuer", sagt Dagmar Ginzel von Check24. An die Vorgabe habe man sich dennoch gehalten, findet das Unternehmen, immerhin habe der TÜV Saarland die Seite ja zertifiziert. "Dafür verklagt zu werden, dass wir gesetzliche Kriterien umsetzen, ist unfassbar", sagt Ginzel. Trotzdem habe das Unternehmen die Seite vorerst abgeschaltet, um einen größeren Imageschaden zu vermeiden.

Normalerweise verdient Check24 sein Geld mit Provisionen

Die EU hatte es den Mitgliedstaaten in ihrer Verordnung selbst überlassen, ob ein staatlicher oder ein privater Akteur den Vergleich betreiben soll. Und damit gingen die Reibereien um die Website in Deutschland schon vor Jahren los. Die Bundesregierung entschied schon damals zum Unmut der Verbraucherschützer, dass ein oder mehrere kommerzielle Anbieter übernehmen sollten, sofern sie sich an das Neutralitätsgebot hielten. Was folgte, war ein längerer Prozess, in dem zunächst die potenzielle Prüfstelle, der TÜV Saarland, akkreditiert wurde, und dieser wiederum Check24 als potenziellen Betreiber zertifizierte.

Als die Seite im August 2020 online ging, listete sie in alphabetischer Reihenfolge die Girokonten und deren Konditionen, im Unterschied zum kommerziell orientierten Vergleich von Check24 allerdings ohne Bankenlogos oder farblich hervorgehobene Suchergebnisse. Normalerweise verdient das Unternehmen sein Geld mit Provisionen, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher über das Portal einen Vertrag bei einer Bank oder einem Versorger abschließen. Vom zertifizierten Vergleich hingegen erhoffte sich Check24, die Nutzer auch auf andere Produkte aufmerksam zu machen. Das hat nach der Klage der Verbraucherschützer und der vorübergehenden Abschaltung nicht geklappt.

Und jetzt? Bei Check24 heißt es, man würde das für den zertifizierten Kontovergleich zuständige Bundesfinanzministerium "gerne weiter unterstützen". Die rechtliche Auseinandersetzung mit dem VZBV laufe im Hintergrund weiter; das letzte Wort um die Vergleichswebsite scheint aus Sicht des Münchner Unternehmens also noch nicht gesprochen zu sein. Der VZBV hingegen hofft auf eine staatliche oder unabhängige Lösung. "Die Seite sollte jetzt einmal vernünftig aufgestellt werden und den Verbrauchern dann langfristig erhalten bleiben", sagt Mohn. Ihr Verband hat neben der Finanzaufsicht Bafin auch die Stiftung Warentest als möglichen Betreiber ins Spiel gebracht.

Erst mal alles auf Anfang

Tatsächlich vergleicht die gemeinnützige Organisation bereits regelmäßig die Konditionen von Girokonten. "Im Prinzip sind wir also in der Lage, ein solches Vergleichsportal zu betreiben", heißt es bei der Stiftung Warentest. Eine neuerliche Zertifizierung bräuchte es nach deren Auffassung nicht, man sei ohnehin "eine neutrale und unabhängige Institution".

Das Bundesfinanzministerium erklärt, gerade mehrere Optionen zu prüfen. Dazu gehöre neben einer staatlichen Lösung und privaten Anbietern auch die Stiftung Warentest. Man arbeite "intensiv daran", den Verbraucherinnen und Verbrauchern "so schnell wie möglich wieder eine Vergleichsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen", heißt es aus Berlin. Die Deutsche Kreditwirtschaft als Interessenvertretung der Banken wiederum lässt nur verlauten, das "Für und Wider einzelner Lösungsansätze" müsse "gut überlegt und abgewogen werden". Zu einer möglichen automatisierten Schnittstelle, die es erleichtern würde, die Daten zu erfassen, äußern sich die Banken nicht.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher, die ein neues Girokonto suchen, bedeutet das: Alles auf Anfang. Solange der zertifizierte Vergleich fehlt, können sie kommerzielle Portale wie Check24, Verivox oder Biallo nutzen. Eine unabhängige Alternative ist schon jetzt die Datenbank der Stiftung Warentest, die online allerdings 1,50 Euro kostet und auch keinen kompletten Marktüberblick bietet.

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