Süddeutsche Zeitung

Girls' Day und Boys' Day 2016:Dafür gibt es den Girls' Day und Boys' Day 2016

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Mädchen sollen technische und naturwissenschaftliche Berufe kennenlernen - während Jungs sich im Sozialen erproben.

Von Matthias Huber

Rosa natürlich. Und blau für die Jungs. Das sind die jeweils dominierenden Farben auf den offiziellen Webseiten für den Girls' Day und den Boys' Day. Eine Initiative, die dazu dienen soll, Gender-Klischees in der Arbeitswelt abzubauen. Am 28. April sollen Unternehmen in ganz Deutschland Schulkinder und -klassen in ihre Betriebe einladen. Mädchen sollen am Girls' Day vermehrt technische und naturwissenschaftliche Berufe kennenlernen, Jungen in soziale Berufe reinschnuppern. Die Suchmaschine Google hat diesem Tag sogar ein sogenanntes Doodle gewidmet, ein spezielles Logo auf der Startseite.

Es ist weit mehr als ein Klischee: Bei´Technik-Berufe denken viele Menschen zunächst an Jungen oder Männer, bei Berufen wie "Erzieher" hingegen wird gedanklich fast automatisch das "-in" ergänzt, weil sie überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Um diese Situation zu ändern, haben das Bildungs- und das Familienministerium im Jahr 2001 den "Girls' Day" ins Leben gerufen. Im ersten Jahr besuchten nur knapp 2000 Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren Werkstätten und Labore verschiedener Betriebe. Schon zwei Jahre später verzeichneten die Veranstalter aber konstant mehr als 100 000 junge Teilnehmerinnen.

Der Erfolg der Initiative sei nach Ansicht der Veranstalter längst sichtbar: Beispielsweise zählten 2008 die sogenannten MINT-Studienfächer - Fächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - gerade mal etwa 18 Prozent weibliche Studienanfänger, im Wintersemester 2014/2015 waren es dagegen schon 31,3 Prozent.

Boys' Day parallel zum Girls' Day

Kurz nach der Einführung des Girls' Day wurde aber bereits erste Kritik laut. Gegner kritisierten, dass durch diese Veranstaltung Jungen ungleich behandelt würden. Deshalb gab es bereits 2003 erstmals parallel einen Boys' Day in Aachen, seit 2011 schnuppern Jungs auch bundesweit in die Bereiche Pädagogik, Soziales, Erziehung und Pflege hinein.

Der Boys' Day ist allerdings dennoch umstritten: Während sich die Mädchen in Berufen erproben, die in der Regel besser bezahlt sind, würden Jungs die schlechter dotierten Jobs im sozialen Bereich schmackhaft gemacht.

Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung machte im SZ-Interview deshalb auch eher die Gehaltsverteilung als vermeintliche Gender-Klischees für die ungleiche Verteilung von Mädchen und Jungen verantwortlich: "Wenn die Lohnlücke zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Berufen nicht so weit aufklaffen würde, könnten sich mehr Männer mit dem Gedanken anfreunden, in einem ursprünglich frauendominierten Beruf zu arbeiten."

Kritik an der Rolle der Bundeswehr beim Girls' Day

Aber auch der Girls' Day wird kontrovers diskutiert - nicht zuletzt dank der Rolle, die die Bundeswehr an diesem Tag spielt. Jedes Jahr besuchen an diesem Zukunftstag mehrere tausend Mädchen deren Informationsveranstaltungen. Die Bundeswehr hat sich allerdings schon vor Jahren dazu verpflichtet, Mädchen erst ab einem Alter von 14 Jahren zu Veranstaltungen zuzulassen, bei denen für die Ausbildung zur Soldatin geworben wird. Angesichts des Alters der Girls'-Day-Teilnehmerinnen zwischen 11 und 16 Jahren werde diese Selbstverpflichtung aber laut diverser Berichte regelmäßig missachtet.

Auch sind viele Kritiker skeptisch, ob eine eintägige Aktion, an denen die jugendlichen Teilnehmer schulfrei bekommen, überhaupt geeignet ist, um wirklich einen vermeintlich untypischen Berufswunsch auszubilden. Wieder andere entgegnen, dass die Benennung in Girls' Day und Boys' Day und die öffentliche Einteilung in Frauen- und Männerberufe die Gender-Klischees eher zementieren, als sie aufzulösen.

Die teilnehmenden Firmen scheinen von der Veranstaltung jedenfalls zu profitieren: Bereits 2008 hatten in zehn Prozent der beteiligten Firmen ehemalige Girls'-Day-Teilnehmerinnen eine Arbeitsstelle in einem technischen Beruf angetreten.

Und das mit den Gender-Klischees geht dann sogar ganz einfach besser, als es die offiziellen Stimmen hinbekommen - und wenn es nur die Farbwahl ist. Die gezeichneten Mädchen im Google-Doodle sind nämlich keineswegs alle rosa. Sondern dürfen auch als grüne Feuerwehrfrau oder blaue Wissenschaftlern ihrer beruflichen Zukunft entgegen rennen.

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