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Gipfelstürmer:Zoff um die Kaffeekirsche

Erst war alles gut und die Limonade stieg zum Szenegetränk auf, dann ermittelte die Polizei: Warum das Start-up Selo fast wieder aufgeben musste.

Laura Zumbaum hat an Höhen und Tiefen beruflich so ziemlich alles durchgemacht in den vergangenen drei Jahren. Fast hätte die 28-jährige Betriebswirtin aus Berlin den Durchbruch geschafft mit ihrem fruchtig-herben Getränk namens Selo. Das hatte in Szenebars in Berlin, Hamburg und Amsterdam schon einen gewissen Kultstatus erreicht. Fachleute aus Gastronomie und Einzelhandel sagten ihr, die Limonade aus Kaffeekirschen hätte das Potenzial, ein angesagtes Mode-Getränk zu werden - wie Bionade, Fritz-Kola oder Club Mate. Sogar in einigen Berliner Edeka- und Rewe-Filialen stand Selo schon im Regal; Zumbaum wollte die Limo deutschlandweit verkaufen. Besser hätte es nicht laufen können. Doch dann ließ man sie wissen, sie müsse das Getränk wieder aus dem Verkehr ziehen.

Bis vor Kurzem ermittelte die Polizei gegen Zumbaum. Diesmal hätte es nicht viel schlimmer laufen können: Gegen die Geschäftsführerin lief ein Strafverfahren wegen des vermeintlichen Verstoßes gegen das Lebensmittelschutzgesetz. Zwar wurden das Straf- und das Ermittlungsverfahren Ende Juli wieder eingestellt, ausgestanden ist die Sache aber noch nicht: Ein Bußgeld droht ihr möglicherweise dennoch wegen einer Ordnungswidrigkeit.

Alles steht und fällt mit der Kaffeekirsche. Sie ist die Schale, welche die Bohne bis zur Ernte umschließt und fällt bei der Kaffeeproduktion als Nebenprodukt an. Die Kaffeekirsche ist der wichtigste Zusatz von Selo - und muss als Lebensmittel in Deutschland noch zugelassen werden. Wenn alles gut geht, ist es bis Ende des Jahres soweit, dann könnte sie mit Selo noch einmal durchstarten. Darauf hoffen auch die Wettbewerber, die nach Zumbaum ähnliche Getränke herstellten. Das Hamburger Start-up Caté etwa, das der Süßwarenhersteller Katjes finanziert. Oder die Kölner Privatbrauerei Gaffel, die mit der Kaffeekette Woyton kooperiert. Sie alle warten nun, wie Zumbaum, auf die Zulassung. Auch der US-Riese Starbucks serviert in den USA einen Cascara-Latte, benannt nach dem spanischen Namen der Schale. In den USA hegt man gegenüber der Kaffeekirsche offenbar weniger Bedenken.

Besteht aus der umstrittenen Kaffeekirsche: Die trendige Limonade Selo.

(Foto: OH)

Gießt man die getrocknete Kaffeekirsche mit heißem Wasser auf, entsteht ein Getränk mit natürlichem Koffein. Das kann man als Tee trinken, Profis können es auch zur Limonade veredeln. Letzteres war Zumbaums Geschäftsidee. Sie schaltete keine Großhändler dazwischen, sondern kaufte direkt bei den Kaffeebauern in Panama und Costa Rica ein - und hatte dabei das Gefühl, etwas Gutes zu tun, nämlich den Bauern eine neue Einkommensquelle zu bieten .

Doch dann landete die E-Mail der Berliner Veterinär- und Lebensmittelaufsicht in ihrem Postfach. Die teilte mit, dass die Kaffeekirsche in Deutschland nicht "verkehrsfähig" sei. Zumbaum sagt, es sei dabei unklar geblieben, ob es verboten sei, die Limonade weiter herzustellen oder zu verkaufen. "Es war weder eine Unterlassung gefordert noch ein Rückruf nötig", sagt sie. So stellte sie einen Antrag auf Duldung. Noch 50 000 Flaschen hatte sie da auf Lager, bis auf tausend hat sie die verkaufen können. Andernfalls hätte sie womöglich Privatinsolvenz anmelden müssen. Insgesamt verkaufte sie im vergangenen Jahr 100 000 Flaschen. Finanziert hat sie sich über ein privates Darlehen, Crowdfunding im Internet und mit einem Business Angel.

Warum sie nicht einfach einen Antrag auf Genehmigung der Kaffeekirsche stellte? Sie hatte es gar nicht mitbekommen, als die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Kaffeekirsche Ende vergangenen Jahres in den Novel-Food-Katalog aufnahm. Darin sind aus Sicherheitsgründen alle Lebensmittel aufgelistet, die nicht in nennenswerter Weise vor dem 15. Mai 1997 in der Europäischen Union konsumiert wurden. Sollen sie an den Verbraucher verkauft werden, muss das von den regional zuständigen Lebensmittelaufsichtsbehörden genehmigt werden. Doch so eine Genehmigung, sagt Zumbaum, dauert zwischen drei und sechs Monaten und kann bis zu 50 000 Euro kosten. Geld, das sie als Gründerin nicht hat. Man braucht dazu amtliche Proben, muss Analysen von anerkannten Lebensmittelrechtlern besorgen, es ist ein Vollzeit-Job.

Den hat jetzt eine österreichische Firma übernommen, stellvertretend für alle: der Kaffeehändler Panama Varietals, der etwa zeitgleich wie Zumbaum in den Handel mit der Kaffeekirsche eingestiegen ist. Er verkauft nicht an Verbraucher, sondern an weiterverarbeitende Betriebe. Inzwischen sind es Tonnen. Deswegen wollte Geschäftsführerin Uschi Zimmermann rechtlich auf der sicheren Seite sein und stellte im März den Antrag bei den österreichischen Behörden. Die Gesundheitsbehörde dort ließ eine Frist im Juli bereits verstreichen und prüft derzeit immer noch. Zimmermann sagt, sie erwarte täglich die Zulassung. Sollte Österreich den Verkauf der Kaffeekirsche genehmigen, haben die anderen EU-Länder zwei Monate Zeit, selbst zu prüfen oder Einspruch zu erheben.

Zumbaum ist inzwischen grundsätzlich vorsichtig mit Prognosen. Aber dennoch rechnet sie mit der Genehmigung. Untätig ist sie in der Zwischenzeit nicht geblieben. Sie hat ein neues Erfrischungsgetränk entwickelt: Green Coffee aus nicht gerösteten, grünen Kaffeebohnen - das natürlich allen Qualitätsstandards entspricht und auch keiner weiteren Genehmigung bedarf.

Zum zweiten Mal schreibt der SZ-Wirtschaftsgipfel in diesem Jahr den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Der Gewinner wird am 18. November in Berlin gekürt. Bewerbungen und weitere Infos unter: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.