Gipfelstürmer:Wer bist du und was willst du?

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Ständig werden Menschen von Marktforschern befragt. Es gibt alte Anbieter und neue - so wie das Start-up Civey.

Von Elisabeth Dostert

Fragen über Fragen: "Verändert Ihrer Meinung nach die aktuelle Außenpolitik der USA das Weltgeschehen eher zum Besseren oder Schlechteren?" Die Umfrage begann, als US-Präsident Donald Trump nach Singapur reiste, um sich dort mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un zu treffen. "Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?" Die Sonntagsfrage stellen viele Meinungsforschungsinstitute - alte und neue - seit Jahren. Sie gehört auch zum Repertoire des Start-ups Civey. "Wie wichtig ist Ihnen Gesundheit?" Es gibt Antworten, die keiner Frage bedürfen. Civey liefert Antworten in Echtzeit. "Wie beurteilen Sie die momentane Lage der deutschen Automobilindustrie?" Die Umfrage läuft seit Monaten, und die Meinung ändert sich mit jeder neuen Meldung über den Dieselskandal. Meinungsumfragen sind Seismografen.

Gipfelstürmer: Janina Mütze hat für ihr Start-up einen fünfstelligen Kredit aufgenommen.

Janina Mütze hat für ihr Start-up einen fünfstelligen Kredit aufgenommen.

(Foto: Gesine Born)

Menschen nach ihrer Meinung zu diesem und jenem zu fragen, zu Gewichtigem und Banalem, ist keine Innovation. Es gibt seit Jahrzehnten eine Meinungs- und Marktforschungsindustrie mit Unternehmen wie Emnid, dem Institut für Demoskopie Allensbach, Infratest Dimap, Forsa und der Forschungsgruppe Wahlen. Es gibt jüngere Anbieter wie das börsennotierte britische Unternehmen YouGov oder Opinary.

Janina Mütze fürchtet keinen Konkurrenten. Sie hat Civey 2015 mit Gerrit Richter, Michael Vogel, Oliver Serfling und Sven Hauser gegründet, Vogel und Hauser sind mittlerweile nicht mehr dabei. Der Name Civey steht für Citizen Survey, übersetzt Bürgerumfrage. "Wir kannten uns alle mehr oder weniger aus der Politik", erzählt Mütze. Im ersten Business-Plan ging es noch um eine interaktive Plattform für Bürger und Entscheider wie etwa Politiker. "Aber wir haben uns schnell auf die Meinungs- und Marktforschung fokussiert", erläutert Mütze. "Wir haben die Umfrage digitalisiert. Bei uns gibt es keinen Prozessschritt, der nicht automatisiert ist."

Gipfelstürmer

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb „Gipfelstürmer“ die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese dürfen im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer. SZ

Statistiker haben einen Algorithmus entwickelt, der je nach Umfrage die wichtigen Variablen wählt. Mütze nennt ein fiktives Beispiel: Widmet sich eine Umfrage dem Konsum von Käse, sei die Einkommenshöhe eine wichtige Variable, das Geschlecht aber vermutlich nicht. Das 2015 gegründete Start-up hat schnell ein paar Investoren und die Investitionsbank Berlin überzeugt. Insgesamt hat Civey bislang 6,8 Millionen Euro eingesammelt, sagt Mütze.

Die Umfragen werden in die Internetseiten von Online-Medien oder Kunden eingebettet. Für Spiegel Online etwa stellt Civey die Sonntagsfrage exklusiv, auch mit sz.de hat das Start-up bereits zusammengearbeitet. Die Widgets, kleine Umfragefenster, sind oft in Artikel mit einem der Umfrage verwandten Thema eingebettet. "Dann bleiben die Leser länger auf der Seite. So haben beide Seiten etwas davon", sagt Mütze. Die Umfragen werden nicht nur in thematisch verwandte Artikel eingebettet. Die gleiche Umfrage läuft über viele Webseiten. Der Nutzer nimmt pro Artikel an 20 unterschiedlichen Umfragen teil - vom Käsekonsum bis zur Bundestagswahl.

Jeder kann sich an den Umfragen beteiligen. Eineinhalb Millionen Menschen haben sich mittlerweile als feste Meinungsgeber auf der Seite von Civey registriert. "Wir bemühen uns anhand persönlicher Fragen, die Identität zu verifizieren. Erst dann wird der Nutzer in den Umfragen berücksichtigt", erläutert Mütze. Nutzer mit widersprüchlichen Angaben fallen ihr zufolge raus, ohne dass es der Nutzer merkt. "Wir erreichen mehr Menschen als Firmen, die nur Telefoninterviews durchführen. Offliner erreichen wir allerdings nicht", sagt Mütze. Dennoch seien die Umfragen von Civey "repräsentativ", weil sie die Grundgesamtheit gut abbildeten. "Uns liegen genügend Informationen über die Teilnehmer einer Stichprobe vor, damit der Algorithmus ein repräsentatives Ergebnis liefert", sagt Mütze. Wer eine Frage beantwortet hat, bekommt gleich die nächste gestellt. Registrierte Teilnehmer sehen das Ergebnis. "Stimme gegen Ergebnis", das ist der Deal. Die Sonntagsfrage beispielsweise sei seit August 2016 etwa sechs Millionen Mal beantwortet worden. Daraus ziehe Civey rund um die Uhr Stichproben und berechne die aktuelle Stimmungslage.

"Keine Lust"

Thomas Gschwend glaubt immer noch an Umfragen, obwohl er weiß: "Mit Umfragen lässt sich viel Schindluder treiben." Der Politikwissenschaftler von der Universität Mannheim beschäftigt sich mit quantitativen Methoden in den Sozialwissenschaften. Es gibt ein paar Hundert Marktforschungsunternehmen, die Meinungsforschung ist ein Teilgebiet. Die meisten großen Unternehmen arbeiten professionell, ist Gschwend überzeugt. Alle Anbieter teilen ein Problem: "Die Befragten wollen nicht befragt werden. Es wird immer Leute geben, die keine Lust haben mitzumachen." Das erschwere repräsentative Umfragen. Die Stichprobe soll die Gesellschaft abbilden. Die Antworten sollen Rückschlüsse auf das große Ganze zulassen.

Marktforscher, die nur online unterwegs sind, erreichen Menschen ohne Computer nicht. Wer Einschätzungen zu Markt und Meinungen nur über den Festnetzanschluss einholt, lässt die wachsende Gruppe der Menschen außen vor, die zuhause und unterwegs mobil telefonieren. "Online ist nicht per se schlechter als Telefon. Es kommt auf die Stichprobe an", erläutert Geschwend.

Die Größe der Stichprobe allein sei kein Garant für die Qualität der Befragung. Die Repräsentativität lasse sich auch durch den Abgleich und entsprechende Korrekturen mit repräsentativen Vergleichsstudien annähern. Die beste Methode sei, die Teilnehmer offline zu rekrutieren und dann online zu befragen und sie dafür gegebenenfalls mit Computer oder Tablet auszustatten. "Die Umfrage ist immer noch die beste Methode, die wir haben, um Meinungen abzufragen."

Fragen können verführen. "Die Antwort hängt davon ab, in welchem Kontext die Frage gestellt wurde", sagt Gschwend. Wer eine Umfrage zu autonomen Fahren in der Nähe eines Textes über den jüngsten Unfall setzt, weist eine Richtung vor, der sich die meisten Befragten nicht entziehen können. Diese Antworten würde Gschwend eher nicht in die Auswertung einfließen lassen. Elisabeth Dostert

Die Kunden bekommen nur die Ergebnisse, die "Nutzerdaten bleiben bei uns", so Mütze. "Über unser System laufen täglich rund 2000 Umfragen", sagt Mütze. Manche sind Momentaufnahmen, andere laufen über viele Monate. Für die Umfrage zahlt in der Regel der Auftraggeber, eine einfache koste gut 600 Euro, größere schon mal ein paar Tausend. Momentan arbeite Civey mit zwei Dutzend Online-Medien zusammen, mit zahlreichen Ministerien und vier Dutzend Unternehmen, darunter Telekom, Audi und Serviceplan.

Mütze, 27, hat nach dem Studium der Volkswirtschaft eine kurze Zeit als Angestellte gearbeitet, unter anderem für die Französische Botschaft in Berlin. Sie stamme aus einem "sicherheitsorientierten Haushalt", ihre Eltern sind Angestellte. "Ich berichte meinen Eltern erst von einem Problem, wenn ich es gelöst habe." Dass sie nicht zur Angestellten taugt, hat Mütze schnell gemerkt. "Ich arbeite gerne viel, aber ungern 60 Stunden die Woche für den Kalender eines anderen", sagt sie. Mütze hat für die Gründung einen Kredit aufgenommen, eine fünfstellige Summe, "andere kaufen dafür ein Auto", sagt sie.

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