Gipfelstürmer:Trilogie der Mundhygiene

Das Münchner Start-up Happybrush will einen Markt aufrollen, der gut besetzt ist. Das junge Unternehmen möchte bald die "Trilogie" der Mundhygiene vollenden und seinen Kunden dann nicht mehr nur Bürsten und Zahncreme anbieten.

Von Elisabeth Dostert

Gründen ist nichts für Feiglinge. Stefan Walter, 36, und Florian Kiener, 33, müssen wohl besonders mutig sein. Oder nur überaus naiv. Sie wollen mit ihrem Start-up Happybrush einen satten Markt aufmischen mit mächtigen Konkurrenten wie Procter & Gamble mit der Marke Braun Oral B und Philips mit der Marke Sonicare. Happybrush stellt elektrische Zahnbürsten und Zahncreme her. "Wir haben die Technik nicht erfunden", sagt Walter. Das Start-up bietet wie viele Konkurrenten oszillierend-rotierende und Schall-Zahnbürsten, die einen haben runde Köpfe, die anderen längliche. "Auf den ersten Blick erscheint nur die Farbe anders. Es ist aber viel mehr", sagt Walter.

Im Regal im Konferenzraum am Firmensitz in München stehen ein paar schwarze, blaue und anthrazitfarbene Exemplare. "Unsere Zahnbürste ist zeitgemäßer", beteuert Walter. Der Akku halte drei Wochen. Es gibt einen "Travel Lock", eine Reisesicherung, damit die Zahnbürste nicht versehentlich im Kulturbeutel anspringt. Die Ersatzbürsten liefert Happybrush im Karton, weil das nachhaltiger sei.

Nach Zahlen des Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK wurden 2017 mit elektrischen Zahnbürsten in Deutschland 212 Millionen Euro umgesetzt. 4,8 Millionen Stück wurden verkauft. Der Durchschnittspreis lag der GfK zufolge bei 44 Euro. Es gibt sie deutlich billiger bei Discountern wie Lidl oder in Drogeriemärkten wie DM, aber auch deutlich teurer.

Gipfelstürmer: Ein strahlendes Lächeln gehört irgendwie um Geschäft von Stefan Walter (links) und Florian Kiener, den Gründern von Happybrush.

Ein strahlendes Lächeln gehört irgendwie um Geschäft von Stefan Walter (links) und Florian Kiener, den Gründern von Happybrush.

(Foto: oh)

Walter ist nicht naiv, er hat den Markt und die Konkurrenten studiert. "Wenn Gründer Angst vor etablierten Konzernen gehabt hätten, gäbe es heute immer noch nur die Bahn und die Post", sagt der 36-Jährige: "Ich liebe es, Dinge zu erschaffen."

Als Teenager gründete er eine Band, Walter war der Komponist und Keyboarder. Nach dem Abitur studierte er dann doch erst einmal Betriebswirtschaft, arbeitete für eine kleine Beratungsfirma und dann bis Ende 2015 gut fünf Jahre lang für Procter & Gamble, einen der heutigen Konkurrenten. Er sei auch für die erfolgreiche Markteinführung von Rasierern, Mundpflegeprodukten und Shampoos in Deutschland zuständig gewesen, erzählt Walter. "Da habe ich gespürt, dass es möglich ist, auch in einem scheinbar gesättigten Markt ein neues Produkt zu lancieren."

Ideen für Start-ups sammelt Walter schon seit Langem. "Das ist so ein Hobby." 2016 gründeten Walter und Kiener Happybrush. Der Name, übersetzt glückliche Bürste, war für die Gründer anfänglich nur ein Arbeitstitel. Wie gute Mundhygiene aussieht, hat Walter von Kindesbeinen an gelernt. Sein Vater ist Zahnarzt.

Walter will nicht nur den Konkurrenten Kunden abringen. Das größere Marktpotenzial sieht er bei denen, die ihre Zähne nicht elektrisch putzen. "Das ist die Mehrheit", sagt er. Das erste volle Geschäftsjahr 2017 ist für das Start-up gut gelaufen. Happybrush habe mehr als 750 000 Produkte verkauft, also Zahnbürsten, Zahnpasta und Wechselköpfe, einen Umsatz in mittlerer einstelliger Millionenhöhe und operativ Gewinn gemacht. Das Start-up hat keine eigene Produktion. "Wir haben mehr als ein Dutzend Produktionspartner", Namen will Walter nicht nennen.

Gipfelstürmer

Weitere Artikel aus der SZ-Serie Gipfelstürmer finden Sie hier.

In zwei Finanzierungsrunden hat das Start-up Walter zufolge einen einstelligen Millionenbetrag bei privaten Investoren eingesammelt. Walter und Kiener halten nach eigenen Angaben noch 65 Prozent der Anteile. Eine neue Finanzierungsrunde läuft. Sie soll, wünscht sich Walter, einen mittleren einstelligen Millionenbetrag bringen.

"Von uns kommt noch ganz viel", kündigt Walter an. Im Herbst sollen Aufsteckbürsten aus nachwachsenden Rohstoffen auf den Markt kommen, im Winter Zahnbürsten für Kinder verbunden mit einer App, die in einem Spiel immer genau anzeigt, welcher Zahn gerade geputzt wird. Eine App soll es mittelfristig auch für Erwachsene geben. "Wir wollen die Mundhygiene digital und smart machen", sagt Walter.

Schon heute arbeite Happybrush mit dem Online-Versicherer Ottonova zusammen. Wer einen Vertrag abschließt, bekomme eine elektrische Zahnbürste. Und Happybrush empfiehlt den Versicherer. Walter kann sich vorstellen, dass Menschen, die sorgfältig ihre Zähne pflegen und das über die Happybrush-App nachweisen, mittelfristig weniger Prämie zahlen. Er will die "Trilogie" der Mundhygiene bald vollenden und neben Bürsten und Zahncreme eine Mundspülung bieten. "Wir werden das noch viele, viele Jahre machen", sagt Walter. Und wenn sich die Gründer doch irgendwann entschließen sollten, ihre Firma zu verkaufen, in Walters Sammlung stecken noch vier Dutzend andere Ideen für neue Start-ups.

© SZ vom 09.08.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB