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Gipfelstürmer-Serie:Grenzenlos stark

Für Start-ups ist die kulturelle und wirtschaftliche Vielfalt in der Vierländer-Region am Bodensee von Vorteil. Sie ermöglicht ihnen, schnell zu wachsen und den gesamten deutschsprachigen Raum zu bedienen.

Von Michael Kläsgen

Vier hoch entwickelte Länder, vier Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, vier unterschiedliche Mentalitäten und Traditionen - doch gerade das bietet auch enorme Vorteile: Der 30-jährige Thomas Fröis ist einer von vielen Gründern in der Vierländer-Region rund um den Bodensee, der mit seinem Start-up von der Vielfalt profitieren will.

Er sitzt an einem großen Konferenztisch im Gewerbegebiet von Hohenems in Österreich; die intelligente Inkontinenzmatte, das Produkt, das er mit seinem Drei-Personen-Start-up Texible entwickelt hat, liegt vor ihm auf dem Tisch: eine dünne Baumwoll-Polyester-Betteinlage, durch die sich Sensoren schlängeln. Eine der im Moment wohl wichtigsten Entscheidungen über die Zukunft von Texible, nämlich, ob es schon bald zu einer Vermarktung der Matte im größeren Stil kommt, wird aber nicht in Österreich, sondern in Liechtenstein getroffen.

Dort will eine Krankenkasse nachrechnen, wie viele Kosten sie dank der Matte sparen kann. Lohnt es sich für sie, sind die Liechtensteiner und das Start-up aus Vorarlberg im Geschäft. Der Vorteil der Matte: Sie signalisiert beispielsweise einem Pfleger im Krankenhaus nicht nur, ob ein Patient ins Bett gemacht hat; sie saugt den Urin auch auf, erspart dem Pfleger das Wechseln der gesamten Bettwäsche und sie alarmiert ihn zudem, falls ein Patient aus dem Bett gefallen sein sollte.

Bodensee Insel Reichenau im Untersee

Die Insel Reichenau gehört zum Unesco-Welterbe. Der Bodensee bietet aber nicht nur Touristen viele Attraktionen. Für Gründer ist der Austausch zwischen Österreich, Liechtenstein, Deutschland und der Schweiz besonders wertvoll.

(Foto: imago/bodenseebilder.de)

Nur 40 Kilometer von hier, an der Hochschule St. Gallen in der Schweiz, hofft man ebenfalls auf den grenzüberschreitenden Markt. Philipp Wustrow, 28, aus Köln, hat in St. Gallen studiert, promoviert und mit Ärzten das Start-up OnlineDoctor.ch gegründet, das bereits Patienten in der Schweiz behandelt. Da sich Deutschland ebenfalls der Telemedizin öffnet, sieht Wustrow das Start-up in einer guten Position, auch dort Fuß zu fassen. OnlineDoctor.ch hat sich auf Hautprobleme spezialisiert, deren Ausprägung vom Start-up ausgewählte Dermatologen anhand von digital zugeschickten Fotos einschätzen.

Warum sollte nicht auch in Deutschland funktionieren, was in der Schweiz klappt? Weil sich die Reform des deutschen Telemedizingesetzes abzeichnete, ließ sich OnlineDoctor.ch von Anfang an juristisch von einer international tätigen Kanzlei beraten, um auch die Anforderungen in Deutschland zu erfüllen. Wustrow und seine Kollegen stehen jetzt mit ihrer bereits funktionierenden Plattform in den Startblöcken, um ihre Dienste auch auf der anderen Seite des Bodensees anzubieten. Zweifellos ein Vorteil, denn zum richtigen Zeitpunkt startklar zu sein, entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg.

Gipfelstürmer

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb „Gipfelstürmer“ die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese dürfen im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer. SZ

Das Start-up-Netzwerk Bodensee berät Gründer gerade auch beim Timing (siehe Interview). Es umfasst Start-ups in einem ziemlich großen Gebiet zwischen Zürich, Vaduz, Kempten und Tuttlingen. An einem Abend im Mai hat es Kreative aus dem Bereich Lebensmittel zur Start-up-Lounge im "Makerspace" der Hochschule St. Gallen (HSG) eingeladen. Die drei Buchstaben sind zum Markenzeichen der Universität geworden, die viele Topmanager hervorbrachte und auch Start-ups. Diego Probst, der Head of Startup@HSG, steht inmitten von Gründern in einem Untergeschoss der Uni, einen Becher Granatapfelkerne in der Hand, und zählt die Namen erfolgreicher HSG-Gründer auf: Lea von Bidder rockt mit dem Fruchtbarkeitsarmband avawomen.com gerade das Silicon Valley. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes nennt sie eine der "wichtigsten Jungunternehmer unserer Zeit". Valentin Stalf gründete die Direktbank N26, die derzeit großflächig diverse Metropolen mit Werbung plakatiert. Und auch die Gründer des Online-Finanzdienstleisters Kreditech und der Shopping-Plattform DeinDeal: alles ehemalige HSGler.

Gegenüber auf der anderen Uferseite, in Friedrichshafen, hat es die geisteswissenschaftlich ausgerichtete Zeppelin-Universität auf mehr als 120 studentische Unternehmensgründungen gebracht, darunter DeinBus.de, gegründet 2009 und damit einer der Pioniere auf dem Fernbusmarkt. Die Zeppelin-Uni und die HSG sind zwei von 30 Universitäten, die sich unter dem Dach der internationalen Bodenseehochschule (IHB) vernetzt haben. Dazu gehören auch die Universität und die HTWG Konstanz, die Start-ups wie HolidayCheck, das Ärztenetzwerk Coliquio oder die IT-Beratung Seitenbau hervorgebracht haben. Für die Gründer der Stadt fiel gerade eine wichtige Entscheidung. Das Technologiezentrum (TZK) wird nach mehr als 30 Jahren voraussichtlich 2019 auf das frühere Siemens-Gelände ziehen, wo mehr Platz ist.

Jens Riegger kann den Platz gut gebrauchen. Sein Start-up Fruitcore wuchs in den vergangenen zwei Jahren so rasant, dass er mit vergrößerter Mannschaft aus dem alten TZK ins Gewerbegebiet umziehen musste. In zwei Jahren ist das Team auf 20 Personen angewachsen. Immer dabei ist Horst. Er wirkt so, als würde er gerade Gymnastik machen. Er dreht gleichzeitig Kopf, Rumpf und Beine. Horst steht für "Highly Optimized Robotic Systems Technology". Horst ist ein Industrieroboter mit vier computergesteuerten Gelenken, der individuell je nach Bedarf des Kunden programmiert werden kann. Inklusive seines wettbewerbsfähigen Preises ist das eine Innovation, die Fruitcore zu einem der "heißesten" Start-ups aus der Region macht. Ein chinesischer Investor sei schon vorstellig geworden, erzählt Riegger. Dabei präsentiert er die neueste Version von Horst erst im Herbst.

Ziemlich schnell gewachsen ist auch Youmawo, ein Hersteller maßgeschneiderter elastischer Brillen aus dem 3-D-Drucker. Zur Demonstration fährt Mitgründer Sebastian Zenetti mit dem Infrarot-Scanner einmal links, einmal rechts um das Gesicht einer Mitarbeiterin. Auf dem Bildschirm ist in 3-D ihre Gesichtsform zu sehen. Aus Pulver kann nun durch das Laser-Sinter-Verfahren ein individuell passendes Brillengestell hergestellt werden. "Unsere Daseinsberechtigung sind eigentlich Übergrößen", sagt Zenetti. Oder Brillen für Menschen mit Downsyndrom. Die Nachfrage ist aber größer: Erst 2016 gegründet, wird Youmawo 2018 voraussichtlich vier Millionen Euro Umsatz machen. Mehrmals musste die Firma sogar Kunden abweisen.

Die Gründer führen ein kurzes Schauspiel auf, weil es nicht leicht ist, die Geschäftsidee zu erklären

Nicht selten geht es bei den Bodensee-Start-ups, einmal von Youmawo oder Knödelkult abgesehen, die Semmelknödel im Glas herstellen, um B2B-Lösungen, um Angebote von Unternehmen für Unternehmen. Erik Klaas etwa inspiziert und vermisst die Dellen an Flugzeugrümpfen und Tragflächen, die durch Einschläge wie Hagel entstehen. Er tut dies im Auftrag von Wartungsfirmen und Airlines. Dazu nutzt er einen 3-D-Scanner, den er an die Außenwand hält. Die glatte Fläche erscheint in grünem Licht, jede noch so kleine Unebenheit kalibriert das Gerät haargenau, woraufhin sie behoben werden kann. Tiefere Dellen können Risse erzeugen und so die Sicherheit gefährden. Klaas ist 55 Jahre alt und damit wie seine Geschäftspartnerin Pia Böttcher kein ganz junger Gründer mehr. Für beide war die Gründung ihrer Firma 8-tree in Konstanz die Gelegenheit, sich beruflich neu zu orientieren. Nach einer Durststrecke läuft das Geschäft jetzt.

So weit sind sie bei Flumen noch nicht. Weil es nicht leicht ist, zu erklären was das Start-up macht, führen Mauritius Geiger, 32, und Andreas Bodynek, 31, ein kurzes Schauspiel auf. Beide simulieren eine Begegnung zweier Geschäftsleute, die sich darüber unterhalten, was sie in ihrem jeweiligen Unternehmen besser machen könnten. Im Kern geht es darum, Firmen einen digitalen, selbstlernenden Berater zur Seite zu stellen: einen virtuellen Zwilling, der den Firmen Schwächen im System offenlegt, etwa in den Produktionsabläufen.

Derzeit arbeiten sie zu acht an der Software, drei Physiker, drei Informatiker und zwei Ingenieure. Umsatz macht das 2015 gegründete Start-up nicht, aber sieben Pilotprojekte laufen derzeit parallel. Die Markteinführung planen sie für 2019.

Immer um zehn Uhr treffen sie sich zur Stehkonferenz. Sie beginnt mit einer Schweigeminute. "To find your inner wisdom", erklärt Geiger, um die innere Stimme zu finden. Bei Flumen wollen sie mehr als geografische Grenzen überschreiten.

© SZ vom 29.05.2018

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