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Gipfelstürmer:Per Anhalter in den Orbit

Ein Start-up aus Berlin baut kleine Satelliten so günstig, dass Raumfahrt für viele Firmen erschwinglich wird: Zehn mal zehn mal 32 Zentimeter - platzsparender geht es kaum.

Alles ist auf diesen Tag ausgerichtet: Anfang Dezember wollen die Gründer des Berliner Start-ups German Orbital Systems (GOS) rund 9000 Kilometer nach Osten reisen - nach Sibirien, ins Kosmodrom Wostotschny. Das neue russische Raumfahrtzentrum, das im April vergangenen Jahres in Betrieb genommen wurde, liegt etwa 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt und soll eine Alternative zum traditionellen Startplatz der Russen in Baikonur in Kasachstan werden. Walter Ballheimer und Dmitriy Bogdanov wollen dort den Start ihres Satelliten D-Star One live miterleben. "Wenn wir nachgewiesen haben, dass alles funktioniert, rechne ich damit, dass die Bestellungen kommen", gibt sich Ballheimer, 32, hoffnungsvoll.

Es ist der vorläufige Höhepunkt in der Geschichte der Firma, die 2014 am Lehrstuhl für Raumfahrttechnik der Technischen Universität Berlin gegründet wurde und die es sich zum Ziel gesetzt hat, Raumfahrt und Erdbeobachtung für viele erschwinglich zu machen - vor allem durch den Bau kleiner Satelliten.

Wenn heutzutage von Satelliten die Rede ist, dann sind das nicht mehr unbedingt klobige Fluggeräte von der Größe eines Kleinwagens und mit 700 Kilogramm Gewicht, wie zum Beispiel der europäische Navigationssatellit Galileo. Der D-Star-Satellit hat die Größe von zehn mal zehn mal 32 Zentimetern, im Fachjargon 3U genannt - U steht für Unit, auf deutsch: Einheit. Er soll vier Kommunikationsmodule transportieren, zwei davon sollen später Radioamateuren helfen, weltweit Sprachnachrichten auszutauschen. Das Ganze wiegt etwa drei Kilogramm.

Wer so kleine Satelliten entwickelt, der braucht weder riesige Hangars noch große Reinräume, sondern kann Raumfahrt mitten in der Stadt betreiben. Die sieben Mitarbeiter von GOS bestücken die sogenannten Cubesats - kleine Mini-Satelliten, die 1999 von der California Polytechnic State University und der Stanford University standardisiert wurden - im ersten Stockwerk eines früheren Fabrikgebäudes in Berlin-Moabit, nur wenige Meter von der Spree entfernt. "Durch die neuen Standards ist es erst möglich geworden, kleinere Satelliten günstiger herzustellen", sagt Cornelius Joos. Der 35-Jährige mit rotem Haar und Hipster-Bart ist Entwicklungsingenieur bei GOS.

Technik-Vorstand Cornelius Joos, Firmenchef und Gründer Walter Ballheimer und Projektleiterin Irene Selvanathan (von links) bestücken einen Auswurfcontainer. In ihm werden die Satelliten mit einer Rakete ins All befördert.

Auf seinem Schreibtisch steht ein 3U-Satellit, ein paar Platinen sind zu sehen, aber es fehlen noch Solarpanels und Antennen. "Wir nehmen Komponenten, die auch in anderen Industriezweigen benutzt werden, dadurch werden wir um einiges günstiger", sagt der gebürtige Heidelberger. Das ist neu in dieser Branche: Die staatlichen Raumfahrtbehörden wie die amerikanische Nasa und die europäische Esa lassen nahezu jede Schraube für die jeweilige Anwendung entwickeln und für den Weltraum zertifizieren - das kostet viel Geld. Die jungen Raumfahrtunternehmen greifen auf Vorhandenes zurück, die Komponenten müssen natürlich auch auf Weltraumtauglichkeit getestet werden. Trotzdem: "Wir haben die Kosten im Satellitenbereich um das Zehn- bis Hundertfache reduziert", sagt Joos. "Cubesats - das ist der Low-Budget-Bereich der Raumfahrt."

Sicher, für den Kunden bedeutet dies auch ein größeres Risiko. "Es ist aber um einiges günstiger, einen Satelliten nach drei Jahren auszuwechseln, weil er nicht mehr funktioniert, als einen hochzuschicken, der deutlich teurer ist und länger hält", sagt Joos.

Ein paar Schritte von ihm entfernt arbeitet die Ingenieurin Irene Selvanathan gerade an einem Systemtest mit Magnetometern. Neben einem kleinen Reinraum, in dem ein weiterer Testaufbau zu sehen ist, stehen silberne Metallgestelle. Es sind Dummys, die mitfliegen müssen, falls der Auftraggeber die Nutzlast bis zum Start nicht liefern kann: Das vorher angemeldete Gewicht muss eingehalten werden, es hat Auswirkungen auf Treibstoffmenge und Höhe im Erdorbit. Der Auftraggeber zahlt rund 250 000 Euro für einen 3U-Satelliten, auch wenn nur ein Dummy fliegt.

In einer Ecke des Raumes steht dann doch noch etwas, das ein bisschen Raumfahrtflair verbreitet: An einem Stahlregal, das mit Transportkoffern bestückt ist, hängen Stofftransparente mit der Aufschrift "confidential" und einer durchgestrichenen Kamera: geheim, Fotografieren verboten. Zu sehen ist auch das Logo eines weiteren jungen Raumfahrt-Unternehmens, das an der TU Berlin entstanden ist: ECM Launch Service. GOS ist eine Schwesterfirma von ECM, Dmitriy Bogdanov ist auch dort Gesellschafter. ECM verkauft Platz auf der russischen Sojus-Rakete, und GOS hat nun eine Schnittstelle für diese Rakete entwickelt, weil deren Technik aus den Sechzigerjahren gar nicht darauf ausgelegt war, mehrere Satelliten an verschiedenen Stellen in der Erdumlaufbahn auszusetzen. Erst Mitte Juli hat eine in Baikonur gestartete Sojus-Rakete insgesamt 15 Satelliten an drei Stellen in den Orbit gleiten lassen, mithilfe der Schnittstelle von GOS.

Gipfelstürmer

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Diese Start-Hardware bringt Geld, doch GOS-Gründer Ballheimer sieht sein Unternehmen eher als Satellitenhersteller. "Wir sind noch in den roten Zahlen. Mein Ziel ist es, Ende nächsten Jahres Gewinn zu machen", sagt er. Er sucht nun weitere Geldgeber. Sein Kompagnon und er haben bisher eine "niedrige Millionensumme" investiert. "Um aber international konkurrieren zu können, müssen wir deutlich schneller wachsen und deutlich innovativer sein, und das erfordert viel mehr Geld."

Gesucht werden auch alternative Mitfluggelegenheiten. Bisher reisen die Berliner Kleinsatelliten nur mit der Sojus ins All - per Anhalter sozusagen, wenn dort neben der Hauptnutzlast Platz ist. "Vielleicht starten wir in Zukunft auch mit den Indern." Ein Mitflug bei der europäischen Weltraumagentur Esa oder bei Elon Musks Raketenfirma Space-X ist derzeit nicht denkbar, weil zu teuer. Ohnedies wollen sich die Gründer nicht zu sehr an Esa oder Nasa binden: "Da besteht die Gefahr der Abhängigkeit, man tendiert dann dazu, sich vom freien Markt weg zu entwickeln", sagt Ballheimer.

Das Potenzial ist gewaltig, doch bislang nutzen vor allem US-Firmen die Möglichkeiten

Kunden sind bisher vor allem Hochschulen, die ihre Experimente mit GOS günstiger in die Schwerelosigkeit schicken können, als beispielsweise bei einer Mission zur Internationalen Raumstation ISS. "Langfristig sind Universitäten aber weniger interessant, weil sie selbst entwickeln und wenig einkaufen", erklärt Ballheimer. Er hofft auf Aufträge aus der Wirtschaft: Bereiche wären zum Beispiel Erdbeobachtung, Internet der Dinge oder auch medizinische Forschung in der Schwerelosigkeit für Pharmakonzerne - das Potenzial ist gewaltig. Doch die Entwicklung des Marktes steht noch am Anfang, und bisher sind es vor allem US-Firmen, die die Möglichkeiten nutzen. "Der Großteil der potenziellen Kunden befindet sich außerhalb des europäischen Raums", sagt Ballheimer. Er hofft, dass die Nachfrage auch hierzulande bald in Schwung kommt.

Der gebürtige Russe erfüllt sich mit seiner Firma den Traum seines Lebens. "Ich wollte das immer machen, mein Vater hat als Ingenieur in der Sojus-Entwicklung gearbeitet", erzählt er. Ballheimer kam 2005 nach Deutschland und studierte später Luft- und Raumfahrt an der TU Berlin. Hier hat er dann auch Dmitriy Bogdanov und Cornelius Joos getroffen. Die Begeisterung für die Firma ist bei allen Mitarbeitern zu spüren. Für ein junges Unternehmen zu arbeiten, habe Vorteile, "weil das System der Raumfahrt recht verkrustet ist", sagt Entwicklungsingenieur Joos. "Und man hat die Möglichkeit, viele Dinge zu tun, die man bei größeren Firmen nicht tun könnte." Was zum Beispiel? Joos hält inne, dann grinst er: "Wann hat man schon die Gelegenheit, ein ganzes Satelliten-Subsystem zu entwickeln?"