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Gipfelstürmer:Moderne Heldinnen

Im Sommer-Camp Grace in Berlin lernen Frauen, wie sie aus einer Idee ein Start-up machen. Dabei geht es auch darum, einen Wandel in der Führungskultur zu bewirken - nicht nur in der Wirtschaft.

Gründen ist harte Arbeit. Teilnehmerinnen des Start-up-Camps Grace arbeiten an ihren Ideen.

(Foto: Grace/oh)

Carina Hader, 30, ist als Dritte in der Vorstellungsrunde dran. Sie hat etwas mitgebracht, ein schwarzes, flaches und biegsames Silikonkissen. Es sieht ein wenig aus wie ein Herz oder eine sehr abstrahierte Illustration einer Gebärmutter samt Eierstöcken. Die junge Frau hält sich das Wärmekissen vor den Unterleib. Technische Einzelheiten will Hader nicht verraten. "Viele Frauen leiden unter Menstruationsschmerzen, aber wer nimmt sich schon eine Wärmflasche mit ins Büro?", sagt Hader. Sie ist eine von 20 Teilnehmerinnen des Grace Summer Camps in Berlin, einem Accelerator für Gründerinnen.

Es ist der erste Tag, die Frauen lernen sich erst kennen. Sie duzen sich. Einige wirken schon nach wenigen Stunden vertraut, sie haben einiges gemein: Sie haben eine Idee, wollen gründen, und sie suchen Rat. Die Vorstellungsrunde haben sie aus dem Gebäude nach draußen verlegt auf einem kleinen schmutzigen Grillplatz am Ufer der Spree im Berliner Bezirk Lichtenberg, Ortsteil Rummelsburg. Es ist einer dieser Orte, von denen es in Berlin einige gibt und von denen es heißt, dass sie "sich gerade entwickeln". Neue Wohnungen entstehen dort und auf brachem Industriegelände und in alten Werken, die jahrelang verlassen waren, siedeln sich neue Firmen an.

Der Vater der Gründerin wollte schon lange gemeinsam mit seiner Tochter etwas aufbauen

Hader ist eine der wenigen, die schon ein Produkt haben, auch wenn es noch ein Prototyp ist. Im Juni hat sie auch schon eine Firma gegründet, gemeinsam mit ihrem Vater Bruno: die cebeha2 GmbH. Auch das erste Produkt hat einen Namen: Nayca, das Wärmeherz, der Name leitet sich aus dem hindischen Wort für Heldin ab. Hader muss in der Vorstellungsrunde etwas über ihre Idee erzählen und sich. Zehn Minuten hat jede der Frauen Zeit.

Hader hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und dann ein paar Jahre für einen Autozulieferer gearbeitet. "Falls jemand etwas über Inverter wissen will, kann sie sich gerne an mich wenden", ruft sie in die Runde. Inverter sind Wechselrichter, sie wandeln Gleichstrom in Wechselstrom um und umgekehrt. Kein E-Auto kommt ohne Inverter aus. Seit ein paar Monaten arbeitet Hader für ein Beratungsunternehmen. Für das Camp hat sie Urlaub genommen. Ihr Vater, Ende 50, erzählt Carina im Gespräch, habe schon lange gemeinsam mit seiner Tochter gründen wollen. "Wenn Du eine Idee hast, bin ich dabei!", hat er gesagt. Die hatte sie und ihr Vater erst einmal viele Fragen.

"Menstruation und damit verbundene Beschwerden sind immer noch tabu und im Büros sowieso, darüber redet man allenfalls mit der besten Freundin", sagt die Ingenieurin: "Eher spotten Männer untereinander darüber: Die hat wohl wieder ihre Tage!" Seit Hader ihren Markt erforscht und über Menstruation redet, "schütten mir ständig Frauen ihr Herz aus." Vielen geht es so wie ihr. Die Idee für Nayca hatte sie im vergangenen Herbst. "Das erste Modell habe ich in meiner Küche gelötet aus Einschweißfolien." Mittlerweile hat sie einen Hersteller gefunden. "Traut Euch nur", ruft sie den anderen Camp-Teilnehmerinnen hin: "Bei großen Unternehmen besteht starkes Interesse, mit Gründern zusammenzuarbeiten."

Das Camp findet zum zweiten Mal statt. Es ist eine Initiative der Berliner Strategieberatungsfirma Ignore Gravity, die von She's Mercedes, einer Initiative des Autoherstellers, finanziell unterstützt wird. Der Frauenanteil bei innovativen Gründungen mit hohem Umsatz- und Mitarbeiterwachstum liegt in Deutschland bei gut 15 Prozent, geht aus dem Female Founders Monitor des Bundesverbandes Deutsche Start-ups hervor. Im Silicon Valley sieht es nicht viel besser aus. "Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Kreativität entstehen kann", sagt Susanne Scheerer, 35. Sie arbeitet für Ignore Gravity und wird mit ihren Kollegen und Kolleginnen die Frauen begleiten. In den gut zwei Wochen bekommen sie Gründer-Werkzeuge vermittelt, etwa wie sie einen Prototypen entwickeln können, und wie sie Investoren finden.

Die Frauen verbringen täglich viele Stunden zusammen, machen gemeinsam Yoga oder besuchen eine Hip-Hop-Klasse der Flying Steps Academy, und sie entwickeln ihre Gründungsidee weiter. Sie lernen andere Gründerinnen kennen, zum Beispiel Jenny Baum-Minkus, die im vergangenen Jahr den Abschluss-Pitch des Camps gewann. Ihre Firma Gitti hat einen veganen, geruchsfreien Nagellack entwickelt. Oder Farina Schurzfeld, Mitgründerin von Selfapay. Das Start-up bietet Online-Kurse zur Behandlung psychischer Probleme. Oder Miriam Wohlfarth vom Online-Zahlungsdienstanbieter Ratepay. "Das ist hier High Pace", sagt Scheerer. Das Tempo ist hoch. "Aber alles ist auch nur ein Angebot. Niemand muss mitmachen. Es gibt nicht ein Tool, das für alle passt", so die Expertin.

Mehr noch als um die technischen Werkzeuge gehe es bei Grace darum, in Wirtschaft und Gesellschaft einen Führungs- und Kulturwandel zu bewirken. "Wir wollen einen weiblichen Impact erschaffen", sagt Scheerer. Sie ist davon überzeugt, dass sich Frauen Themen anders nähern, intuitiver, empathischer "und das hat seine Berechtigung". Sie nähmen, sagt Scheerer, feine Stimmungsausschläge in Teams viel eher wahr als Männer. Damit sich Frauen ihrer Stärken bewusst würden, und wie sie sie einsetzen können, sei für eine Weile ein "safe space" nötig - ein sicherer Ort - wie das Camp. "Aber wir wollen keinen female bubble schaffen", sagt Scheerer: "Schlussendlich wollen wir gleichberechtigte, diverse und gemischte Teams und eine solche Gesellschaft". Scheerer weiß, wovon sie redet. Sie hat Kunst studiert und als Konzeptkünstlerin an verschiedenen Bühnen gearbeitet. "Ich dachte, der Probenraum sei ein kreativer magischer Ort. Aber es gibt kaum ein sexistischeres, hierarchischeres System als das Theater mit vielen lauten, weißen Männern, die nicht zur Seite treten."

"Ich habe gesehen, dass es Frauen nichts nützt, fleißig und intelligent zu sein, um weiterzukommen."

Viele der Frauen haben Erfahrungen in Systemen gemacht, die von Männern dominiert werden. Enise Lauterbach, 44, zum Beispiel, Kardiologin aus Trier. "Ich habe in meinem Berufsleben gesehen, dass es Frauen nichts nützt, fleißig und intelligent zu sein, um weiterzukommen", sagt sie. Viele Jahre hat die Ärztin in einem Krankenhaus gearbeitet, zuletzt bis zu ihrer Kündigung im Sommer als Chefärztin einer ambulanten kardiologischen Rehabilitation. Lauterbach ging, um ihre Gründungsidee zu verwirklichen. Sie will ein KI-basiertes Frühwarnsystem für Menschen mit Herzinsuffizienz entwickeln. Ihr Start-up soll die Versorgung der ihr zufolge mehr als zwei Millionen Menschen mit Herzinsuffizienz in Deutschland verbessern. Allzu viel will Lauterbach noch nicht verraten, auch den Namen nicht.

Hader möchte in ein paar Monaten ihr Wärmeherz auf den Markt bringen, erst in einem Online-Shop und dann Händler suchen. Und dabei soll es nicht bleiben. "Ich fühle in meinem Herzen, dass Nayca das ist, was ich machen will, weil es so unglaublich viel Spaß macht, und wir so vielen Frauen helfen können." Ein Mann würde vielleicht so nicht reden.