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Gipfelstürmer:Hirn und Maschine

Nirgendwo gibt es so viel Start-ups pro Einwohner wie in dem kleinen Land Israel. Dahinter steckt ein großer Plan der Regierung. Israel will IT-Nation werden und fördert Gründer.

Die Geschichte von Cortica beginnt mit einem kleinen Rattenhirn, das man nahm und mit einem Computer vernetzte. "Monatelang haben wir simuliert, wie das Auge eine Verbindung zwischen Gehirn und Computer herstellt", sagt Karina Odinaev, eine der Gründerinnen von Cortica. Nach ein paar Monaten forschte man ohne die Ratte weiter - zehn Jahre später hat das Start-up für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen Büros in Tel Aviv, Haifa, New York, im Silicon Valley und in Peking und ist eines von Tausenden Start-ups in Israel mit einer Geschichte, wie sie viele hier haben: Gegründet von einem Professor und zwei Studenten, die sich am berühmten "Technion", dem "Israel Institute of Technology" in Haifa, über den Weg liefen und dann sehr große Pläne hatten. Die Idee hinter Cortica ist - je nachdem, wie man es sieht - revolutionär und genial. Aber auch beunruhigend. Es geht wie so oft um künstliche Intelligenz, um sogenanntes "unüberwachtes Lernen" von Maschinen, darum, Neuro- und Computerwissenschaften zusammenzuführen. Die Maschine als unabhängiges, lernfähiges Ding, das die Großhirnrinde mit ihren Neuronen technologisch simulieren und optische Daten in Echtzeit erkennen und interpretieren kann. Der Computer, jenes künstliche Daten- und Rechenmonster, soll die Dinge also so sehen wie wir - und das, was er sieht, verarbeiten wie wir.

Er wird also ein ganzes Stück weit wie wir. Wofür das alles gut ist? Für so ziemlich alles, von dem viele Menschen derzeit glauben, dass es die Zukunft ausmachen wird. Von selbstfahrenden Autos über Drohnen und Satelliten bis zu digitaler Medizintechnik und -logistik. Deshalb ist Cortica ein wichtiges Unternehmen in Israel.

Denn das große Langfrist-Ziel der israelischen Regierung lautet: Das kleine Land im Nahen Osten, weit entfernt von seinen wichtigsten Handelspartnern in Europa und den USA, ohne nennenswerte Großindustrie und eigene Ressourcen, noch dazu im Dauerkonflikt mit seinen Nachbarn - dieses Land soll eine IT-Großmacht werden. Dafür wird viel Geld in die Hand genommen. "Die Regierung hat das Potenzial dieses Unternehmertums sehr früh erkannt und Venture-Capital-Fonds aufgesetzt", sagt Uri Gabai von der Israel Innovation Authority, einer vom Wirtschaftsministerium eingesetzten Innovationsbehörde. "Mit eigenem Geld, aber auch mit privatem Kapital. Ohne solche Initiativen wäre das nicht möglich gewesen." Neben Geld aus staatlichen Kassen fließen Jahr für Jahr zusätzliche Milliarden aus dem Ausland in den Hightech-Standort Israel, der in Anspielung an das kalifornische Silicon Valley auch "Silicon Wadi" genannt wird. Die Cortica-Leute bekamen schon 2012 ihre ersten Millionen von Horizons Ventures, der Investmentfirma des Hongkonger Milliardärs Li Ka-shing. Im Jahr darauf legten die russischen Investoren der Mail.ru Group noch einmal 1,5 Millionen Dollar obendrauf. Die Investoren aus Asien, den USA und Europa wollen dabei sein, wenn in Israel neue Algorithmen für künstliche Intelligenz entwickelt werden.

"Wir sind glücklich, dass wir in dieser aufregenden Zeit leben, früher ist nicht so viel passiert."

Zu Besuch bei Cortica und jenen Wissenschaftlern, die mit der Arbeit an einem kleinen Rattenhirn Millionengelder anzogen. Tel Aviv, eine kleine Seitenstraße zwischen den großen Verkehrstangenten der Stadt: Es ist vielleicht nicht der Ort, an dem man so ein kleines Unternehmen vermuten würde, das Gehirn und Auge nachbildet. Mondäne Hochhäuser zwischen etwas heruntergekommenen kleinen Altbauten. Man braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie es hier noch vor ein paar Jahren ausgesehen haben muss - ein Stück altes Tel Aviv am Rande einer Stadt, die immer größer wurde. Der Cortica-Sitz ist leicht zu übersehen, nur ein kleines Schildchen klebt am Briefkasten, gegenüber eine kleine Tankstelle.

Moderne Zeiten: Ein gigantisches Videospiel für alle auf der Fassade des Tel Aviver Rathauses.

(Foto: Jack Guez/AFP)

Durchs alte Treppenhaus, zweiter Stock, ein großes Loft. Und dann wird es plötzlich bunt. Willkommen im Loftbüro eines Tel Aviver Start-ups.

Karina Odinaev und ihr Mitgründer Igal Raichelgauz haben sich vor Jahren an der Technion-Universität in Haifa getroffen und mit ihrem Professor zuerst ein Rattenhirn untersucht, und dann dieses Start-up hier aufgezogen. Eine Küche, Holzmöbel, irgendwie erinnert vieles hier an eine studentische Wohngemeinschaft, die morgens beim Frühstück um einen großen Küchentisch zusammensitzt und sich vom Abend davor erzählt. Die beiden Gründer sehen ja auch immer noch ein bisschen so aus wie Studenten; Jeans, Turnschuhe, kurzärmeliges Hemd. Doch Cortica ist keine Lerngruppe aus dem Doktorandenseminar für angehende Biologen und IT-Ingenieure. Erst neulich hatte die Firma die Gründung einer eigenen Geschäftseinheit für autonomes Fahren bekannt gegeben, die Partnerschaften mit den großen Autoherstellern sucht. Die Investoren aus Asien sollen wissen, was mit ihrem Geld gemacht wird.

Und auch die Regierung will sehen: Israels Tech-Firmen arbeiten international.

"Künstliche Intelligenz", sagt Raichelgauz, "kann uns fast in Götter verwandeln: Leute mit limitierten Fähigkeiten, etwa Lähmungen, können mithilfe von Chips und künstlicher Intelligenz wieder ein besseres Leben haben." Technologie als Mittel zum Zweck: Wenn man so will, soll Cortica das Leben der Menschen verbessern, indem Menschen und Computer enger aneinanderrücken. Es klingt ein bisschen nach Science-Fiction, was da gegenüber einer Tankstelle entwickelt wird.

Gipfelstürmer

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Von der kleinen Loft-Weltzentrale kann man zu Fuß zu einem anderen dieser kleinen Start-ups gehen: Nexar, Erfinder einer App, die das iPhone zur Kamera auf dem Armaturenbrett macht - wer will, kann mit dem Smartphone also ständig auf den Verkehr halten. Wer drängelt, plötzlich bremst, zu schnell fährt, den Weg abschneidet, ist gefilmt. "Wir haben eine langfristige Vision", sagt der Nexar-Manager Aviv Cohen. "Die absolute Kontrolle der Straße, um Unfälle zu vermeiden." Von Smartphone zu Smartphone, von Dashcam zu Dashcam: Autos, sagt Cohen, "müssen miteinander reden können, sie sollen über die Straße fahren wie ein großer Vogelschwarm - ohne Kollisionen".

Es ist wie bei so vielen dieser Innovationen: Man kann sie einerseits für sehr sinnvoll halten. Man wird aber immer auch genug Menschen finden, die einem erklären können, was es für das tägliche Leben bedeutet, wenn jeder jederzeit alles filmt. Es hängt eben immer davon ab, was man am Ende daraus macht.

Welt-Zentrale Tel Aviv, Außenstellen in New York und San Francisco. Einige laufen mit Flip-Flops herum, andere sitzen barfuß auf dem Sofa, im Raum steht ein Keyboard, Gitarren hängen an der Wand. Bei Nexar wird also auch gerockt.

Von der Uni gleich weiter zur eigenen Firma: Die Cortica-Gründer Karina Odinaev (links) und Igal Raichelgauz in der Küche ihres Büro-Lofts.

(Foto: Thomas Fromm)

Nexar, Cortica, die vielen anderen Start- ups aus Israel: Sie alle sind Teil eines großen Wirtschaftsplans - und sie stellen sich darauf ein, dass die Welt schon bald eine andere sein wird. "Die große Welle von künstlicher Intelligenz, die auf uns zurollt, wird unser Leben sehr stark verändern", sagt Cortica-Gründer Igal Raichelgauz. Und seine Kollegin Karina Odinaev sagt, dass sie "glücklich" sei, "dass wir in dieser aufregenden Zeit leben". Früher sei jedenfalls nicht so viel passiert. Zum zweiten Mal schreibt der SZ-Wirtschaftsgipfel in diesem Jahr den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Der Gewinner wird am 18. November in Berlin gekürt. Bewerbungen bis 1. Oktober unter: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.