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Gipfelstürmer:Hier wird nun englisch gschwätzt

Rund um Tübingen wächst das Cyber Valley. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ziehen an einem Strang, und Geld spielt keine Rolle - so ähnlich hat es einst auch im kalifornischen Silicon Valley begonnen.

Man kommt zurück nach 35 Jahren, und fragt sich, ob wohl alles noch so ist wie damals? Die verwinkelte Altstadt, die Wohngebiete auf den Bergen rundum, das Schloss, so weit, so gut. Dann streift man durchs Städtchen, sitzt im Botanischen Garten, im Café, in der Mensa, und spürt: Etwas ist anders.

Man kann es hören, dieses Anderssein. Damals, in den 1980ern, kamen die Zugereisten aus Frankfurt oder Hannover, und die meisten Studenten waren aus der Region. Das durfte man gerne merken, selbst in Vorlesungen. Heute schwätzt do kaum no oiner schwäbisch. Dafür gerne muttersprachlich englisch.

Früher war der Oberbürgermeister ein gediegener älterer Herr von der Partei der Freien Wähler, die üblicherweise bei den Handwerkern und auf dem Land ihre Basis haben. Heute ist der Oberbürgermeister ein noch recht junger Kerl von den Grünen und heißt Boris Palmer. Einer, der bundesweit Schlagzeilen macht, weil er gerne mal politisch nicht korrekt ist, etwa in der Flüchtlingspolitik ("Wir können nicht allen helfen"). Damit gewinnt er bei den eigenen Leuten keinen Blumentopf, was den 46-Jährigen aber nicht bekümmert, weil er seine Stadtbevölkerung im Boot halten will, auch die Konservativen. Dem ebenfalls grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann entschlüpft schon mal ein leises "Ha noi, der Boris". Aber immerhin: Palmer ist bereits in seiner zweiten Amtszeit, akzeptiert von links bis rechts.

Pressefoto

Damit eine virtuelle Figur sich in ihrer Computerwelt realistisch bewegt, brauchen die Wissenschaftler detaillierte Informationen über den Körper des realen Vorbilds, auch über dessen Bewegung. Das leistet der vierdimensionale Ganzkörperscanner am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen, mit 22 Stereo- und 22 Farbkameras und 60 Aufnahmen pro Sekunde.

(Foto: Wolfram Scheible)

Aber genug nun der Lokalpolitik, eigentlich ist man ja hier, um festzustellen, was es denn mit diesem Cyber Valley auf sich hat, von dem plötzlich so häufig die Rede ist zwischen Tübingen und der nahegelegenen Landeshauptstadt Stuttgart. Man fährt also hoch auf den Bergkamm im Norden Tübingens, dort, wo von Alters her die Naturwissenschaften angesiedelt sind (während sich die Geisteswissenschaften in der Tradition von Hegel und Hölderlin unten am Neckar festgesetzt haben). Und stellt dort fest: Nach spätestens einer Viertelstunde kommen fast alle Gesprächspartner schon wieder auf diesen Boris Palmer zu sprechen, der den Rahmen schafft für das, was sie hier planen und was sie neuerdings das Cyber Valley nennen.

Das Maß aller Dinge hier oben ist die Max-Planck-Gesellschaft, die in Deutschland Spitzenforschung organisiert und deren Präsident Martin Stratmann in München die Bedeutung der Digitalisierung schon lange erkannt hat und alles daransetzt, dass in Deutschland Spitzenforschung fürs nächste Zeitalter möglich ist. In Tübingen heißt das konkret, dass auf dem Berg neben den alten Fakultäten, auf ehemals freiem Gelände, sinnigerweise "Ob dem Viehweidle" geheißen, unter anderem ein nagelneues Max-Planck-Institut (MPI) für Intelligente Systeme gebaut wurde, ein vierstöckiger, schwarzer Kasten mit lebendigem Innenleben, wo Wissenschaftler aus dem In- und Ausland über künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen forschen.

Forscher als Unternehmer

Im neuen Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme wird bereits geforscht, weitere Teile des gemeinsamen Maschine-Learning-Campus in Tübingen sind im Entstehen: ein neues Universitätsgebäude und später ein gemeinsames Cyber-Valley-Gebäude. Aber das amerikanische Vorbild zeigt, dass Eliteforschung den Standort nur dann wirklich stärkt, wenn die Erkenntnisse auch in die Praxis umgesetzt werden. Vieles von dem, womit Google, Apple und andere erfolgreich geworden sind, fußt auf Techniken, die in Deutschland erfunden - nur leider dort nicht vermarktet wurden.

Im Silicon Valley haben sie das von Anfang an besser gemacht. Was an der Universität Stanford entwickelt wurde, haben die Studenten unter steter Beratung ihrer Professoren in Start-ups umgesetzt, die von Wagniskapitalgebern in unmittelbarer Umgebung finanziell massiv unterstützt worden sind. In Tübingen soll nun ähnliches gelingen. Die Forscher arbeiten direkt mit der Industrie zusammen, haben teilweise zwei Arbeitgeber. Eine eigene Abteilung der Max-Planck-Gesellschaft soll ferner helfen, aus Spitzenforschern erfolgreiche Gründer zu machen.

Wie das geht, machen ebenfalls in Tübingen zwei Ausgründungen aus dem Medizinbereich vor. Ganz in der Nähe der neuen Institute baut auch die Firma Curevac eine repräsentative Zentrale. Ein Visionär aus der Region hat das Biotechnologieunternehmen vor 18 Jahren gegründet, weil er den Krebs besiegen will: Ingmar Hoerr hat Curevac zu einem der wenigen deutschen Einhörner gemacht, so nennt man Unternehmen, die mehr als eine Milliarde Euro wert sind. Es entwickelt Wirkstoffe auf Basis der Boten-Ribonukleinsäure (mRNA), die, wie die DNA, genetische Informationen transportiert. Noch ist das ein Hoffnungswert, doch potente Investoren wie SAP-Mitgründer Dietmar Hopp glauben daran und haben viele Millionen investiert, 2015 stieg, viel beachtet, die Bill and Melinda Gates Stiftung des Microsoft-Gründers ein.

Gleich nebenan hat Cegat bereits sein eigenes Haus, gegründet und geleitet von der Humangenetikerin Saskia Biskup und ihrem Mann Dirk. Cegat ist den Veränderungen im Erbgut des Menschen auf der Spur. Mit Hilfe moderner Technik wird in Rekordgeschwindigkeit analysiert und diagnostiziert. Dafür erhielt Saskia Biskup 2011 den Gründerpreis, weitere Auszeichnungen folgten. An die Ärztin wenden sich Menschen aus aller Welt mit schweren Krankheiten wie Krebs. Ihnen will Saskia Biskup mit einer individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Therapie helfen. Daneben expandiert sie auch als Unternehmerin. Unter dem Dach der Cegat versammeln sich mittlerweile eine Reihe von Tochtergesellschaften. Marc Beise

KI ist das neue große Ding, Forscher sehen ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Die Erkenntnisse von morgen werden auf vielen Anwendungsfeldern - vom autonomen Fahren über autonome Roboter bis zur Analyse medizinischer Daten - das Leben revolutionieren. Selbst die Bundesregierung hat nun Mitte Juli erste Eckpunkte für einen "Masterplan künstliche Intelligenz" im Kabinett verabschiedet. Die Idee ist, dass wesentliche Erfindungen nicht in Kalifornien und nicht am Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der US-Ostküste und auch nicht in China gemacht werden, sondern in Deutschland, Europa und namentlich hier in Tübingen.

Spiritus Rector dieser neuen Dinge ist der 50-jährige MPI-Direktor Bernhard Schölkopf. Geboren in Stuttgart, hat er in Tübingen Physik, Mathematik und Philosophie studiert, wurde später als Informatiker habilitiert, und gerade erst hat er den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis für Spitzenforschung erhalten: die Krone der Wissenschaften in Deutschland. Bereits vor 15 Jahren begann Schölkopf, in Tübingen maschinelles Lernen zu etablieren, er ist international angesehen und hat Koryphäen ins Ländle geholt und weltweit begehrte Nachwuchswissenschaftler hier gehalten.

Boris Palmer

Boris Palmer, 46, ist seit 2007 Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, wo er Geschichte und Mathematik studiert hat. 2014 wurde er wiedergewählt - mit 61,7 Prozent der Stimmen.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Früher war man stolz, wenn ein Professor an die Uni kam, der dafür die Bonner Fakultät verlassen hat, die Freiburger oder die Berliner. Heute will man die Stars aus den USA, und den einen oder anderen bekommen die Tübinger auch. Zum Beispiel Michael Black, der nicht nur Hochschullehrer ist, sondern auch eine Software entwickelt hat, mit der Kunden sich einen digitalen Zwilling schaffen können, der Kleidung virtuell anprobieren kann. Das Start-up Body Labs hat Black für viel Geld an Amazon verkauft, im Hauptberuf ist er wie Schölkopf MPI-Direktor in Tübingen.

Im Cyber Valley zählen sie 24 Professuren in Tübingen, weitere 23 in Stuttgart und acht Max-Planck-Direktoren - macht 55 Professoren. Das seien, sagt Wolfgang Rosenstiel, Informatiker der ersten Stunde und jetzt Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät in Tübingen, drei mehr, als die Universität Stanford zu bieten habe, die doch gewissermaßen das wissenschaftliche Herz des Silicon Valley ist. Das MIT in Cambridge allerdings, eine weitere Hochburg der Mathematik und Naturwissenschaften, zählt 80 Professoren, und die Carnegie Mellon University in Pittsburgh 131. Deshalb soll es auch in Tübingen noch nicht genug sein: Gerade werden zehn weitere Professuren besetzt und 20 Forschergruppen sowie weitere 100 Habilitationsplätze in den kommenden fünf Jahren.

Bei Kinderbetreuung und Klimaschutz ist die Stadt bundesweit Spitze

Ins Cyber Valley wird gerade richtig viel Geld investiert, hinter vorgehaltener Hand sagt jemand, der es wissen muss: "Im Grunde werden wir mit Geld zugeschissen." Aber das ist nicht als Vorwurf zu verstehen: Der Erfolg des Silicon Valley in den USA hat sehr viel mit viel Geld zu tun, und wenn Deutschland mithalten will, dann wird es auch nur mit viel Geld gehen.

Wie im richtigen Valley ziehen auch in Tübingen alle an einem Strick: die Max-Planck-Gesellschaft sowieso, aber auch die Universität, die frei werdende Lehrstühle aus anderen Fakultäten zugunsten der digitalen Zukunft umwidmet. Ferner Unternehmen wie Daimler, BMW, Bosch, die sich mit je 1,25 Millionen Euro ins Netzwerk einkaufen und dafür mit Forschern kooperieren dürfen. Und die Landesregierung, deren Ministerpräsident Winfried Kretschmann von allen deutschen Landesfürsten wohl derjenige ist, der die digitale Revolution mit dem meisten Herzblut fördert und wiederholt ins Silicon Valley reist.

Es hilft aber auch, Boris Palmer lässt grüßen, die Stadt Tübingen. Die verkauft nämlich Land "Ob dem Viehweidle" an Konzerne, die nicht nur mitmachen, sondern hier auch feste Forschungszentren errichten wollen. Die Verhandlungen laufen noch, aber was man schon weiß: Die erste Ansiedlung wird Amazon sein, der umstrittene Online-Händler aus Seattle. 100 Wissenschaftler will der US-Konzern binnen fünf Jahren in Tübingen einstellen, die Forscher freuen sich. Den Linken in der Stadt hat das natürlich nicht gefallen, berichtet Palmer, der sich häufig und gerne hier oben im Neubaugebiet aufhält und Amazon nicht als Fluch sieht, sondern als Segen für den Standort.

Start-up-Wettbewerb „Gipfelstürmer“

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb "Gipfelstürmer" die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese werden im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer

Der Oberbürgermeister sorgt auch in einem weiteren Sinn für das neue Cyber Valley. Er weiß, dass man internationale Forscher nur dann in die "kleine große Stadt" (so der Titel der berühmten Stadtbiografie der 2013 verstorbenen Tübinger Geistesgröße Walter Jens) bekommt, wenn man den Menschen etwas Besonderes bietet. Deshalb verweist er auf unbestrittene Spitzenplätze bei Kinderbetreuung und Klimaschutz bundesweit. Deshalb lässt er innovative Wohnquartiere entwickeln. Deshalb plant er eine Fahrradstadt wie Kopenhagen. Und natürlich soll Tübingen eine Smart City werden, eine "intelligente" Stadt mit Licht nach Bedarf und all diesen digitalen Neuheiten.

Tübingen ist, das kann man wohl sagen, heute eine Pionierstadt. Hier passieren Dinge, die andernorts lange auf sich warten lassen. Oben auf dem Berg bei den Forschern und unten in der Stadt am Neckar.

© SZ vom 24.07.2018

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