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Gipfelstürmer:Gründer in der Krise

Seit Ausbruch der Pandemie haben es Start-ups schwer, Investoren zu finden. Der Bund hilft nun mit einem Milliardenpaket - doch nicht alle finden das gut.

Wer in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland ein Start-up gründete, konnte zuversichtlich sein: Eine prosperierende Wirtschaft und steigende Finanzierungsbereitschaft von Investoren boten gute Startvoraussetzungen. Mit der Corona-Krise hat sich das schlagartig verändert: Konsumenten und Investoren schauen genauer hin, wem sie ihr Geld geben. Und manche Bereiche der Wirtschaft, wie etwa die Urlaubsbranche, standen lange nahezu still. Der Start-up-Verband forderte deshalb Unterstützung vom Bund, der Ende April ein zwei Milliarden Euro großes Hilfspaket zusagte. Während sich der Verband zufrieden zeigt, gibt es aber auch Bedenken, ob die Hilfsgelder an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

"Für viele Start-ups ist die Krise eine völlig neue Erfahrung, sie haben bisher nur sonnige Zeiten erlebt", sagt Carsten Rudolph, Professor für Entrepreneurship an der Technischen Universität Nürnberg. Seit zehn Jahren ist Rudolph Geschäftsführer von BayStartUp, einem Netzwerk, das Start-ups bei der Kapitalsuche unterstützt. Durch die Corona-Krise hat sich einiges verändert: Start-ups müssten jetzt stärker nutzenorientierte Geschäftsideen bieten, um Kapitalgeber zu überzeugen. Die "Nice-to-haves", die 2019 noch gut liefen, seien vom Tisch. Vergangenes Jahr haben deutsche Unternehmen laut einer Studie des Wagniskapitalgebers White Star Capital noch eine Rekordsumme von 5,7 Milliarden Dollar eingesammelt. Dieses Jahr wird es das wohl nicht geben.

Viele institutionelle Investoren seien gerade vorsichtig mit neuen Engagements und kümmerten sich lieber um bestehende Investitionen, sagt Rudolph. Es fehle nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit, Angebote zu prüfen. Die sei bei allem Krisenmanagement knapp geworden. Und werden Fonds neu aufgelegt, schauten Kapitalgeber jetzt genauer hin, wo sie ihr Geld investieren. Weltweit hat die Zahl der öffentlich bekannten Finanzierungen in den ersten drei Monaten des Jahres abgenommen, Angaben des Datenanalysedienstes Globaldata zufolge.

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Manche Start-ups haben auch jetzt viel zu tun – etwa, weil sie schnell auf die veränderte Nachfrage reagiert und neue Produkte entwickelt haben.

(Foto: Florian Küttler/imago)

"Jetzt zeigen sich die Unterschiede zwischen Schönwetterkapitänen und denen, die sagen, 'es ist schlechtes Wetter, aber wir fahren trotzdem raus'", sagt Rudolph. Vielversprechende Start-ups fänden auch weiterhin Investoren. Story Box, das eine Software entwickelt hat, mit der Unternehmen einfach Videos erstellen können, hatte eine millionenschwere Finanzierung schnell beisammen. Andere passen ihr Geschäftsmodell an wie das Münchner Start-up Loewi, das eigentlich auf Ernährungsoptimierung spezialisiert ist, mittlerweile aber auch Corona-Antikörpertests anbietet. Manche hofften auf ein Ende der Krise und wieder andere hätten einfach Pech: Ein Start-up, das es Kunden erleichtern will, online Flüge zu buchen, könne nicht einfach etwas ganz anderes machen.

Kritiker warnen vor möglichen Verzerrungen im Markt

Dass die Corona-Krise zu einer Marktbereinigung führen wird, hält Rudolph durchaus für möglich. Vor allem bei Start-ups mittlerer Größe sieht er eine Gefahr: Zwei bis vier Jahre nach Gründung würden oft schon relativ hohe Kosten anfallen, die Umsätze seien dagegen häufig noch gering. Finden die Start-ups dann keine Investoren mehr, könnten sie gezwungen sein, Mitarbeiter zu entlassen, oder gar Pleite gehen, sagt Rudolph.

Der Bundesverband Deutsche Start-ups forderte bereits im März ein Hilfspaket vom Bund, weil Start-ups nicht von den bisher beschlossenen Wirtschaftshilfen profitieren könnten. Beispielsweise fehlten für KfW-Kredite meist eine positive Ertragslage und bankübliche Garantien. Ohne staatliche Hilfe könnten doppelt so viele Start-ups insolvent gehen wie sonst, schätzt Gloria Bäuerlein, Vizepräsidentin des Verbands. Der Bund erhörte die Hilferufe und verkündete Ende April ein Maßnahmenpaket im Umfang von zwei Milliarden Euro. Es besteht zum einen aus Liquiditätshilfen für Start-ups, die noch keine Finanzierung haben. Zum anderen wurde eine sogenannte Corona-Matching-Fazilität (CMF) geschaffen für Start-ups, die bereits eine Finanzierung erhalten haben. Damit sollen weitere private Investitionen im Verhältnis drei zu sieben mit öffentlichen Mitteln aufgestockt werden, "damit Investoren auch während der Corona-Krise hoch innovative und zukunftsträchtige Start-ups finanzieren", wie es auf der Webseite des Bundeswirtschaftsministeriums heißt. Der Verband sei mit dem Ergebnis sehr zufrieden, sagt Bäuerlein.

Nicht alle applaudieren. Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) findet es zwar richtig, Start-ups in der Krise zu unterstützen. Kritisch aber bewertet er die staatliche Beteiligung an Investitionen in größere Start-ups - sogenannte Scale-ups. Steige der Staat hier ein, könnten die zwei Milliarden Euro schnell aufgebraucht sein, warnt er. Zudem könne das staatliche Engagement zu Wettbewerbsverzerrungen führen und private Kapitalgeber dazu verleiten, Investitionen zu tätigen, die sie ohne staatliche Beteiligung nicht in Erwägung zögen. Der Staat könnte Geld verlieren. "Jetzt in Scale-ups zu investieren, von denen man nicht weiß, wie ihr Geschäftsmodell nach der Krise aussieht, wäre von Seiten des Staates die falsche Entscheidung", sagt Kritikos.

Außerdem sei nicht nachvollziehbar, warum für diese Unternehmen Hilfsmittel wie Kurzarbeit, KfW-Kredite oder Zuschüsse nicht ausreichten, da viele kreditwürdig sein müssten. Der Staat solle sich auf Liquiditätshilfen für junge Start-ups mit Finanzierungsschwierigkeiten konzentrieren und nur dort als Investor einsteigen, wo es darum ginge, Technologien zur Eindämmung des Coronavirus oder besonders wertvolle Innovationen zu schützen, fordert Kritikos.

Bäuerlein vom Start-up-Verband betont dagegen, dass nur vertrauenswürdige Fonds Zugang zur CMF hätten. Der Staat könne außerdem an erfolgreichen Investitionen mitverdienen. Und die Sorge, dass Investoren versuchen könnten, wacklige Beteiligungen mit Steuergeld zu finanzieren und derweil ihr Geld in sichere Bereiche zu lenken, hätte auch ausgeräumt werden können: Eine "Andienungspflicht" soll sicherstellen, dass der Staat an allen Investitionen jener Fonds beteiligt werden muss, die CMF in Anspruch nehmen.

Auch Carsten Rudolph sieht den Einsatz von Steuergeldern zur Rettung von Start-ups kritisch. Dass viele Start-ups Pleite gehen sei normal. Er appelliert an die Eigenverantwortung der Gründer. Bevor sie nach Hilfe riefen, sollten sie erst einmal in die eigenen Zahlen schauen und ihren Businessplan überarbeiten. "Wenn vor Corona keiner das Produkt wollte und es während Corona keiner will, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch danach keiner will."

Zum fünften Mal schreibt die SZ den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Die Finalisten pitchen im November beim SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin. Mehr unter www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.

© SZ vom 27.05.2020

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