bedeckt München 13°

Gipfelstürmer:Geschult für die Krise

Corona lässt die Nachfrage nach Weiterbildung im Netz steigen. Ein Feld für Start-ups wie Coachhub.

Wie befähige ich meine Mitarbeiter für die Arbeit im Home-Office? Wie vermeide ich Kontrollverlust und Stress durch digitale Arbeit? Solche Fragen bekommen Matti, 34, und Yannis, 37, Niebelschütz, Gründer von Coachhub, jetzt öfters gestellt. Immer mehr Unternehmen suchen die Plattform auf, um für ihre Mitarbeiter Online-Gespräche mit Coaches zu arrangieren - in der Hoffnung, ihnen die Umstellung auf die Arbeit von zu Hause aus zu erleichtern. "Wir haben durch Corona einen immer stärkeren Kundenzuwachs. Seit wenigen Tagen haben wir hunderte Coaches zusätzlich auf der Plattform", sagt Yannis Niebelschütz.

Covid-19 macht den digitalen Raum zur Alternative für Coaches, beobachtet auch Paul Büren, Referent der Deutschen Gesellschaft für Supervision und Coaching (DGSv). Die Umorientierung passiere aber nicht immer freiwillig: "Unseren rund 4300 Mitglieder brechen die Aufträge bis Mitte April, teilweise sogar bis Juni weg", sagt Büren. Deshalb versuchten sich immer mehr Coaches an neuen Online-Formaten. Das kommt nun auch Coachhub zugute. Das Berliner Start-up ist schon vor der Krise rasant gewachsen. Seit der Gründung im Sommer 2018 haben die Brüder 120 Mitarbeiter eingestellt. Sie sollen nun dafür sorgen, dass mehr Firmen die Angebote der Plattform entdecken und nutzen. "Wir bieten ein Abonnement für Online-Coachings an", so die Gründer. Das Angebot sei langfristig, zum Beispiel über ein Jahr, in dem die Mitarbeiter einer Firma alle zwei Wochen eine Session bekommen. "Ein gefragtes Thema unserer Kunden ist besonders, wie die Mitarbeiter mit der Digitalisierung mithalten können. Die Coaches sollen die Angst vor neuer Software nehmen", sagt Yannis Niebelschütz. Inzwischen haben sich laut Coachhub rund 600 Coaches auf der Plattform registriert.

Da schau her: Die Trainerin ist auf dem Telefon zu sehen.

(Foto: oh)

Gemessen am gesamten deutschen Coaching-Markt ist das eine beachtliche Zahl. Hierzulande gibt es 8000 Coaches, wie eine Studie der Universität Marburg von 2013 zeigt. Mittlerweile könnten es bis zu 10 000 sein, schätzt Gianni Liscia, Vorstand des Deutschen Verbands für Coaching und Training (DVCT). Problematisch bei der Schätzung sei aber, dass die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. "Praktisch jeder kann sich Coach nennen", sagt der Verbandschef. Das Label ist nicht unattraktiv: Ein Coach verdient durchschnittlich rund 167 Euro pro Stunde. Das ergab eine deutschlandweite Umfrage vom Büro für Coaching und Organisationsberatung. Deshalb machten sich auch viele unseriöse Anbieter den Titel zunutze, warnt Liscia: "Es gibt sogar Flirt Coaches". Ob ein Coach wirklich professionell und erfahren sei, ließe sich aber leicht prüfen - etwa über ein Zertifikat, wie es auch der 1500 Mitglieder starke DVTC vergibt.

Dafür müssen Bewerber bereits eine Coaching-Ausbildung und einige Jahre Führungserfahrung haben. Wer die Voraussetzungen mitbringt, wird vom DVCT geprüft. Die Kandidaten müssen eine Ausarbeitung zu ihren Coaching-Methoden abgeben und eine Coaching-Stunde vor Gutachtern halten. Erfolgreiche Prüflinge bekommen dann das Zertifikat als Coach. Dabei vergeben auch andere Anbieter Zertifikate an Coaches, zum Beispiel die rund 20 Coaching-Verbände aus dem deutschsprachigen Raum, die zur Dachorganisation Roundtable der Coachingverbände (RTC) gehören. Wer privat einen Coach sucht, der kann sich auch auf Jobportalen wie Linkedin und Xing informieren: "Hier ist es einfach, sich ein transparentes Bild von der Person zu machen - und zur Not kann man per Nachricht Fragen stellen", rät Liscia.

Zum fünften Mal schreibt die SZ den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Die Finalisten pitchen im November beim SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin. Die SZ begleitet den Wettbewerb mit Salons in ausgewählten Städten. Mehr unter www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.

Auch Coachhub will die Seriosität seiner Plattform absichern und erwartet von den Coaches ein Verbandszertifikat. Dadurch wollen die Niebelschütz-Brüder das Vertrauen der Firmen gewinnen - was bislang gut funktioniert. Zu den nach eigenen Angaben mehr als hundert Kunden zählen unter anderem der italienischen Versicherungskonzern Generali, der Online-Musikdienst Soundcloud und der Lebensmittellieferanten Hellofresh. Was Firmen für die digitalen Langzeit-Coachings bezahlen und ob das Start-up schon Gewinn macht, wollen die Brüder nicht erzählen.

Die Brüder treiben die Expansion ihrer Firma voran. Die Corona-Krise, die Coaching vor Ort unmöglich macht, beschleunigt das Vorhaben: Ende dieses Jahres wollen die Gründer 200 Mitarbeiter haben, 1000 Coaches sollen auf der Plattform registriert sein. Seit Kurzem hat Coachhub auch einen Standort in New York. Dass Coaching sich nun nachhaltig mehr ins Digitale entwickeln könnte, vermutet auch Büren - dabei hält er Coaching vor Ort für das bessere Konzept. "Es wird eine stärkere Durchmischung geben", sagt der Referent des DGSv, "viele, die sich bis jetzt gegen digitales Coaching gewehrt haben, müssen jetzt mitziehen."

© SZ vom 15.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite