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Gipfelstürmer:Durchblick für Arbeiter

Bremen gilt nicht unbedingt als Heimat innovativer Start-ups, doch dort sitzt das Unternehmen Ubimax: Es liefert eine Software für Datenbrillen - und ist sehr erfolgreich.

Hendrik Witt hat gerne den Überblick - dies ist umso mehr eine Grundvoraussetzung, wenn jemand eine Firma wie Ubimax gründet, die vor allem Software für Datenbrillen entwickelt. Der 40-jährige Informatiker arbeitet in einem Flachbau im Bremer Ortsteil Überseestadt direkt an der Weser. Es ist der älteste erhaltene Umschlagschuppen des Europahafens: Der Schriftzug "Zollkontrollstelle" prangt drinnen an einer Wand und erinnert an Zeiten, als die Kaufleute hier noch Waren zwischenlagerten.

Der Schuppen 2 aus den 1950er-Jahren steht unter Denkmalschutz, hippe Unternehmen und Eventanbieter lieben solche Locations. Die Dachfenster des flachen Gebäudes bieten so viel Licht, dass darunter sogar echte Bäume wachsen - zwischen Schreibtischen, Liegestühlen und einer ausrangierten Telefonzelle der Telekom. Das Hauptquartier von Ubimax bestätigt die gängigen Klischees von Start-ups. Und natürlich sitzt der Chef mittendrin: "Ich finde es gut, an der Basis zu sein. Mir hilft es, ein Gespür dafür zu kriegen, wo noch Sand im Getriebe ist", sagt Witt.

Dies ist er im Grunde auch seinem Produkt schuldig, das Kunden den Überblick verschaffen soll - egal ob die Datenbrillen nun im Lager eingesetzt werden oder in der Produktion. Die Brille, die Ubimax jeweils nach den speziellen Anforderungen seiner Industriekunden programmiert, ist für Arbeiter gedacht, die mit den Händen arbeiten. Sie bekommen visuelle Informationen auf ihre Brille gespielt, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Witt versteht es, solche Sachverhalte etwas abstrakter für Präsentationen aufzubereiten. Das klingt dann so: "Ubimax Frontline unterstützt diejenigen, die deskless unterwegs sind", also nicht am Schreibtisch sitzen.

Damit beispielsweise die richtige Ware schneller zum Kunden kommt, zeigt die Datenbrille mit der Software aus Bremen dem Arbeiter im Verteilzentrum eines Logistikkonzerns wie DHL nicht etwa die Artikelnummer, sondern per Bild den Standort im Regal. "Bilder sagen mehr als 1000 Worte", sagt Witt. "Die Arbeitsschritte werden ergonomischer und schneller, der Arbeiter hat die Hände frei, es passieren weniger Fehler". Dies ist auf viele Branchen übertragbar, wenn es um die Kommissionierung geht, Arbeiter also die benötigten Teile aus dem Warenlager holen müssen - im Fachjargon Picking  genannt.

Die Brille kann auch in der Produktion helfen: In der Motorenmontage des Autoherstellers Audi zum Beispiel bekommen die Mechaniker Arbeitsanweisungen auf ihre Brille, Daimler hat Datenbrillen mit Ubimax-Software in der Qualitätskontrolle getestet. Ähnlich wie bei Displays auf der Frontscheibe moderner Autos sind die relevanten Informationen für den Arbeiter ständig sichtbar.

Witt hat sich schon lange mit der Frage beschäftigt, wie Daten im industriellen Kontext genutzt werden können. Er hat an der Universität Bremen Informatik studiert und dort Mitte des vergangenen Jahrzehnts das EU-Projekt "Wear IT at Work" mit organisiert. Dabei ging es darum, professionell einsetzbare Wearable-Computing-Anwendungen zu entwickeln. "De facto haben wir mit der Gründung von Ubimax das umgesetzt, was Wear IT at Work erforscht hat", sagt er. Später wechselte er an die Georgia Tech in Atlanta, um beim Entwickler der umstrittenen Datenbrille Google Glass zu promovieren.

Als Witt zurück nach Deutschland kam, arbeitete er zunächst als Strategieberater, wollte aber etwas Eigenes auf die Beine stellen. Er zog dazu wieder in seine Heimatstadt Bremen, weil er hier die überschaubare Größe, die kurzen Wege, die Anbindung an die Uni und das industrielle Umfeld mit Firmen aus Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt schätzt. Sieben Jahre nach der Gründung von Ubimax sieht sich Witt als Marktführer in Europa. "Weltweit gehören wir zur Top 3", die Wettbewerber sieht er vor allem in den USA.

Das Unternehmen mit etwa 70 Mitarbeitern, auch die zwei Mitbegründer sind noch an Bord, hat Dax-Konzerne und internationale Unternehmen als Kunden - für Witt ist dies aber erst der Anfang: "Die Branche wird ein wahnsinniges Wachstum erleben", glaubt er. Witt rechnet damit, dass sich Datenbrillen auch irgendwann bei privaten Kunden durchsetzen werden. "Wenn der Markt reif ist, könnte Ubimax hier mitmischen und Augmented Reality für die große Masse nutzbar machen", sagt er. In den nächsten Jahren will sich Ubimax aber auf das Industriegeschäft konzentrieren. Der größte Anteil des mehrere Millionen Euro großen Umsatzes stammt aus der Software für die Datenbrillen, Ubimax verkauft zudem die Datenbrillen anderer Hersteller selbst und bietet sozusagen Soft- und Hardware aus einer Hand.

Den amerikanischen Technologiefonds Atlantic Bridge Capital und den US-Inves t or Westcott hat das Konzept von Ubimax überzeugt. 2016 steckten sie insgesamt sechs Millionen Dollar in die Bremer Firma. Witt will mit dem Geld insbesondere das US-Geschäft ausbauen, Ubimax hat mittlerweile Niederlassungen in Atlanta und Palo Alto im Silicon Valley. Auch einen Börsengang will er nicht ausschließen: "Ubimax hätte das Potenzial", sagt er selbstbewusst.