Gipfelstürmer Deutschlands grünste Hochschule

Auf einem einstigen US-Armee-Gelände in der Pfalz sollen junge Leute für ökologische Geschäftsideen begeistert und in der Region gehalten werden.

Von Susanne Höll

Neubrücke? Wo, bitte schön, liegt Neubrücke? Das weiß kein Mensch, es sei denn, er stammt aus Rheinland-Pfalz oder dem Saarland. Neubrücke ist sozusagen jwd, janz weit draußen, wie Berliner bis heute bei Tagesausflügen ins grüne Umland zu sagen pflegen. Grün ist es in Neubrücke allemal, feinste Pampa sozusagen.

Auf einem einstigen US-Armee-Gelände, Teil der Gemeinde Hoppstädten-Weiersbach ist nahe der Stadt Birkenfeld inmitten von Wiesen eine Hochschule entstanden, die tatsächlich ganz besonders ist. Besonders schrecklich für Leute, die sich gern im lauten urbanen Leben tummeln möchten. Und besonders reizvoll für all jene, die sich mit ökologischem Wirtschaften beschäftigen, vielleicht damit Geld verdienen wollen und das Leben auf einem überschaubaren Campus schätzen.

Zum dritten Mal zeichnet der Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung mit dem Start-up-Wettbewerb "Gipfelstürmer" die besten Gründer aus Deutschland aus. Die Ausschreibung läuft bis zum 31. August. Eine Jury aus Mitgliedern der SZ-Wirtschaftsredaktion wählt aus allen Bewerbern die sechs Finalisten aus. Diese werden im November am SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin teilnehmen und dort ihre Firma vorstellen. Die Teilnehmer des Gipfels küren den Sieger. Einzelheiten und Bewerbungen: www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer

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"Als normale Uni hätten wir an diesem Standort keine Chance", sagt Peter Heck, ein überzeugter, wenngleich unsentimentaler Grüner und, wenn man so will, Vorzeige-Professor der jwd-Uni, offiziell "Umwelt-Campus Birkenfeld" genannt. Stimmt. Betriebswirtschaft, Informatik, Maschinenbau, Pharma- und Umwelttechnik etc. pp. kann man an vielen Fachhochschulen der Republik studieren. Aber Birkenfeld ist eben anders. Der Ableger der Hochschule Trier gehört nicht nur zu den wenigen erfolgreichen deutschen Konversionsprojekten ehemaliger Militärstandorte. Er darf sich auch der Ehre rühmen, Deutschlands grünste Hochschule zu sein und selbst international in Öko-Sachen einen Spitzenplatz einzunehmen. Nachhaltigkeit wird hier gelehrt und gelebt.

Heck zeigt beim Spaziergang über das Gelände auf eigenartige Mulden zwischen den Gebäuden. Das sind keine Geländeverwerfungen, sondern Sickergruben. Regenwasser wir dort aufgefangen, gefiltert und für die Toilettenspülung der gesamten Anlage genutzt. "Kein Tropfen geht verloren", sagt Heck. Solartechnik findet sich allüberall. Aus Euro-Paletten bauen Studenten nebenbei ebenso ansehnliche wie bequeme Sitzmöbel. Heck ist Saarländer, Jahrgang 1962, studierte Bio-Geografie und Politik in Saarbrücken, hatte schon immer großes Interesse an Asien. Er promovierte in Harvard, weil seine Professorin dorthin gewechselt war. Heute ist er selbst Professor, lehrt angewandtes Stoffstrom-Management in Birkenfeld. Solche Fachleute wollen, kurz und unwissenschaftlich gesagt, Abläufe und Prozesse in Anlagen, Gebäuden und Einrichtungen optimieren, im besten Fall nachhaltig und gewinnbringend für Mensch und Natur gleichermaßen.

Wenn einer von 100 Absolventen eine Firma gründet oder in der Region bleibt, hat es sich gelohnt

Heck hat ein eigenes Institut, kurz IfaS genannt, mit 70 Mitarbeitern. Er ist auch der Drittmittel-König, der Mann also, der für die Hochschule Trier, mithin auch für Birkenfeld, Sponsorengelder bei Institutionen und Unternehmen einsammelt, ohne die heutzutage keine Hochschule mehr auskommt. In mancherlei Hinsicht ist der Saarbrücker Heck der passende Mann für den Campus.

Denn das Campus-Projekt war, wenn man so will, seinerzeit selbst eine Stoffstrommanagement-Herausforderung. Die US-Armee betrieb hier seit 1952 ein Militärkrankenhaus, später war es noch ein Reserve-Lazarett. Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges zogen die Amerikaner ab. Rheinland-Pfalz, reich an einstigen Militär-Arealen, hatte 44 Hektar weiteres Gelände zur freien Verfügung. Was tun? Die Region am Hunsrück ist nach dem Abzug der US-Army wirtschaftlich nicht gesegnet, strukturschwach, wie es heißt.

Junge Leute mussten zum Studium übersiedeln, die nächsten Adressen sind Trier, Mainz und Saarbrücken. Die, die fortgehen, kommen selten wieder. Wie wär's also mit einer Fachhochschule in der Natur, gleich um die Ecke? Die Jungen können bleiben, anschließend zu Hause arbeiten, vielleicht eine Firma gründen, Arbeitsplätze schaffen, mithin Wohlstand.

Janz weit draußen: Neubrücke, ein Ortsteil der Gemeinde Hoppstädten-Weiersbach in Rheinland–Pfalz. Hier ist eine Universität entstanden.

(Foto: ullstein bild)

Die Hoffnung auf Start-ups war und ist Teil des Gründungskonzepts. "Wir wollen junge Leute anlocken, in der Hoffnung, dass wenigstens einer von 100 eine Firma gründet oder als Fachkraft in der Region bleibt", sagt Heck. Bildung als Mittel gegen Abwanderung. Und ja, Birkenfelder Absolventen gründen Unternehmen, von einer Massenbewegung kann freilich nicht die Rede sein.

Heck sagt, sein Institut sei auch eine Art akademische Firmengründung, ein, wie er formuliert, "camoufliertes Start-up". Er hatte schon überlegt, ob er sich selbständig machen sollte, mit seiner universitären und außeruniversitären Arbeit. Er berät private und staatliche Institutionen in aller Welt in Sachen Stoffstrom-Management, darunter ein Luxushotel in China, Planer einer chinesischen Fachhochschule sowie einige afrikanische und deutsche Bürgermeister. Aber der Schritt in die Unabhängigkeit erschien ihm zu riskant. Viele Gelder internationaler Organisationen, darunter der Europäischen Union, flössen nicht immer zeitig und pünktlich, erklärt er seine Sorge: "Ich hab keine Lust auf ständige Verhandlungen mit Banken oder einem Insolvenzverwalter."

Also blieb er der akademischen Welt erhalten, müht sich, Öko-Ideen praktisch und bodenständig populär zu machen. Mit gefühlvollen Vorträgen über Krötenschutz könne man die Köpfe und Herzen der Fachhochschüler nicht gewinnen, sagt er. Bei ihm gibt es kein Projekt ohne Geschäftsplan. "Ich sag' denen: Geld könnt ihr auch mit grüner Ökonomie verdienen." Investition ist das Zauberwort: "Der Mensch investiert immer, in den Job, die Kinder, die Liebe, das Haus. Ich erzähle, wie man am besten in Ökologie investiert." Wer eine Leidenschaft für nachhaltige Transformationsprozesse hegt, ist in Birkenfeld an der richtigen Adresse. Heck sagt, Stoffstrom-Management mache süchtig. Er selbst ertappt sich dabei, dass er im Fernurlaub Klärwerke fotografiert.

Der Campus hat sich gut entwickelt. Man begann mit einigen wenigen hundert Studenten, heute sind es mehr als 2500. Und sie kommen nicht mehr nur aus der Region. Es ist internationaler geworden, wer über das Gelände bummelt, sieht überraschend viele Chinesen. Das sind Gaststudenten, die in ihrer Heimat die Hochschulreife, aber keinen Studienplatz bekommen haben. Sie lernen hier die deutsche Sprache und anderes, gegen stattliche Gebühr, versteht sich. Und können sich dann am Campus oder anderen Fachhochschulen um ein reguläres Studium bewerben.

Dieses Programm entstand in Kooperation mit einem weiteren besonderen Projekt. Eine chinesische Unternehmerin hat auf einem Teil des Areals ein Handelszentrum gegründet. Hunderte Kleinunternehmer aus dem Reich der Mitte leben dort und machen Geschäfte. Es gibt ein Lokal mit traditioneller chinesischer Küche, offen auch für die Studenten. Wer sich ansonsten amüsieren will, muss fahren, zumindest die paar Kilometer nach Birkenfeld. Bis Saarbrücken, Trier oder Mainz ist man deutlich länger unterwegs. Die jungen Leute machen aus der Not eine Tugend, irgendwo ist an den Abenden immer etwas los auf dem Gelände. Dennoch sind Fälle von Campus-Kollern bekannt. Manche sind froh, nach dem Examen in städtische Gefilde zu übersiedeln, insbesondere jene, die sich nicht sonderlich für Öko-Dinge interessieren. Für andere ist Birkenfeld ein Sprungbrett in große Karrieren. Heck verlor zu seinem Leidwesen schon einige Mitarbeiter an Unternehmen, die einem Stoffstrom-Experten Spitzengehälter zahlen und Dienstwagen stellen.

Und was wird aus Heck? Bleibt er? Abwechslung hat er genug, als Gastprofessor lehrt er regelmäßig in China und Taiwan, reist auch sonst viel in der Weltgeschichte herum. Es gebe nicht viel, was ihn locken könnte, sagt er. Na ja. Einmal sei er an der Universität in Cambridge zu Besuch gewesen. Tolle Sache. Die Hochschule dort sei schon sehr reizvoll.