Gipfelstürmer Das Glück in der Küche

Mit Pizza und Suppe erobern Start-ups wie Lizza und Little Lunch den hart umkämpften Platz in den Regalen des Handels - das setzt die angestammten Konzerne zunehmend unter Druck.

Von Silvia Liebrich, Frankfurt/Augsburg

Der Knethaken kämpft sich beständig durch den zähen Teig. Gut 100 Kilogramm Masse bewegt er, bis sie geschmeidig ist und zu Pizzateigplatten verarbeitet werden kann. Was hier in den Räumen einer alten Bäckerei in Frankfurt entsteht, ist gefragt: ein Bio-Pizzateig ohne Getreide, hergestellt aus Leinsamen und anderen Zutaten. Eine Mischung, die im Vergleich zu einer normalen Pizza kaum Kohlehydrate enthält und von den ehemaligen Bankern Matthias Kramer und Marc Schlegel entwickelt wurde.

Die Gründer haben das geschafft, wovon viele Start-up-Unternehmer träumen. Mit ihrer Firma Lizza ist ihnen ein Volltreffer gelungen. Noch keine zwei Jahre ist es her, da haben sie ihre ersten Teigpakete mit der Post an Kunden verschickt. In diesem Jahr rechnen sie bereits mit einem Umsatz von fünf Millionen Euro. Mit inzwischen 42 Mitarbeitern erzielen sie sogar Gewinn. Der kalorienarme Pizzateig hat es in kurzer Zeit in die Supermarktregale geschafft.

Die Brüder Daniel und Denis Gibisch setzen mit Little Lunch auf traditionelle Gerichte. Tomaten- und Kürbissuppe in Bioqualität gehören zu den am häufigsten verkauften Sorten.

(Foto: Johannes Simon)

Dieser Sprung ist auch dem Augsburger Start-up Little Lunch gelungen, mit Biosuppen. Um den Start zu finanzieren, sprachen die Gründer, die Brüder Daniel und Denis Gibisch, zunächst bei den Banken vor. Ohne Erfolg. "Wenn du nicht mit einer tollen App daherkommst, sondern mit einer Suppe, gibt es lange Gesichter, uncooler geht es für die kaum", erzählt Daniel Gibisch. Die Suche nach Geldgebern war schwierig, trotzdem ließen sie sich nicht beirren. Der Erfolg gibt ihnen recht. Drei Jahre nach der Gründung steuert Little Lunch mit 19 festen Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von 14 Millionen Euro zu.

Jeder Zentimeter im Ladenregal muss hart erkämpft werden

Start-ups wie Little Lunch und Lizza verändern die Lebensmittelbranche und den Handel in rasantem Tempo. Sie entwickeln neue Gerichte und Getränke, bieten zudem ausgefeilte Dienstleistungen rund ums Essen an und vermarkten ihre Produkte geschickt über das Internet, am traditionellen Handel vorbei. Sie dringen damit in ein Geschäft vor, das bislang vor allem Konzerne, alteingesessene Hersteller und Handelsketten dominieren. Ein Umfeld, in der jeder Zentimeter im Ladenregal erkämpft werden muss. Doch gerade jungen Firmen gelingt offenbar, womit sich die Großen schwertun: Sie sind schnell und innovativ, sie setzen Trends - und die Platzhirsche unter Druck. Das verändert die Branche.

Für ihre Vision gaben die Lizza-Gründer gut bezahlte Jobs bei einer großen Bank auf. Angefreundet haben sie sich bei der Arbeit. Schnell waren sie einig, dass sie zusammen etwas aufbauen wollen. Viele Ideen wurden gesammelt und verworfen, das Pizzaprojekt entstand zufällig. Bei ihren Treffen stand Pizza oft auf dem Tisch. Matthias Kramer hat das Rezept selbst entwickelt, weil er sich gesund ernähren wollte. "Freunde haben gesagt, warum macht ihr nicht das? Schmeckt doch super", erzählt der 32-jährige Informatiker.

Ein neuartiges Produkt ist die Low-Carb-Pizza von Marc Schlegel und Matthias Kramer, Gründer des Start-ups Lizza.

(Foto: )

Dann haben sie einfach losgelegt. Erst neben dem Job, mit einem Stand auf Wochenmärkten. "Aus dem Spaß wurde schnell ein 70-Stunden-Job", sagt sein Geschäftspartner Marc Schlegel, der in der Schweiz BWL und Internationales Management studiert hat. "Manchmal, beim Schüsselnputzen, habe ich mich schon gefragt: Was machst du hier eigentlich mit deinen zwei Diplomen aus St. Gallen?" Ein Auftritt in der Vox-Start-up-Show "Die Höhle des Löwen" brachte schließlich den Durchbruch. "Wir haben mit 5000 Bestellungen gerechnet, es kamen 23 000. Eineinhalb Monate wurde rund um die Uhr gebacken, um das abzuarbeiten", sagt Schlegel. Mit den Start-up-Investoren Carsten Maschmeyer und Frank Thelen gewannen sie durch die Show wichtige Geldgeber. Viel Zeit und Energie investieren die Gründer, um die Aufmerksamkeit im Netz zu steigern, viele Kunden bestellen online direkt beim Start-up.

Zwei Kilometer Luftlinie entfernt von der Backstube, in Frankfurt-Niederrad, liegt die Deutschlandzentrale von Nestlé. Auch beim größten Lebensmittelkonzern der Welt haben sie verstanden, wie wichtig die Internetpräsenz ist. Über den Schreibtischen im Medienzentrum im Erdgeschoss hängen große Bildschirme, auf denen die meistgesuchten Begriffe im Netz und Nachrichten aufpoppen. Der Konzern bietet unter anderem interaktive Chats rund ums Kochen an. Wer will, kann sich erklären lassen, wie man eine Mango schält oder Reis zubereitet. Dabei immer im Fokus: das Werben für eigene Produkte.

(Foto: )

Béatrice Guillaume-Grabisch, Deutschlandchefin von Nestlé, beobachtet genau, was sich in der Start-up-Szene tut. Der Konzern betreibt eigens dafür auch eine Außenstelle im Silicon Valley (Bericht rechts). Dabei gehe es weniger darum, Übernahmekandidaten zu prüfen. "Wir sind vor allem an Zusammenarbeit mit innovativen Firmen interessiert, die uns helfen, neue Technologien zu nutzen und unsere Produkte besser zu vermarkten", sagt Guillaume-Grabisch.

"Klar wollen wir irgendwann verkaufen, das ist das Ziel jedes Start-ups", sagt Denis Gibisch von Little Lunch. Doch dafür sei es noch zu früh, auch wenn es erste Anfragen schon gebe. Noch seien sie nicht am Ziel. Für 2017 visiert Little Lunch einen Absatz von mehr als sieben Millionen Suppen an, im nächsten Jahr sollen es zwölf Millionen sein. Derzeit arbeiten er und sein Bruder Daniel an der Expansion in Nachbarländer. Außerdem wollen sie ihre Position im Einzelhandel festigen. "Am Anfang steht man bei Rewe und Co. unter Welpenschutz, sobald die Drehzahlen aber sinken, fliegt man sofort raus", sagt Daniel Gibisch. Der Verdrängungswettbewerb im Handel ist brutal. Mit dem Münchner Senf- und Soßenhersteller Develey haben die Gibisch-Brüder ab September einen erfahrenen Partner gefunden, der beim Vertrieb im Handel hilft.

Auch die Lizza-Gründer wollen ihr Unternehmen erst einmal weiter aufbauen. "Unser Ziel war nie: Lass uns schnell was aufbauen, um es dann für viel Geld an Nestlé oder einen anderen Konzern zu verkaufen", meint Schlegel. "Auch ein Börsengang brächte viel Knechtschaft mit sich. Wir wollen machen, was wir für richtig halten und was uns glücklich macht."