Angestellte bei Fremdfirmen Gewerkschaften geißeln Werkverträge als Lohndrückerei

Unternehmen vergeben immer mehr Aufgaben an Fremdfirmen. Deren Angestellte werden oft mit Werkverträgen beschäftigt - und verdienen deshalb weniger. Eigentlich sollte das Modell Arbeitsplätze sichern, aber jetzt geißeln Gewerkschaften es als Lohndrückerei.

Von Thomas Öchsner

Sie räumen Regale bei Rossmann ein oder montieren Achsen für den Porsche Cayenne. Sie zerlegen bei Großschlachtern wie Tönnies Schweine oder laden im Europalager bei Ikea in Dortmund nachts Container ab - und haben eines gemeinsam: Als Werkvertragsbeschäftigte sind sie nicht bei Rossmann, Porsche, Tönnies oder Ikea angestellt, sondern bei einem Subunternehmen, das nur Billiglöhne bezahlt und seinerseits "je Werk", also für eine bestimmte Leistung, honoriert wird. An solche Fremdfirmen vergeben die Unternehmen immer mehr Aufgaben. Werkverträge sind für die Gewerkschaften zum neuen Billiglohn-Modell in Deutschland geworden.

Auch wer bei Rossmann Regale einräumt, ist oft mit einem Werkvertrag bei einer Fremdfirma beschäftigt.

(Foto: ddp)

Werkverträge werden zunehmend in Industriebetrieben eingesetzt, um die Lohnkosten zu drücken. Stammbelegschaften werden dadurch reduziert und durch Beschäftigte von Werkvertragsunternehmen ersetzt", sagt IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel. Amtliche, bundesweite Zahlen gibt es darüber nicht. Eine Umfrage unter den Betriebsräten der Stahlindustrie deutet aber darauf hin, dass sich dieses Phänomen ausbreitet.

Auch Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), macht sich deshalb Sorgen: In der Schlachtindustrie sind bis zu 80 Prozent der Beschäftigten aus Subunternehmen, häufig aus Rumänien. "Ein Vorarbeiter beaufsichtigt dann eine Schar von Werkvertragsarbeitnehmern, die teilweise unter extrem schlechten Bedingungen und für Hungerlöhne arbeiten", kritisiert Möllenberg.

Auf dem Bau gibt es Werkverträge schon lange. "Viele Großbaufirmen haben einige hundert eigene Leute und stocken nach Bedarf um den Faktor fünf bis zehn mit Werkvertragsbeschäftigten auf", sagt Frank Schmidt-Hullmann, Abteilungsleiter bei der IG BAU. Der Mindestlohn, der in fast allen Gewerken am Bau gilt, werde dabei häufig mit Tricks umgangen, was für die Kontrolleure vom Zoll nur schwer nachzuweisen sei.

Nun lehnen die Gewerkschaften Werkverträge nicht generell ab, wenn sie für Arbeiten vergeben werden, die einmalig oder nur ab und zu anfallen, sodass sich eigenes Personal nicht lohnt. "In manchen Fällen kann die Auslagerung bestimmter Geschäftsbereiche Arbeitsplätze erhalten oder sogar neu schaffen", heißt es bei der IG Metall. Doch inzwischen setzten Unternehmen, die Leiharbeiter aufgrund von Vereinbarungen mit der Gewerkschaft gleich gut bezahlen, "gleichzeitig Werkvertragsunternehmen ein, die niedrigere Löhne zahlen", sagt Wetzel. Auch arbeitgebernahe Arbeitsrechtler propagieren Werkverträge "als Alternative zur regulierten Zeitarbeit". Denn dort gibt es jetzt Mindestlöhne. Außerdem sind Zeitarbeiter durch ein neues Gesetz nun besser geschützt.

Wie das neue Billiglohn-Modell funktioniert, lässt sich am besten im Einzelhandel studieren. Dort unterstützen 120 Subfirmen mit 350.000 Beschäftigten die Händler, vor allem beim täglichen Einräumen der Regale. Für viele von ihnen gilt seit 1. Mai ein Tarifvertrag. Abgeschlossen hat ihn auf Arbeitnehmerseite die DHV, die zum umstrittenen Christlichen Gewerkschaftsbund gehört. Er garantiert Regaleinräumern einen Brutto-Stundenlohn von sechs Euro im Osten und 6,50 Euro im Westen. Zeitarbeiter erhalten längst mehr Geld. Und in den Einzelhandelstarifen ist für solche körperliche Arbeiten fast das Doppelte fällig. Konkurrent Verdi spricht von einem "Gefälligkeitstarifvertrag". Die Bundesregierung sieht bei den Werkverträgen "keinen Handlungsbedarf".