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Gewerkschaften:Die Streikhanseln

Pilotenstreik - Frankfurt

Lufthansa-Maschinen in Frankfurt am Main: Kein Lufthansa-Kunde weiß, ob er sich auf eine Buchung verlassen kann.

(Foto: dpa)

Noch ist nicht bekannt, wann Piloten und Lokführer das nächste Mal streiken, aber gewiss ist: Sie nerven beide. Sie sind Weltmeister darin, aus einem normalen Konflikt einen Großkonflikt zu machen. Selbst schuld, wenn jetzt der Gesetzgeber eingreift.

Kommentar von Detlef Esslinger

Immer diese Lokführer, immer diese Piloten. Noch ist nicht bekannt, wann sie das nächste Mal streiken werden, wann die einen, wann die anderen, aber gewiss ist: Sie nerven beide schon durch die Ankündigung, es sehr bald wieder zu tun. Kein Bahn- und kein Lufthansa-Kunde weiß, ob er sich auf eine Buchung verlassen kann, und niemand zählt mehr, zum wievielten Mal eigentlich Millionen Menschen sich von ein paar Zehntausend Streikhanseln diktieren lassen müssen, ob sie pünktlich nach Hause oder zu ihrem Termin kommen. Dürfen Lokführer und Piloten das?

"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will", so lautet ein Vers aus dem "Bundeslied", das der Dichter Georg Herwegh im Jahr 1863 als Hymne für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein schrieb, den Vorgänger der SPD. Der Vers beschreibt nicht nur buchstäblich die Macht, die ein Lokführer auch 150 Jahre danach noch hat. Er deutet auch an, warum manche Konflikte in der Arbeitswelt so verbissen ausgetragen werden - und die Kontrahenten dabei beileibe nicht nur Gewerkschaften auf der einen Seite und Arbeitgeber auf der anderen sind.

Ende einer Epoche

Die Epoche ist nämlich zu Ende, in der Arbeitgeber sich bei der Gegenseite auf ein ganz bestimmtes Verständnis von Solidarität verlassen konnten: dass sich die Arbeitnehmer einer Branche oder zumindest eines Unternehmens in ihrer Gesamtheit zusammenschließen und pauschale Forderungen gegen den Arbeitgeber stellten - "dass auch 'die Starken' solidarisch mit den weniger Durchsetzungsfähigen sind", wie es der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Alexander Kirchner, gerade erst wieder formuliert hat.

Der Satz ist ebenso sympathisch, wie er allmählich nostalgisch wird. Ja, das bleibt ein hehrer Gedanke, dass sich der unentbehrliche Lokführer beim entbehrlichen Fahrkartenverkäufer unterhakt und gemeinsam mit ihm fürs selbe Ziel kämpft. Es ist eine Situation, die auch für den Arbeitgeber, die Deutsche Bahn, immer sehr praktisch war: Er führt einmal im Jahr Tarifverhandlungen für all seine Beschäftigten, und danach ist Ruhe. Was aber, wenn der Lokführer sich nicht mehr unterhaken will?

Wie man aus einem Konflikt den Großkonflikt macht

Die Lokführer und die Piloten sind ja nicht die Einzigen, die auf gemeinsame Tarifverhandlungen mit ihren Kollegen keinen Wert mehr legen. Manche befürchten, dass ihre speziellen Probleme in dieser Konstellation untergehen; anderen gefällt das Lebensgefühl nicht, dass manche Repräsentanten einer Großgewerkschaft ausstrahlen; viele schätzen es möglicherweise, dass die Mitgliedsbeiträge in der Berufsgewerkschaft niedriger als in der Großorganisation sind. Also haben sie sich in der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), der Vereinigung Cockpit, der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) oder (als Ärzte) im Marburger Bund zusammengetan.

Für Arbeitgeber hat das mitunter nicht nur die Konsequenz, dass sie permanent mit irgendwelchen Tarifverhandlungen beschäftigt sind - sondern auch, dass sie in Verhandlungen stecken, die viel konfliktreicher verlaufen als die mit Verdi, der EVG oder der IG Metall; den großen Branchengewerkschaften also. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat 2013 in einer empirischen Studie nachgewiesen, dass Berufsgewerkschaften öfter die jeweils nächste Eskalationsstufe (Streikdrohung, Warnstreik, Urabstimmung und so weiter) zünden als Branchengewerkschaften.

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