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Gespräch mit Richard Sennett:"Amerika im Niedergang"

SZ: Was meinen Sie damit konkret?

Der Soziologe Richard Sennett:"Jetzt werden die Menschen gewahr, dass sie sich getäuscht haben."

(Foto: Foto: oH)

Sennett: Sowohl Senator John McCain als auch seine Partnerin Sarah Palin repräsentieren die Sehnsucht nach einer vergangenen, wohlbekannten und sicheren Welt. Dagegen sind sich sehr viele Demokraten der Tatsache bewusst, dass die Dinge falsch laufen, dass die Arbeitnehmer geschwächt sind, dass einige Konsummuster selbstzerstörerisch sind. Es ist nur noch nicht klar, was sie mit dieser Erkenntnis tun werden.

SZ: Inwiefern sind die Arbeitnehmer geschwächt? Die Arbeitslosigkeit in den USA ist niedriger als in Deutschland.

Sennett: Einer der Gründe, weshalb die Statistik so aussieht, ist die Tatsache, dass hier die beinahe 1,5 Millionen Menschen in den Gefängnissen nicht mitgerechnet werden, ebenso wenig wie jene, die nur Teilzeit arbeiten. So entsteht ein falsches Bild. Der entscheidende Punkt sind die Fertigkeiten: Ein Lehrer kann Ihnen sofort die Unterschiede zwischen dem Absolventen einer guten High School und einem deutschen Abiturienten sagen. Nach einer Faustregel brauchen High-School-Absolventen ein bis zwei Jahre, um zu ihren europäischen Altersgenossen aufschließen zu können. Weiter unten sieht es noch viel schlechter aus. Unsere Unternehmen haben zu wenig Anreize, ihre Mitarbeiter weiterzubilden. Die kaufen die Arbeit dort ein, wo sie sie finden können, sie investieren nicht in Mitarbeiter. 40- und 50-Jährige werden oft an den Rand gedrängt, weil sich niemand die Mühe macht, sie auf den neuesten Stand zu bringen. Das ist der Unterschied zwischen der amerikanischen und der japanischen Autoindustrie. Manchmal ärgere ich mich über Deutsche, die sich über die "Dummheit" der amerikanischen Arbeiter auslassen...

SZ: ... so etwas sagt man in Deutschland wirklich?

Sennett: Ja, ganz oft. Aber die Amerikaner sind nicht dümmer, sie haben nur keine Weiterbildungsmöglichkeiten.

SZ: Aber machen die Amerikaner diesen Mangel nicht durch Innovation wett?

Sennett: Ein paar wenige Spitzenfirmen tun das. Wall Street und Silicon Valley geben aber ein falsches Bild. Die durchschnittliche US-Firma ist nicht innovativ und ziemlich unbeweglich im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Dies lässt sich in der Fähigkeit der Amerikaner zum Export messen, die in den vergangenen zehn Jahren erodiert ist. Die deutschen und andere europäische Exportunternehmen werden dagegen immer innovativer und flexibler. Nokia ist innovativ, Microsoft hat nur ein Monopol.

SZ: Eine Konsequenz in den USA scheint wachsender Protektionismus zu sein.

Sennett: Damit wird das Problem auf eine moralisierende Ebene gehoben: Wenn die Chinesen besser sind, dann kann das nur daran liegen, dass sie unfair spielen. Aber diese Moralisiererei dürfte in sich zusammenfallen. Selbst wenn die chinesische Währung freigegeben würde, würde das den Amerikanern nicht viel helfen, weil die Chinesen ihre Waren woanders einkaufen.

SZ: Wird das Gefühl für die Krise von den Amerikanern geteilt?

Sennett: Ich führe seit 15 Jahren Interviews mit Arbeitern. Dabei zeigt sich immer mehr eine tiefe Verunsicherung über die Zukunft der Arbeitsplätze. Diese Verunsicherung taucht in keiner Statistik auf. Ja, die Menschen sind sich der Krise bewusst, aber sie haben noch keinen Namen dafür.

SZ: Ändern die Menschen ihr Konsumverhalten?

Sennett: Nein, und das ist Teil des Problems. Es gibt ein sehr amerikanisches Verhaltensmuster: Bist du unglücklich, geh einkaufen.

Lesen Sie weiter, warum die große Masse zu scheitern droht.

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