bedeckt München 22°

Gesellschaft:Deutschland ist heute so ungleich wie 1913

Forscher rund um Bestseller-Autor Thomas Piketty warnen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich überall auf dem Globus größer wird - das könne katastrophale Folgen haben.

Von Alexander Hagelüken

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung in Deutschland tief in Arm und Reich gespalten. Die Jahrzehnte der Industrialisierung hatten Arbeitern zwar höhere Löhne beschert, Gutverdiener aber reich gemacht. 1913 entfielen auf die obersten zehn Prozent der Haushalte gleich 40 Prozent aller Einkommen, so eine neue Studie. Die Pointe: Weil sich das Land nach Dekaden der Annäherung jetzt wieder deutlich gespalten hat, vereinnahmen die Bestverdiener inzwischen wieder einen genauso hohen Anteil vom Kuchen wie 1913. Anders gesagt: Deutschland ist heute so ungleich wie vor 100 Jahren.

Dieses Ergebnis steht im ersten "Weltreport über Ungleichheit". Verfasst hat ihn eine Forschergruppe um den Mann, der das Thema weltweit in die Schlagzeilen brachte: Thomas Piketty, Autor des Bestsellers "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Der französische Ökonom steht für pointierte Thesen. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass sein Team die deutsche Ungleichheit nach dem Einkommen der obersten zehn Prozent bemisst, wie es auch die OECD tut - statt Maße wie den Gini-Koeffizienten herauszustellen, die meist ein weniger scharfes Bild zeichnen.

Thomas Piketty

Thomas Piketty, 46, gelang 2014, was Ökonomen selten gelingt: ein Weltbestseller. "Das Kapital im 21. Jahrhundert" diagnostiziert wachsende Ungleichheit - und setzte ein Thema, das Ökonomen lang ignoriert hatten.

(Foto: Bart Maat/dpa)

Die Mittelschicht wurde "zusammengedrückt" - dieser Frust hat Folgen

Piketty geriet in die Kritik, weil die Kapitalrenditen, anders als in seinem Bestseller nahegelegt, zumindest im 20. Jahrhundert nicht flächendeckend stärker zunahmen als das Wirtschaftswachstum. Jetzt meldet sich der Ökonom schwungvoll zurück, und nicht nur er: Mehr als 100 Wissenschaftler trugen zum öffentlichen Portal wid.world bei, das eine "demokratische Lücke füllen" soll: "Wachsende Ungleichheit, sofern sie nicht adäquat angegangen wird, kann zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Katastrophen führen."

Die Daten zeigen erstmals, dass die Ungleichheit der Einkommen seit 1980 in fast allen Weltregionen zunahm, besonders rasant in Nordamerika, China, Indien und Russland (siehe Grafik). Während im Westen eine Phase egalitärer Politik seit dem Zweiten Weltkrieg endete, wurden ungleiche Gesellschaften in Südamerika, Afrika oder im Nahen Osten noch ungleicher.

Ja, die Globalisierung brachte auch unten Gewinner hervor: Durch das Wachstum in China und Indien verdient die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung mehr. Ihr Anteil am globalen Einkommen stagniert trotzdem unter zehn Prozent. Die ein Prozent Topverdiener dagegen vergrößerten ihr Kuchenstück von 16 auf 20 Prozent - es handelt sich um gigantische Summen. Und Mittel- sowie Unterschichten in Nordamerika und Europa wurden in der Globalisierung "zusammengedrückt", wie die Autoren formulieren: Ihr Verdienst nahm nur schleppend zu - oder schrumpfte. Dieser ökonomische Frust wurde zuletzt oft für den Aufstieg der Rechtspopulisten in den USA und Europa verantwortlich gemacht.

Besonders extrem lief es in den USA, geprägt von massiven Unterschieden im Bildungssystem und von Steuersenkungen zugunsten der Wohlhabenden. Dort verdoppelte das reichste ein Prozent seinen Anteil am Gesamteinkommen auf 20 und am Vermögen auf 40 Prozent. Die Kluft nahm aber auch in Deutschland zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg verteilten sich die Früchte des Wirtschaftswunders noch stärker auf die gesamte Bevölkerung, so Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einer 60-seitigen Studie über Deutschland. Ab den 70er-Jahren kehrte sich der Trend um. Hatte die untere Hälfte der Gesellschaft ihren Anteil an allen Einkommen bis dann auf ein Drittel ausgedehnt, halbierte er sich bis heute.

Die oberen zehn Prozent dagegen steigerten ihren Anteil von ein Drittel auf 40 Prozent - jenen Löwenanteil, den sie vor 100 Jahren schon einmal kassierten. Bartels macht dafür mehrere Gründe aus: Mehr Niedriglöhner, weniger Macht der Gewerkschaften, Steuersenkungen am oberen Ende - und den Exportboom: "Die wirtschaftliche Elite profitiert stärker von Deutschland als Exportweltmeister als die übrige Bevölkerung." Einkommen aus Kapital würden immer wichtiger. Aber nur jeder zehnte Bundesbürger besitzt Aktien.

Wegen der Privatisierungen haben die Politiker nun weniger Spielraum zur Regulierung

So wie in Deutschland ist für Piketty & Co. auch weltweit die ungleiche Verteilung von Kapital Hauptursache der Ungleichheit. Dabei verfolgen sie ein neues Argument: Seit 1980 seien in Industrie- genau wie in Schwellenländern riesige Mengen an Staatsvermögen in private Hände transferiert worden. Während sich die privaten Vermögen nach Abzug von Schulden in den Industriestaaten auf 400 bis 700 Prozent des Nationaleinkommens verdoppelt hätten, habe der Staat netto kaum noch Vermögen. "In den vergangenen Jahrzehnten sind die Länder reicher geworden, aber die Regierungen sind verarmt. Dadurch haben die Regierungen weniger Spielraum zur Regulierung der Wirtschaft, zur Umverteilung von Einkommen und zur Bekämpfung der wachsenden Ungleichheit."

Die Autoren blicken nicht nur tief in die Vergangenheit, sondern auch weit in die Zukunft. Und die bringe noch mehr Ungleichheit. Setze sich der Trend vergangener Jahrzehnte fort, werde der Anteil der reichsten 0,1 Prozent am Weltvermögen im Jahr 2050 genauso hoch sein wie das Kuchenstück der globalen Mittelschicht. Für die Zukunft der Welt sei auch entscheidend, welches Modell die Länder einschlagen: Das extreme etwa der USA - oder die moderate Variante Europas (siehe Grafik).

Zu den Autoren des Weltreports zählen Forscher wie Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, die schon länger mit Piketty kooperieren. Sie unterbreiten eine ganze Reihe Vorschläge, wie sich Ungleichheit bremsen lässt, bevor sie politische und wirtschaftliche Verwüstungen anrichtet. So schlagen sie eine höhere Besteuerung der Einkommen und Erbschaften von Gutverdienern und Reichen vor, die zuletzt entlastet wurden - und es unter der neuen US-Regierung gerade wieder werden. Und: "Die Einführung eines weltweiten Finanzregisters, in dem Eigentum an Vermögenswerten aufgeführt wird, würde Steuerhinterziehung und Geldwäsche deutlich verringern und so die progressive Besteuerung, ein wichtiges Mittel zur Reduzierung der wirtschaftlichen Ungleichheit, erheblich effektiver machen", so Gabriel Zucman.

Außerdem fordern die Forscher gleichen Zugang zu Bildung, mehr betriebliche Mitbestimmung, angemessene Mindestlöhne - und staatliche Investitionen in Bildung, Gesundheit und Umweltschutz.

Ihre Botschaft: Politik kann etwas ausrichten - so wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer mag, findet auch in der Weimarer Republik eine - leider nur kurzfristige - Analogie. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Ungleichheit drastisch, als die Gewerkschaften großen Zulauf erlebten und SPD-Kanzler die Arbeitslosenversicherung einführten und den Spitzensteuersatz von fünf auf 60 Prozent erhöhten. "Die Weimarer Republik war ein Experimentallabor für Sozialpolitik", sagt Charlotte Bartels. Doch es war ein kurzer Traum. Ende der 20er-Jahre ließ die Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit explodieren und stärkte extreme Parteien. Die erste deutsche Demokratie wurde hinweggefegt, als die Nazis an die Macht gelangten.

© SZ vom 15.12.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite