Geschichten aus Griechenland "Am Samstag erwarten wir die Polizei"

Elias Tsolakidis

(Foto: Privat)

Am Sonntag stimmen die Griechen über ein neues Parlament ab. Vor der Wahl erzählen einige, wie sie ihr Land sehen. Elias Tsolakidis, 57, hat schon vor der Krise eine Bürgerbewegung ins Leben gerufen. Die SZ hatte ihn schon 2012 besucht. Hier schildert er, was sich seither getan hat.

Protokoll von Hans von der Hagen

Miserable ärztliche Versorgung

Ich habe zwei Heimatorte: Köln und Katerini. Da meine Familie in Katerini nahe Thessaloniki lebt, pendele ich zwischen beiden Ländern. In Katerini haben wir eine Bürgerbewegung gegründet, die vor allem jetzt in der Krise viele Menschen unterstützt. Es gibt einen sozialen Supermarkt, der kostenlos Lebensmittel abgibt. Und es gibt eine Arztpraxis.

Die medizinische Versorgung ist dermaßen schlecht geworden, dass sich selbst Notärzte und Mediziner aus dem staatlichen Krankenhaus fehlendes Material bei uns holen. Außerdem gibt es die Bewegung "Ohne Zwischenhändler", die es allen Interessierten ermöglicht, wichtige Lebensmittel und auch Dinge wie Waschmittel direkt beim Produzenten zu besorgen.

51 Mal haben wir einen solchen Direktverkauf auf einem Platz in Katerini organisiert. Ehrenamtlich. Die Leute haben daher nur halb so viel bezahlt wie im Supermarkt. Das haben so viele Menschen genutzt, dass die Regierung den Direktverkauf im vergangenen Sommer verboten hat.

Auch die lokalen Abgeordneten von der Nea Dimokratia stimmten für das Verbot. Dabei hatten sie zuvor noch im Parlament stolz berichtet, wie perfekt sich die Bürger in ihrer Wahlregion organisiert hätten. Sie haben uns sogar ins Parlament nach Athen eingeladen, damit wir den Abgeordneten davon erzählen sollten.

Wut auf die Oligarchen

Wir akzeptieren das Verbot nicht und machen weiter. Am Samstag erwarten wir die Polizei, die übrigens früher auch bei uns einkaufte. Sie hat angedroht, dass der Produzent verhaftet und seine Ware beschlagnahmt werde. Außerdem müsse er 5000 Euro Strafe zahlen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurden etwa 80 ähnliche Organisationen in Griechenland gegründet.

Wahrscheinlich haben sich auch in diesem Fall die Oligarchen beschwert, weil den Supermärkten zu viel Geschäft entgeht. Und die Regierung macht alles für die Superreichen. Wie kann es sein, dass in Griechenland bestimmte Schichten überhaupt nicht von der Krise betroffen sind? Jeder Rentner muss Steuern entrichten, aber die privaten Fernsehsender zahlen keinen Cent für die Nutzung der staatlichen Frequenzen. Die aktuelle Regierung hatte große Chancen, etwas zu verändern. Aber sie hat sie nicht genutzt. Nun wird hoffentlich Syriza gewinnen und uns unterstützten. Diese Partei funktioniert anders als die anderen. Vielleicht hilft das auch gegen die Oligarchen.