Deutsche und andere europäische Unternehmen in China bekommen die Folgen der Coronavirus-Epidemie deutlich zu spüren. "Die Auswirkungen sind insgesamt schlimm", stellten die deutsche und die europäische Handelskammer in China nach einer gemeinsamen Umfrage unter ihren Mitgliedsunternehmen fest, an der insgesamt 577 Mitgliedsunternehmen beider Handelskammern teilnahmen.
Fast 90 Prozent der Firmen berichteten von "mittelschweren bis starken Auswirkungen" durch die Lungenkrankheit. Die Hälfte der befragten Unternehmen müsse jetzt ihre Geschäftsziele für das Jahr anpassen. Wegen der Krise erwarte fast jede zweite Firma Umsatzeinbrüche mindestens im niedrigen zweistelligen Prozentbereich in der ersten Hälfte des Jahres - ein Viertel der Unternehmen rechne sogar mit mehr als 20 Prozent Rückgang beim Umsatz.
China führt derzeit einen fast unmöglichen Balanceakt durch mit divergierenden Zielen: Zum einen versuche die Führung in Peking die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen, zum anderen solle die Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität gelingen, sagt Stephan Wöllenstein, Chef der Deutschen Auslandshandelskammer in Peking. Besonders kleine Unternehmen seien nun auf die Unterstützung der Regierung angewiesen, bis sich der Betrieb wieder normalisiere. Im schlimmsten Fall drohten sonst Insolvenzen, weil Unternehmen das Geld ausgeht. Bislang ist die Wirtschaft jedoch von Normalität weit entfernt.

"China ist unser größter Handelspartner weltweit. Auf die Volkswirtschaft entfielen zuletzt rund 8,5 Prozent des gesamten deutschen Außenhandels. Die Unsicherheit über die Auswirkungen des Virus ist groß. Der Konjunktur drohen spürbare negative Effekte", warnt Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). "Die Corona-Epidemie ist ein Stresstest für die Wirtschaft, den einige Lieferketten mit starkem China-Fokus derzeit nicht bestehen."
54 Prozent der Unternehmen gaben in der Umfrage an, dass die Nachfrage eingebrochen sei. 46 Prozent beklagten sich über Zulieferengpässe, die Logistik sei ein Albtraum. Zudem habe man enorme Schwierigkeiten, das Personal an den Arbeitsplatz bringen. Nicht genügend Arbeiter am Band, kaum jemand in den Büros. Verursacht wird das vor allem durch die langen Quarantänezeiten, die viele Mitarbeiter absitzen müssen. Egal, ob sie aus einer besonders betroffenen Region zurückgekehrt sind oder aber gar aus dem Ausland, aus Staaten etwa, in denen bislang nicht ein einziger Coronavirus-Fall registriert worden ist. Für Pendler, die täglich Provinzgrenzen überqueren, sei es zudem beinahe unmöglich geworden, zu arbeiten. Dienstreisen innerhalb des Landes seien praktisch ausgeschlossen, monierten die Unternehmen.
Die Hälfte der befragten Firmen kritisierte uneinheitliche Vorschriften in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Behörden, die sich häufig und auch kurzfristig änderten. "Der Kampf gegen das Coronavirus hat einen Flickenteppich widersprüchlicher Regeln hervorgebracht", beklagt sich Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Das Land sei derzeit wie im Mittelalter in Hunderte Kleinstaaten zerfallen, deren unterschiedliche Auslegung von Gesetzen es unmöglich mache, Waren, aber auch Menschen in China zu bewegen, sagt Wuttke. Er selbst ist davon betroffen und befindet sich deshalb gerade in Deutschland - länger als geplant. Bei seiner Rückkehr nach Peking drohen auch ihm 14 Tage Selbstquarantäne. Zwei Wochen ohne Termine, ohne Konferenzen und ohne Reisen. Die neue Normalität in China.