Mund- und Fußmaler Das Geschäft mit dem Mitleid

(Foto: Links: Reinhard Melzer; Mitte, v.o.n.u.: Waldemar Merz, Petra Wenig, Lars Höllerer; Rechts, v.o.n.u.: Antje Kratz, Thomas Kahlau; MFK Mund- und Fußmalende Künstler Verlag GmbH)

Kurz vor Weihnachten verschickt der Verlag der mund- und fußmalenden Künstler wieder seine Karten. Doch hinter der Fassade der Wohltätigkeit steckt ein weltweites Unternehmen. Die Spuren reichen bis nach Panama.

Von Uwe Ritzer, München/Vaduz

Alle Jahre wieder: ein Umschlag mit sieben Karten, sechs Geschenkanhängern und einem Taschenkalender. Bedruckt mit Weihnachtsmalerei, für 10,95 Euro. Wer nicht zahlt, darf trotzdem alles behalten. Der Absender bietet auch große Kalender, Puzzles und Bücher an; Bestellschein und Überweisungsträger liegen bei. Ebenso ein Brief. "Verehrter Kunstfreund", beginnt er, "wir sind Künstler, die mit dem Mund oder Fuß malen, weil uns der Gebrauch der Hände infolge Krankheit, Unfall oder von Geburt an genommen ist." Dank einer "eigenen Selbsthilfeorganisation" aber sei es "uns möglich, mit dem Malen unseren Lebensunterhalt selbst zu verdienen."

Rechtzeitig vor Weihnachten, wenn viele Menschen besonders barmherzig und freigebig sind, wird der Bettelbrief verschickt, mutmaßlich millionenfach. Absender ist der "MFK Mund- und Fußmalende Künstler Verlag GmbH" in Stuttgart. Anrührende Fotos zeigen Maler mit Pinseln zwischen Zähnen oder Zehen; darüber steht "Selbsthilfe und Wohltätigkeit". Was selbstlos und sozial, mitleiderregend und bewundernswert daherkommt, ist in Wahrheit ein ebenso riesiges wie undurchsichtiges Geschäft. Dessen Fäden laufen in Liechtenstein zusammen, jahrzehntelang diskreter Zufluchtsort von Geldwäschern, Steuerbetrügern und Finanzkriminellen aus der ganzen Welt. Bei den Geschäften mit den mund- und fußgemalten Bildern spielt ein Mann mit seinem Umfeld eine zentrale Rolle, den man in Deutschland aus Steuerskandalen und der CDU-Parteispendenaffäre gut kennt: der Treuhänder Herbert Batliner.

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Aus einem vierstöckigen Haus in einer ruhigen Nebenstraße der Liechtensteiner Gemeinde Schaan heraus betreibt die Vereinigung der mund- und fußmalenden Künstler (VDMFK) ein globales Malerei-Geschäft. In das Handelsregister des Fürstentums als Verein eingetragen, ist sie tatsächlich ein weltweites Unternehmen. Aktiv in 46 Ländern, mit Tochterfirmen wie dem MFK-Verlag und einem Geflecht aus fragwürdigen Beteiligungsgesellschaften. Wie jene VDMFK International Corporation mit Sitz in Panama, deren Unverzichtbarkeit für das soziale Tun sich nicht unbedingt sofort erschließt.

"Wer glaubt, er unterstützt hier mit seinem Geld eine anerkannt mildtätig-karitative Organisation, der ist auf dem Holzweg, dafür ist die VDMFK definitiv die falsche Adresse", sagt Burkhard Wilke, Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). "Alles klingt uneigennützig, mildtätig und fürsorglich, dabei stehen knallharte wirtschaftliche Interessen dahinter." Die VDMFK erklärt auf Nachfrage, "seit ihrer Gründung" sei sie "ein Wirtschaftsunternehmen und eine deklarierte Selbsthilfeorganisation".

Sie sammle keine Spenden; Geschäftsmodell sei der "Verkauf von Produkten, die auf den Gemälden der Mund- und Fußmaler basieren". Auf ihrer Homepage findet sich, wenn auch etwas versteckt, ein ähnlicher Hinweis. Vornehmlich suggeriert wird jedoch etwas anderes. "Die ganze Wortwahl, insbesondere auf den Internetseiten, ist geeignet, den unzutreffenden Eindruck zu erwecken, dass es sich um eine mildtätige oder gemeinnützige Organisation handelt", ist Wilke überzeugt.

Auffallend oft fielen Begriffe wie "Selbsthilfeorganisation", "fürsorglich" oder "unabhängig". Bei Menschen ohne juristische Bildung, so Wilke, könne das einen falschen Eindruck erwecken. "Das ist nicht seriös", sagt er. Mit den Vorwürfen konfrontiert, kontert die VDMFK, sie sehe "keinerlei Veranlassung, sich dafür zu rechtfertigen, dass die Werke ihrer Künstler weltweit offenbar großen Anklang finden und es gelungen ist, ein wirtschaftliches Modell zu etablieren, das daraus erfolgreich Nutzen zieht".

Der Ruch allerdings, mit raffinierter Täuschung Gutgläubiger ordentlichen Reibach zu machen, haftet ihr seit der Gründung in Liechtensteins Hauptstadt Vaduz am 28. Februar 1956 an. Damals schon dabei: Herbert Batliner. Er arbeitete jahrzehntelang eng mit dem eigentlichen Initiator Erich Stegmann zusammen, einem bayerischen Mundmaler, der bis zu seinem Tod 1984 als VDMFK-Präsident amtierte. Süffisant schrieb der Spiegel bereits 1965, Stegmann habe die Neigung "zahlloser Bundesbürger, mit obligaten Weihnachtsgrüßen ein gutes Werk zu verbinden", zu einem stattlichen Vermögen verholfen. "Er besitzt seine Villa und nebst anderen Wagen einen Mercedes-Benz 600 in Pullmannausführung".

Einer, der das VDMFK-Gebaren schon lange kritisch beurteilt, ist Otto Dobbeck. Bereits vor 20 Jahren habe sie sich "in einer Grauzone" bewegt, sagt der Hamburger Rechtsanwalt, der damals für Pro honore arbeitete, einen Verein für seriöses Wirtschaften. "Die Mitleidswerbung war täuschend", sagt Dobbeck. "Es ging immer ums Geschäft und darauf wurde das Etikett 'behindert' draufgeklebt." Das eigentliche Problem aber sei gewesen: "Das Geld nahm verschlungene Wege, die kein Mensch nachvollziehen konnte."

Das ist immer noch so. "Die VDMFK hat nicht ansatzweise die Finanztransparenz gegenüber der Öffentlichkeit, die bei seriösen, mildtätigen Organisationen inzwischen zum guten Ton gehört", sagt DZI-Chef Wilke. Schweigen ist Geschäftsprinzip, festgeschrieben in den Vereinsstatuten, die andernfalls sogar mit dem Liechtensteiner Staatsschutzgesetz drohen. Folglich blockte die Organisation auch SZ-Fragen nach Einnahmen, Rücklagen, Vermögen, laufenden Kosten und Zuwendungen an das eigene Führungspersonal ab. Als "privatwirtschaftliches Unternehmen" mache man dazu keine Angaben. Nur so viel: Jedes sogenannte Vollmitglied erhalte monatlich 6500 Schweizer Franken, umgerechnet etwa 5750 Euro. Aktuell firmieren nach eigenen Angaben 74 der insgesamt 790 VDMFK-Angehörigen als Voll- und 57 weitere als assoziierte Mitglieder. Daneben gibt es Stipendiaten.