Immobilienskandal:Nur Fassade

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Heruntergekommenes Gebäude in Berlin: Die German Property Group sammelte viel Geld bei Anlegern ein, um alte Immobilien zu sanieren. Das angeblich so sichere Geschäftsmodell wurde für viele Sparer zum Fiasko. (Foto: Rudolf Gigler/imago)

Ermittler ohne Schwung, ein angeblich kooperativer Beschuldigter, verzweifelte Anleger: In der Affäre rund um die German Property Group gab es nun die erste Razzia.

Von Klaus Ott und Uwe Ritzer und Jörg Schmitt, München/Hamburg

Ein kleiner Ort auf dem platten Land in Niedersachsen, in der Nähe von Hannover, nicht einmal 900 Menschen leben hier. Das repräsentative Haus, in dem die Razzia stattfand, steht mitten im Dorf an einer Kreuzung mit der Hauptstraße; ein ehemaliger Bauernhof aus roten Klinkersteinen mit hübschen, weiß gestrichenen Fensterrahmen. Trotzdem bekam kaum jemand etwas mit, als am Mittwoch voriger Woche Polizei und Staatsanwaltschaft anrückten und das Anwesen mehrere Stunden durchsuchten. Die Ermittler gingen diskret und zurückhaltend vor - was wiederum ins Bild passt, das sie seit Monaten abgeben.

Das Haus gehört Charles Smethurst, einem Immobilienunternehmer, und seiner Familie. Er steht seit Monaten im Verdacht, mit einem undurchsichtigen Firmengeflecht rund um die German Property Group Anleger vornehmlich aus Großbritannien und asiatischen Ländern um Millionen Euro geprellt zu haben. Smethurst und seine Leute sammelten im großen Stil im Ausland Geld ein, versprachen den Anlegern, damit alte Baudenkmäler in ganz Deutschland zu sanieren und gewinnbringend zu verkaufen. Den Anlegern wurden Renditen von zehn bis 15 Prozent versprochen. Doch wie es aussieht, ist viel Geld verschwunden, zumindest das meiste Geld.

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Vermittler der Geschäfte sollen allein 20 Prozent der Anlagesummen als Provisionen eingestrichen haben. Und der Rest? Floss vermutlich nicht in die Baudenkmäler, von denen die meisten weiter vor sich hin gammeln. Andere Immobilien, in die zu investieren German Property vorgegeben hatte, befanden sich nie im Eigentum der Firma. Nun ist das Unternehmen pleite, und ob da wer womöglich kriminell zu Werke ging - das herauszufinden ist vornehmliche Aufgabe der Strafverfolger. Smethurst seinerseits hat im Verlaufe der Ermittlungen beteuert, er habe niemandem Schaden zufügen wollen. Er habe stets das Gegenteil gewollt.

Inzwischen interessiert sich auch die Finanzaufsicht für den Fall

Die Ermittlungen kamen lange Zeit nicht recht in Schwung. Die erste Strafanzeige in der Causa German Property ging Ende 2019 ein; die Durchsuchung vorigen Mittwoch war die erste Razzia überhaupt. Wobei es nicht um German Property ging, sondern um mehrere Firmen mit Namen Red Rock, die ebenso wie German Property Charles Smethurst zugerechnet werden; mit einem ähnlichen Geschäftsmodell. Durchsucht wurden neben dessen Anwesen auf dem Lande auch mehrere Büros in Hannover sowie die Privatwohnung und das Büro eines Geschäftsführers, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover sagte und damit Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und BR bestätigte. Insgesamt wurden allein in Hannover und in dem Dorf drei Server sowie 25 Umzugskartons und Daten, die in einer Cloud gespeichert waren, beschlagnahmt. Inzwischen interessiert sich auch die Finanzaufsicht Bafin für den Fall. Sie hat vergangene Woche die Geschäfte einer früheren Red-Rock-Firma schlichtweg verboten.

Anwälte von Geschädigten sind erleichtert: Endlich passiere mal was in diesem Fall. Wochenlang sollen die Polizeidirektion Hannover und das niedersächsische Landeskriminalamt (LKA) über die Zuständigkeit für den Milliardenbetrugsfall gestritten haben. Eigentlich ist für einen grenzüberschreitenden Fall, noch dazu dieser Dimension, das LKA zuständig. Doch zierte man sich dort, weil man mit der Aufarbeitung des VW-Abgasskandals ohnehin schon so viel Arbeit habe. Also landete der German-Property-Komplex letztlich bei der Kripo in Hannover, die eigens dafür eine "EK Denkmal" schuf.

Für Charles Smethurst könnte sich das Hin und Her der Behörden als angenehm erweisen. Kenner des Falls wundern sich seit Langem, dass der Geschäftsmann mit britischen Pass sowie internationalen Kontakten noch auf freiem Fuß ist. Zumal Firmengelder auch ins Ausland abgeflossen sein sollen. Smethursts Anwalt erklärte, sein Mandant halte sich in Deutschland auf beabsichtige selbstverständlich "gegenwärtig auch keinerlei Reise in das Ausland". Grund und Anlass der Hausdurchsuchung in der vergangenen Woche seien "lediglich die bekannten gegenüber unserem Mandanten erhobenen Vorwürfe". Smethurst soll dem Vernehmen nach drei schriftliche Einlassungen bei den Behörden abgegeben haben.

"Diese Betrüger haben mein Leben im Ruhestand ruiniert."

Kurz vor Weihnachten hatte Smethurst in einem Schriftsatz seiner Anwälte an die Ermittler unter Ausdruck großen persönlichen Bedauerns die Verantwortung dafür übernommen, dass noch 2019 etwa 100 Millionen Euro bei Anlegern eingesammelt worden seien. Und das, obwohl zum Jahreswechsel 2018/2019 die Verbindlichkeiten bereits auf eine Milliarde Euro gewachsen waren, während der Restwert der meist baufälligen Denkmäler allenfalls bei 700 Millionen Euro gelegen habe. Damit hätten die Verbindlichkeiten nicht mehr durch die Erträge aus dem Immobilienbestand zurückgeführt werden können, so Smethurst. Unter diesen Umständen hätte 2019 kein weiteres Kapital mehr eingesammelt werden dürfen, ließ der Geschäftsmann über seine Anwälte erklären.

Er habe aber die nachdrückliche Hoffnung gehabt, ließ Smethurst weiter wissen, dass die Investorengelder unter Einfluss glücklicher Umstände zurückgezahlt werden könnten. Keinesfalls habe er sein Handeln mit Vorbedacht darauf angelegt, die Investoren zu schädigen. Er habe stets das Gegenteil gewollt. Und er unternehme alles, um den möglichen Schaden zu verringern oder gar zu verhindern. Mit anderen Worten: Smethurst beteuert seine Unschuld.

Fragen bleiben: War das Geschäftsmodell von German Property de facto bereits kollabiert, als noch munter weiter Geld eingesammelt und ein Insolvenzverfahren erst im Sommer 2020 beantragt wurde? Der Verdacht wiegt schwer: German Property könnte ein groß angelegter Fall von internationalem Wirtschaftsbetrug sein, mit Tatort Deutschland und Geschädigten im Ausland. Erst vor wenigen Tagen schrieben 2000 britische Rentner einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und forderten Entschädigung. "Diese Betrüger haben mein Leben im Ruhestand ruiniert", schrieb ein britisches Opfer, "ich habe 30 Jahre gearbeitet und jetzt habe ich nichts davon." Doch so gravierend die Vorwürfe auch sind: Der erkennbare Ehrgeiz der Fahnder in Hannover hielt sich lange in Grenzen. Gefragt, warum sie nicht härter, schneller und energischer an ihr Ermittlungswerk gehe, verwies die Staatsanwaltschaft früher auf "ermittlungstaktisches Vorgehen", das sie nicht zu erläutern gedenke, um den Erfolg ihrer Untersuchungen nicht zu gefährden. Und im selben Atemzug wurde die Kooperationsbereitschaft von Charles Smethurst gelobt, der doch von sich aus zu den Behörden gekommen sei und auch bereitwillig Angaben mache und sich durchaus schuldbewusst gebe. Was bei den Ermittlungen dann am Ende herauskommt, bleibt abzuwarten.

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