bedeckt München 26°

Arbeitswelt:Ende der Minijobs bringt bessere Stellen

Zwei Reinigungskraefte reinigen einen Veranstaltungssaal DEU Berlin 05 11 2018

Reinigungskräfte gehören zu den Geringverdienern in Deutschland. Sie verdienen wenig und arbeiten oft unter schlechten Bedingungen.

(Foto: Jens Schicke/imago)

Forscher schlagen vor, dass Geringverdiener generell weniger Abgaben zahlen. Statt 450-Euro-Jobs könnten dann 165 000 sozialversicherte Arbeitsplätze entstehen.

Von Alexander Hagelüken

450-Euro-Jobs erwiesen sich in der Corona-Krise als Falle. Während wenige normale Arbeitsplätze wegfielen, gingen gleich 900 000 der Minijobs verloren, die jetzt zum Wahlkampfthema werden. Eine neue Studie fordert, sie abzuschaffen, um besser bezahlte und abgesicherte Arbeitsplätze zu schaffen.

Wer nur bis zu 450 Euro im Monat verdient, muss in der Regel keine Steuern und Sozialbeiträge zahlen. Brutto ist gleich netto. Der Nachteil dieser Subvention des Minijobs: Dadurch gibt es kein Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld. Minijobber haben im Vergleich zu anderen Beschäftigten ein zwölf Mal so hohes Risiko, ihre Stelle zu verlieren. Nach dem Arbeitsleben droht Altersarmut, weil sie oft kaum Rente bekommen.

Trotzdem pendelte sich die Zahl der Minijobber bis zur Corona-Krise bei sieben Millionen ein, von insgesamt etwa 40 Millionen Beschäftigten. Und jeder fünfte steckt schon mehr als fünf Jahre im Minijob. Für Studenten oder Rentner passt das Konzept, sie wollen gar nicht länger arbeiten. Aber auch Geringqualifizierte oder Mütter bleiben oft im Minijob. Denn sobald sie auch nur einen Euro mehr verdienen, müssen sie sofort zehn Prozent Sozialbeiträge zahlen. Ab höheren Verdiensten werden auch noch Steuern fällig. Es scheint sich also nicht zu lohnen, mehr zu arbeiten.

Es soll sich lohnen, mehr Stunden zu arbeiten als bisher

Die Ökonomen Tom Krebs und Martin Scheffel wollen das ändern. Für die Bertelsmann-Stiftung haben sie ein Modell entwickelt, das Minijobs für alle Bürger außer Studenten, Schüler und Rentner abschafft. Für die anderen Bürger gilt: Statt wie bisher Jobs bis 450 Euro durch die Abgabenfreiheit stark zu subventionieren, sollen alle Arbeitnehmer mit bis zu 1800 Euro Monatsverdienst weniger Sozialbeiträge zahlen. Die Beiträge steigen ab null Euro Einkommen langsam an.

Wer künftig 451 Euro verdient, würde statt 45 Euro nur noch halb so viel Sozialbeiträge zahlen. Wer in Teilzeit 1000 Euro im Monat nach Hause bringt, müsste statt bisher knapp 190 nur noch gut 110 Euro an die Sozialversicherung überweisen. Damit soll es sich lohnen, mehr Stunden zu arbeiten als bisher. Insbesondere Geringqualifizierte, Alleinerziehende und Mütter könnten von so einer Reform profitieren. "Für bisherige Minijobber entfällt zwar das bekannte brutto gleich netto, doch die Reform bietet die Chance auf einen höheren Lohn und bessere Aufstiegschancen", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Bereits jetzt sind die Sozialbeiträge für Verdienste von 450 bis 1300 Euro reduziert. Die Ökonomen Krebs und Scheffel schlagen eine noch stärkere Reduzierung vor - und eine Ausdehnung auf höhere Einkommen: "Jeder mit bis 1800 Euro bekommt eine Erleichterung", sagt Krebs.

Die Ökonomen kalkulieren, dass durch die Reform bis zum Jahr 2030 165 000 voll sozialversicherte zusätzliche Stellen entstehen, vor allem in Teilzeit. Die Zahl der Arbeitslosen sinke um etwa 90 000. Auch die Zahl der armutsgefährdeten Bürger nimmt ab. Die Zahl jener, die nur bis zu 450 Euro im Monat arbeiten, sinke gar nicht so stark. Viele können nicht länger arbeiten, weil sie zum Beispiel keine Kinderbetreuung finden oder gesundheitlich nicht dazu in der Lage sind.

Ausweg aus einer suboptimalen Beschäftigung

Aber für die anderen könnte eine Reform einen Ausweg aus einer in Wahrheit suboptimalen Beschäftigung bieten. Weil Minijobber ihren Verdienst ohne Abzüge erhalten, sind sie oft bereit, sich schlecht bezahlen zu lassen. Das würde sich durch die Abzüge ändern. Auch sonst sind Minijobs oft Arbeit zweiter Klasse, weil Firmen Arbeitnehmer auf Abruf beschäftigen, auf Weiterbildung verzichten und Rechte wie bezahlten Urlaub ignorieren.

Die Minijobs sind auch Thema im Wahlkampf. "Die Corona-Krise hat erneut gezeigt, dass die soziale Sicherung der Minijobs unzureichend ist", schreibt die SPD im Wahlprogramm. "Unser Ziel ist, alle Beschäftigungsverhältnisse in die soziale Sicherung einzubeziehen. Dabei wird es Übergänge für bestehende Arbeitsverhältnisse und Ausnahmen für Gruppen wie Rentner*innen geben." Die Sozialbeiträge sollen für Verdienste bis 1600 statt wie bisher 1300 Euro abgesenkt werden. Auch die Grünen wollen "Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführen, mit Ausnahmen für Studierende, Schüler*innen und Rentner*innen".

Dazu sagt Tom Krebs: "Unsere Reformvorschläge stehen in Einklang mit den Forderungen der Grünen und der SPD, alle Beschäftigungsverhältnisse von Erwerbspersonen sozial abzusichern und die geringen Einkommen zu entlasten." Falsch findet Krebs dagegen den Plan der Union, die Grenze für Minijobs von 450 Euro auf 550 Euro zu erhöhen: "Die Union weitet die Minijobfalle aus."

Genauere Zahlen zeigen, wer die Minijobber sind. Von jenen, die es nur nebenbei machen, haben 70 Prozent eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. Ganz anders jene, für die der Minijob die Hauptbeschäftigung ist: Sie haben zu 70 Prozent keinen Abschluss. Und 60 Prozent jener, deren Minijob der Hauptjob ist, leben in Haushalten, die insgesamt nur ein Nettoeinkommen von weniger als 2000 Euro haben. Wenn durch ein Modell wie das von Krebs und Scheffel besser bezahlte und abgesicherte Stellen entstehen, profitieren also Menschen mit geringeren Qualifikationen und Einkommen stark.

Eine solche Reform kostet natürlich erst mal Geld. Im ersten Jahr fehlen dem Staat knapp fünf Milliarden Euro Einnahmen. Durch die ausgeweitete Beschäftigung nimmt der Staat aber mehr Steuern und Sozialabgaben ein und erspart sich durch die sinkenden Arbeitslosenzahlen beispielsweise Arbeitslosengeld. Die Reform zahle sich für den Staat nach einiger Zeit aus. Bereits vom Jahr 2041 an überstiegen die Mehreinnahmen für die öffentliche Hand die Kosten der Reform.

© SZ/shs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB