Gerichtsurteil:Gegenwärtig könne man die Wertminderung noch gar nicht abschätzen

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Dietrich Messler, Anwalt des klagenden Kunden in Bochum, hatte im Lauf des Prozesses jedoch darauf verwiesen, dass das bislang auf etwa 19 700 Kilometer genutzte Fahrzeug faktisch unverkäuflich sei. "Das zeigt die Erheblichkeit", sagte er. Sein Mandant wolle sich von dem Wagen trennen und nicht warten, bis Volkswagen den Mangel durch Nachrüstung behoben habe.

Auch Verbraucherschützerin Richter glaubt, dass die Bagatellgrenze durch den niedrigeren Wiederverkaufswert überschritten werden könnte. Gegenwärtig könne man zwar die Wertminderung noch nicht einschätzen, da sie sich erst beim Wiederverkauf zeige. "Ob sie dann tatsächlich nur ein Prozent betragen wird, ist aber natürlich sehr fraglich", sagt Richter.

Bei einem 38 000 Euro teuren Auto liegt die Grenze bei 380 Euro

Ist der vorliegende Mangel also ein erheblicher Mangel oder nicht? Die Frage ist entscheidend. Nicht nur für den VW-Kunden, der nun in Bochum geklagt hat. Sondern auch für alle anderen 2,5 Millionen Menschen, die allein in Deutschland von der Abgas-Affäre betroffen sind.

Interessant für viele VW-Fahrer dürfte sein: Bei dem 38 000 Euro teuren Tiguan, um den es vor Gericht in Bochum ging, liegt die Grenze bei 380 Euro. Doch der ebenfalls betroffene VW Golf ist für etwa die Hälfte zu haben. Und ab Herbst kommen jene Rückrufe an die Reihe, bei denen das Software-Update nicht ausreicht, sondern auch ein Bauteil eingesetzt wird - was den Werkstattaufenthalt womöglich teurer macht. Dann also könnte die Ein-Prozent-Marke geknackt werden.

In dem Fall, der in Bochum verhandelt wurde, sah es zwischenzeitlich so aus, als könne der Kunde auf Kulanz hoffen. Der Anwalt des Autohauses hatte noch vor zwei Wochen signalisiert, dass man sich mit dem Käufer einigen könne - schließlich sei dieser ein Stammkunde. Letztlich aber gab es keine Einigung.

Gericht bestätigt vorerst den Kurs von VW

Das schärfste Mittel wollte das Bochumer Gericht nicht vorschreiben: die Rücknahme gegen Erstattung des Kaufpreises abzüglich Nutzungsentgelt. Der Anwalt des Kunden, der in Bochum vor Gericht gezogen war, hatte zwischen 2500 und maximal 4000 Euro Abzug für die Nutzung des ein Dreivierteljahr alten Wagens ausgerechnet. Um die 35 000 Euro hätte das Autohaus also bei Rücknahme des VW Tiguan auf den Tisch legen müssen.

VW kann sich vorerst also in seinem Kurs bestätigt sehen, die Mängel in Europa mit einer groß angelegten Rückrufwelle und ohne Rückkäufe aus der Welt zu schaffen. Falls die Nachrüstung nicht bei allen Wagen gelingt, bleibt noch die Möglichkeit der "Minderung" - also einer finanziellen Entschädigung des Käufers für Wertverlust.

Dass die mit der Schummelsoftware ausgestatteten Autos derzeit unverkäuflich sind, ist eine Sorge, die viele Kunden umtreibt. Und zwar unabhängig vom Land, in dem es gekauft wurde. In den USA versucht VW bereits, den Kunden solche Sorgen zu nehmen. Dort steht der Rückkauf von etwa 100 000 Autos im Raum, jeder betroffene Kunde bekommt vom Konzern 1000 Dollar Entschädigung. Eine Lösung, die Verbraucherschützer auch für andere Kunden fordern: "Jeder Betroffene sollte gleichgestellt werden", sagt Dunja Richter. "Was den Amerikanern zusteht, sollten auch die deutschen Kunden bekommen."

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