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Gerechtigkeit:Pay Gap im Kinderzimmer?

Experten fragen sich, ob Jungen mehr Taschengeld bekommen als Mädchen.

Von Simon Gross

Wie Kinder reagieren, wenn Mädchen für die gleiche Hausarbeit weniger Geld bekommen als Jungen, zeigt ein Werbefilm einer australischen Bank: Die Mädchen sind verärgert, verstehen nicht, warum sie sich mit weniger Geld zufrieden geben sollen. Das sei doch unfair, protestieren sie. Es folgen Plädoyers der Kinder dafür, Frauen und Männer gleich zu bezahlen. In deutschen Kinderzimmern hätte es solchen Protest oft geben müssen - wegen des Taschengeldes. Umfragen legten bislang immer wieder nahe, dass Jungen mehr Taschengeld bekämen als ihre Schwestern. Was ist da dran?

Die Ergebnisse der "Kinder-Medien-Studie 2019" zeigen, dass sich die Taschengelder von Mädchen und Jungen im Laufe der vergangenen zwei Jahre angeglichen haben: Während Mädchen 2017 durchschnittlich noch 1,71 Euro weniger Taschengeld bekamen, lag der Unterschied 2019 nur noch bei elf Cent. Insgesamt hätten Mädchen 2019 ein monatliches Taschengeld in Höhe von 20,46 Euro und Jungen in Höhe von 20,57 Euro erhalten. Für die repräsentative Umfrage wurden mehr als 2000 Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren und mehr als 500 Eltern von Vier- bis Fünfjährigen befragt.

Das Taschengeld sinkt - aber immer mehr Eltern bezahlen Abo-Dienste für ihre Kinder

Beauftragt haben die Studie sechs große Verlage für Kinderzeitschriften, darunter der Herausgeber des Magazins Micky Maus, Egmont Ehapa, und Panini, der vor allem für seine Fußball-Sticker bekannt ist. Für sie sind die Ergebnisse über die unterschiedliche Höhe der Taschengelder eher ein Nebenprodukt. Eigentlich soll die Befragung den großen Verlagen anzeigen, was deren Klientel gerne liest - und wofür sie ihr Taschengeld ausgibt (Süßigkeiten und Zeitschriften). Als die Umfrage 2017 das erste Mal durchgeführt wurde, seien die Macher dann auf die Daten gestoßen und hätten sich entschlossen, sie mit zu veröffentlichen, sagt Simon Peter, Chefredakteur bei einem der weiteren auftraggebenden Verlage, Blue Ocean Entertainment. Eingehend befasst hätten sie sich aber nicht mit den Hintergründen. "Wir machen hier keine Sozialstudie", sagt Peter. Die Information sei damals als Gender Pay Gap bei Kindern vor allem auf Social-Media-Kanälen verbreitet worden. Peter hielt das damals für unsinnig, da es sich bei Taschengeld ja nicht um echtes Einkommen handele. Aber die Grafik hätte sich eben für eine klare Botschaft geeignet, und so seien sie schließlich sogar im Twitter-Feed der Tagesschau gelandet. Peter betont, dass es ihnen nicht darum gegangen sei, mit der Information Aufmerksamkeit zu erzeugen: "Das war nie unsere Verkaufe."

Dabei war die unterschiedliche Höhe der Taschengelder schon 2017 nichts Neues. Eine ähnliche Befragung namens "Kids Verbraucheranalyse" ließ Egmont Ehapa zuvor jahrelang durchführen. Auch darin fand sich wiederholt die Differenz der Taschengelder, die mal größer und mal kleiner ausfiel. Laut der Umfrage lag 2011 zum Beispiel das durchschnittliche monatliche Taschengeld von Kindern im Alter zwischen sechs und 13 Jahren für Jungen bei 25,85 Euro und für Mädchen bei 23,68 Euro. Dafür lagen Mädchen bei der Höhe der Geldgeschenke zu Geburtstag, Weihnachten und Ostern jeweils vor den Jungen. Noch größere Diskrepanzen hatte das von den Landesbausparkassen in Auftrag gegebene "LBS-Kinderbarometer 2009" gefunden. Hier übertrafen die Jungen die Mädchen sogar um rund drei Euro durchschnittlich.

Wieso es jetzt danach aussieht, dass die Unterschiede beim Taschengeld verschwinden, kann sich Peter nicht erklären: "Die Zahlen sind sauber, alles Weitere liegt im Bereich der Spekulation." Wissenschaftliche Untersuchungen gebe es zu dem Thema nicht, sagt Alexandra Langmeyer vom Deutschen Jugendinstitut in München. Schon 2017 hatte sie in der Tageszeitung Neues Deutschland dazu geraten, die Ergebnisse der Umfragen nicht überzubewerten. Die Ergebnisse hätten nicht immer einen Unterschied angezeigt.

Eine weitere Auffälligkeit gibt es bei der diesjährigen Umfrage: Demnach sinkt das Taschengeld bei beiden Geschlechtern seit 2017. Weil Eltern ihren Kindern möglicherweise zunehmend Abo-Dienste wie Spotify finanzierten, würden sie weniger Taschengeld auszahlen, vermutet Peter. Immerhin würde dabei niemand benachteiligt, da Abos für Jungen genauso viel kosten wie für Mädchen.

© SZ vom 04.01.2020
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